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englische Ehefrau; die schöne Lüge eine französische Grisette.

Doch zurück zu Schnapphahnski!

Es war die höchste Zeit, dass unser Ritter in seinen Unternehmungen reüssierte; er siegte noch gerade zur rechten Zeit über die Herzogin; ihre Grossmut konnte ihn noch retten. Die bedeutenden Besitzungen der Schnapphahnskischen Familie im östreichischen Schlesien sollten nämlich öffentlich verkauft werden, da der Ritter nicht mehr imstande war, sie zu halten. Schon war der Versteigerungstermin bestimmt, und ein Bevollmächtigter des K. von H. präsentierte sich, um die enorme Besitzung zu erstehen. Da trat jene Wendung in dem Leben unseres Ritters ein ... Die Herzogin von S. schwärmte für Schnapphahnski, und kein Opfer war ihr zu gross, um dem unglücklichen mann zu helfen. Durch ihren Einfluss wusste sie es dahin zu bringen, dass der K. von H. seinen Bevollmächtigten zurückzog und die idee des Kaufes fahren liess. – Andere Bieter waren bei der ungemeinen Beträchtlichkeit der herrschaft nicht zu fürchten und nicht vorhanden, und die Herzogin gab dann dem Ritter 200.000 Taler, damit er die ganze geschichte halten konnte. Hiermit nicht zufrieden, veranlasste der Ritter seine Gönnerin ausserdem noch, nach und nach die Hypoteken, welche auf den andern Gütern lasteten, abzulösen und so mit seinen bedeutendsten Schulden tabula rasa zu machenunser Freund war einer der Glücklichsten unter der Sonne.

Ihr erinnert euch jener Sage von einem verwünschten schloss? Disteln und Dornen waren hoch um die alten Mauern gewachsen und bildeten mit den efeuberankten Bäumen des Waldes einen undurchdringlichen Kranz, der die ganze Feste einschloss. Totenstille herrschte in dem prächtigen raum. Auf dem hof schlummerten Hunde und Katzen; regungslos standen im Stalle die edlen Rosse, eben noch bedient von rüstigen Knechten, die plötzlich bei der Arbeit eingeschlafen waren und mit halb geschlossenen Augen träumerisch an den Krippen lehnten.

In der Küche nickten Koch und Küchenjunge, und da und dort sassen die andern Dienstboten, alle wie vom Schlage gerührt. In den Hallen des Saales ruhten aber auf weichen Polstern: Herren und Damen, beim Bankett vom Schlafe überrascht, die Becher noch in Händen, mit gesenkten Häuptern.

Kurz, alle lebenden Wesen des Schlosses, von den Helden des Saales an bis zu der Fliege an der Wand, waren behext und vom Zauber berückt, und schlafen würden sie vielleicht noch heute, wenn sich nicht einst ein jugendlicher Ritter mit dem Schwerte Bahn durch die Disteln und Dornen geschlagen hätte und keck hinein in den verwünschten Raum gedrungen wäre.

Er sah sich verwundert um, und er begriff, dass dieser Zauber nur auf ganz eigentümliche Weise gelöst werden könne. Wochenlang hätte er die Herren und die Diener rütteln und schütteln können: sie würden doch nicht wach geworden sein. Er schritt daher die Wendeltreppe des Turmes hinauf, und als er hoch oben in ein kleines Gemach trat, da fand er auf weiche Kissen hingegossen: die schönste Jungfrau. Die Lokken ruhten neben dem lieblichen Köpfchen, und die Lippen leuchteten in rosiger Frische.

Entzückt war der Ritter, und lange schwelgte er in dem seligen Anblick. Als er sich aber genug erquickt hatte, da bog er sich hinab, und es verstand sich von selbst, dass er die Schöne mitten auf ihren roten Mund küssteda war der Zauber gelöst!

Im hof erwachten Hunde und Katzen; im Stall die Rosse samt ihren Knechten; in der Küche fuhr Koch und Küchenjunge empor, und erwachend reckten die übrigen Dienstboten ihre steifgewordenen Glieder. Die Herren und Damen des Saales regten sich nicht minder: sie fuhren in ihrem Bankett fort und ahnten kaum, dass sie ein paar Hundert Jahre lang geschlafen hatten.

Kurz, alles wurde lebendig, von den Helden des Saales an bis zu der Fliege an der Wand, denn oben im Erker küsste der Ritter die Jungfrau, und vom Traume erwachend, sank sie liebeseufzend an seine Brust.

Gelehrte Leute behaupten, der ganze Zauber rühre von dem Stich einer Spindel her und nur durch einen Kuss könne so etwas wiedergutgemacht werden – –

Ich weiss nicht, wie es darum steht, soviel ist aber gewiss, dass die Umarmung des Ritters Schnapphahnski und der Herzogin von S. denselben Einfluss auf die verschuldeten Güter des erstern hatte wie der Kuss des Ritters der Sage und der schlafenden Jungfrau auf das verwünschte Waldschloss. Der Kuss des Ritters entzauberte das Schloss; die Umarmung unseres Schnapphahnski entypotezierte seine sämtlichen Besitzungen.

Wie die Rosse des Waldschlosses froh in die Luft hinauswieherten, dass endlich der Spuk gelöst sei, so huben sich auch die Merinomutterschafe und Böcke der Schnapphahnskischen Güter freudig empor und blökten ihrem schuldenfreien Herrn ein lustiges Willkommen.

Schnapphahnski hatte keine Schulden mehr.

Jeder, der einmal Schulden hatte, wird die Seligkeit dieses Gefühles zu begreifen wissen. Schulden gehören zu den unangenehmsten Rückerinnerungen; Schulden sind gewissermassen der Katzenjammer längst verrauschter Genüsse. Alle dummen Streiche, die wir im Leben begingen, treten in den steifen Ziffern unserer Schulden noch einmal ärgerlich vor unser Gedächtnis, und mit widerlichen Grimassen grinst die Vergangenheit in unsere Gegenwart herein.

Das Schlimmste bei den Schulden ist indes, dass wir mit den Schulden Gläubiger bekommen! Diese ernsten, mürrischen Leute, die uns auf der Strasse mit Nasenrümpfen anschauen, die schon in der goldenen Frühe an unsere Tür pochen, um uns all ihren Jammer vorzuleiern, ja, die uns gar bei der Arbeit überraschen, wenn wir mit den höchsten Weltinteressen beschäftigt sind, um uns von dem Sinai unserer Gedanken in das tote Meer ihrer kleinbürgerlichen Misere hinabzuziehenoh, es ist entsetzlich