zu stören, fuhr die Herzogin in der Manier der Frau Venus fort zu reden und erwiderte:
"Danhäuser, nit reden also!
ir tund euch nit wohl besinnen;
so gegen wir in ain kemerlein
und spilen der edlen minne!"
Die Herzogin lispelte diese Worte geradeso verführerisch, wie sie einst Frau Venus gesprochen haben mag. Der Ritter schien aber wenig davon erbaut zu sein; er schüttelte mit dem schönen schwarzlockigen kopf, und ohne von den Tränen Notiz zu nehmen, die aus den Augen der hohen Dame in den roten Kaschmirschal rieselten, öffnete er zum zweiten Male den holdseligen Mund und antwortete, indem er die hände in die Hosentaschen steckte, mit sehr akzentuiertem Tone:
"Eur minne ist mir worden laid,
ich hab in meinem Sinne:
fraw Venus, edle fraw so zart!
ir seind ain teufelinne."
Hierüber entsetzte sich die Herzogin nur um so mehr, so dass sie unwillkürlich ein Kreuz schlug, was sie seit dem Einzug der Alliierten in Paris nicht mehr getan hatte. Tödlich wäre es der Herzogin gewesen, ihren Schnapphahnski zu verlieren; hätte sie nicht ihren kahlen Kopf gefürchtet, sie würde die Perücke vor Verzweiflung unter die Decke geschleudert haben. Mit den Zähnen konnte sie ebenfalls nicht knirschen, denn, wie unsern Lesern bekannt ist, waren sie mehr ein Produkt des Zahnarztes als der Mutter natur. Das Rollen der gewaltigen Augen durfte daher einzig und allein den Zorn ihres inneren zu erkennen geben, und dies Augengeroll war entsetzlich: zwei Roulettescheiben glaubte man in wilder Bewegung zu sehen.
Vergebens waren aber alle Anstrengungen: der Ritter beharrte auf seinem Vorhaben, und die Herzogin würde sich gewiss mit einer Haarnadel den Tod gegeben haben, wenn der muntere Schnapphahnski nicht plötzlich den Schluss des berühmten Tannhäuser-Liedes gesprochen und ihr erklärt hätte:
"Ich will gegen Rom wohl in die statt
gott well mein immer walten!
zu einem bapst der haist Urban
ob er mich möchte behalten – –"
Als nämlich der Ritter diesen Vers zitiert hatte, trocknete die Herzogin ihre Tränen aus beiden Roulettescheiben und sprang empor mit dem Schrei des Entzückens.
"Ja, zum Papst! Zum Papst Urban!" rief sie. "Wenn er dich auch nicht behalten soll, so soll er dich wenigstens erlösen. Ja, nach Rom, zum Papst! Ich werde dich begleiten – –" Mit beiden Armen umschlang die Herzogin ihren geliebten Ritter.
Am nächsten Morgen waren sie auf dem Wege nach Italien.
Meine Leser können unmöglich verlangen, dass ich ihnen die Abenteuer dieser italienischen Reise haarklein erzähle. Ich dachte damals noch nicht an den Ritter Schnapphahnski und bestach daher weder einen Kutscher noch eine Kammerfrau, um mir alle die süssen Geheimnisse mitzuteilen, die zwischen der kalten Jungfrau und dem feurigen Vesuv vorgefallen sein mögen. Genug, unser glückliches Paar reiste von der Jungfrau bis fast an den Vesuv, d.h. bis nach Rom. – Es versteht sich von selbst, dass unsere Pilger nicht wie die Pilger von ehedem zu Fuss in härenem Gewände ihre Strasse zogen. Nein, sowohl Frau Venus als Ritter Tannhäuser stimmten in der Ansicht überein, dass der religiöse Fanatismus mit einer bequemen Karosse wohl zu vereinbaren sei. Indem sie nicht nur bequem, sondern höchst elegant reisten, befolgten sie sogar recht eigentlich das Prinzip des Katolizismus, denn die katolische Religion ist die Religion des Glanzes und der Pracht.
Gerade das macht den Katolizismus liebenswürdig, dass er ein Auge für das Schöne, für das Sinnliche hat. Alles, was sinnlich ist, ist aber ewig, und so glaube ich auch an die Ewigkeit des Katolizismus. Man lache mich ja nicht aus! In keinem Falle muss man mir aber mit den Griechen kommen. Man könnte mir nämlich vorwerfen, die Griechen seien auch im höchsten Grade sinnlich gewesen, und trotzdem wären ihre Götter verschwunden, und niemand denke und niemand glaube mehr an sie – – dummes Zeug! Die Griechengötter leben bis auf den heutigen Tag.
Oh, ich habe das einem meiner alten Lehrer an der Nase angesehen. Am Morgen gab er uns nämlich den nüchternen protestantischen Religionsunterricht, und dann war er ledern, zum Verzweifeln. Steif wie ein Stockdegen stand er vor uns, seine Ohren waren länger als gewöhnlich, seine Gesichtsfarbe war bleiern fahl, und die Worte haspelten sich aus seinem mund los wie ein dünner langweiliger Zwirnsfaden von einer unbeholfenen Spule – oh, es war entsetzlich, wie man uns peinigte! Da kam der Abend; und derselbe Mann, der uns morgens den Katechismus einpaukte, er schlug den Homer auf und las uns einen Gesang der Odyssee vor. Anfangs holprig und poltrig. Man merkte, dass der arme Mann erst das Christentum vergessen musste, um ganz wieder Heide zu werden. Aber allmählich ging es besser, mit jeder Strophe gewann seine stimme an Wohlklang. Es war, als wenn der ganze Mensch von Minute zu Minute anders geworden wäre. Der rücken hörte auf, steif zu sein, die Ohren wurden kleiner, sein Gesicht belebte sich, seine Augen funkelten; der Schulmeister war ein Mensch geworden, ja, der arme Teufel war plötzlich ein schöner Mann, und er riss uns fort, und atemlos horchten wir, und war er zu Ende und blitzten Freudentränen in seinen Wimpern, da stürzten wir auf ihn los, und warm drückte er uns die hände, und heiter eilten wir in die Nacht hinaus, wo die Sterne am dunkeln Himmel heraufzogen, feierlich, prächtig – ach, und wir glaubten an die