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Aber das ist die Ironie des Schicksals, dass schon mancher Titane, der für das Heil der Menschheit schwärmte, nicht einmal seine Hosen bezahlen konnte – –

Mensch, mache keine Schulden! Ein Gläubiger ist erboster als eine Hornisse, beständiger wie der Teufel und langweiliger als ein Engel.

Mit dem Bezahlen der Schnapphahnskischen Schulden glaubte die Herzogin indes, noch nicht genug getan zu haben. Vor allen Dingen wollte sie ihm wieder Bahn in die Berliner Gesellschaft brechen. Nur eine Herzogin von S. konnte eine solche Aufgabe übernehmen. Eine Frau, die alle Intrigen des Ancien régime und der Revolution kannte, die alle Wechselfälle des Kaiserreichs, der Restauration und der Dynastie mit durchgemacht hatte, schrak vor nichts zurück. Imponierend durch ihre Kühnheit, durch ihre Erfahrung und durch ihren kolossalen Reichtum, sehen wir sie zugleich mit unserem Ritter in Berlin auftreten. Die alten Feinde Schnapphahnskis regen sich an hundert Orten; aber ohnmächtig sind sie gegen die Energie der Herzogin; die heillosesten Geschichten ihres Freundes werden zu den liebenswürdigsten Abenteuern; Hass, Spott, Gelächter: alles weiss sie zu besiegen. In einer Audienz bei dem Gespiel ihrer Jugend weiss sie Schnapphahnskis Zulassung zu den höchsten Kreisen durchzusetzen. Der Ritter wird wieder "möglich", er fasst Fuss, er bekommt eine Stellung undmuss geduldet werden. Schnapphahnskis politische Laufbahn beginnt.

XIX

Die Römerfahrt

Ehe wir unserm Ritter auf dem dornenvollen Pfade der Politik folgen, müssen wir noch eine Episode seines Lebens berühren, die zu merkwürdig ist, als dass sie übergangen werden dürfte. Es tut uns nur leid, dass wir etwas weit von dem bisherigen Schauplatz der begebenheiten abschweifen müssen. Schon einmal begleiteten wir unsern Helden bis nach Spanien; heute müssen wir ihm nach Italien folgen. Damals begleiteten wir ihn bis in das Leihhaus von Pampeluna; heute folgen wir ihm bis zu den Füssen des Heiligen Vaters.

Wir haben nämlich nichts mehr und nichts weniger zu erzählen als die Römerfahrt unsres Ritters.

Alle grossen Sünder verrauschter Jahrhunderte hielten es für ihre Pflicht, wenigstens einmal im Leben, wenn auch nicht nach dem Heiligen grab, so doch nach Rom zu wallfahrten, um dort, von allen Skrupeln erlöst, desto ruhiger in einen neuen Sündenabschnitt ihres Lebens hineinzusteuern.

Jede Zeit hatte ihre Sitte; so auch die damalige. Die Griechen brachten den Göttern Hekatomben; das Mittelalter pilgerte nach Rom; wir sündigen Menschen der Jetztzeit pilgern höchstens nach Paris.

Nach Paris, dem welschen Babylon! Nach der heiligen Stadt der schönen Babylonierinnen! Auf den Boulevards zu spazieren, zu tanzen in den ChampsÉlysées und zu Mittag speisen bei Véry für 48 Francs. – O welches Vergnügen! Wie ein Araber in Mekka, wenn er, die arme kreuzend und blumenreiche Gebete murmelnd, in die heilige Kaaba tritt, so trat ich, Mabille, in deinen Garten und neigte mich, o Babylon, vor deinen Frauen!

Die Rosen dufteten, die Seide rauschte.

"Hörner, Pauken und Trompeten

Tönten jubelnd die Fanfare,

Und wir riefen alle: Heil!

Heil der Königin Pomare!"

Herr von Schnapphahnski hielt aber fest an den Sitten der Väter; Se. Hochgeboren waren ein guter Katolikniemand wird ihm dies verdenken.

Die protestantische Religion ist eine Religion für Kaufleute und Fabrikanten – – Herr von Schnapphahnski war weder Kaufmann noch Fabrikant, sondern, wie gesagt, ein guter Katolik. Nichtsdestoweniger machte er aber von Zeit zu Zeit seine Bilanz, d.h. seine geistige oder Seelenbilanz, indem er sich dann jedesmal den Saldo seiner Sünden von der guten Mutter Kirche quittieren liess. Eine materielle Bilanz brauchte der Ritter um so weniger zu machen, da ja die Herzogin von S. seine sämtlichen Schulden bezahlt hatte.

Mit der geistigen oder Seelenbilanz unseres Helden sah es diesmal schlimm aus. Der edle Ritter hatte viel auf dem Herzen. Seit mehreren Jahren hatte er die Sündenconti seines Gewissens nicht abgeschlossen, und wenn er die Folioseiten seines Gedächtnisses durchblätterte, so fand er nur gar zu viele dittos in seinem Debethöchst wenige im Kredit.b

Unser Ritter ging daher eines Tages sehr ernstlich mit sich zu Rate; er zerbrach fünf Federmesser und zerschnitt zehn Bleistifte. Nachdem er aber die fünf Federmesser zerbrochen und die zehn Bleistifte zerschnitten hatte, schnitt er mit dem sechsten Federmesser den elften Bleistift und entwarf die folgende:

Geistige oder Seelen-Bilanz des berühmten Ritters

Schnapphanski

Unsere Leser werden gestehen, dass diese Abrechnung eben nicht sehr günstig für unsern Ritter ausfiel. Wenn nicht der Papst ebenso grossmütig war wie die Herzogin von S., so liessen sich die geistigen Angelegenheiten unseres Helden bei weitem nicht so leicht ordnen, als es eben erst mit seinen materiellen Verhältnissen geschah. Herr von Schnapphahnski wollte aber nichts unversucht lassen, und so trat er denn eines Morgens in das Zimmer der Herzogin und sprach in der Weise Ritter Tannhäusers die folgenden berühmten Worte:

"Mein Leben das ist worden krank,

ich mag nit lenger pleiben;

nun gebt mir urlob, frewlin zart,

von eurem stolzen leib!"

Die Herzogin erschrak natürlich im höchsten Grade und begriff nicht gleich, was die geschichte zu bedeuten hatte. Sie war erst eben so gefällig gewesen, die Schulden ihres Freundes mit baren 200000 Talern zu bezahlen, die Ablösung vieler kleinen Hypoteken ungerechnet; und nun wollte der Ritter schon wieder fortziehn: das war nicht recht! Es fiel ihr im Traume nicht ein, dass der Ritter zur Busse seiner Sünden nach Rom pilgern wollte – – Ohne sich daher an der altdeutschen Sprachweise ihres Freundes