Landsitze des Grafen kehrte damals die Herzogin nach ihrem schloss zurück, und es verstand sich von selbst, dass sie unsern Ritter mitnahm. Es erfolgte nun ein Zusammenleben, dass man unmöglich hinlänglich beschreiben kann. Ein griechischer Kultus wird eingerichtet; die Herzogin lässt die Badegrotte mit asiatischem Luxus neu möblieren, und hier weilen die Liebenden halbe Tage lang.
Odysseus und Kalypso.
"Also geschah's; da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich. Beide gingen zur kammer der schöngewölbten Grotte und genossen der Lieb und ruheten nebeneinander." Todmüde und nach Luft schnappend, zieht sich der Ritter endlich nach seinem Gute zurück. Aber hierhin folgt ihm die Schöne, voll ungestillten Verlangens, in Mannskleidern – – –
Gross wie der Dienst war auch schliesslich der Lohn. Auf einen Schlag erhält der Ritter 200000
XVIII
Das Resultat
Komisch würde es sich ausnehmen, wenn man auf unsern heutigen Bühnen bei hellem, lichtem Tage Teater spielen wollte. Unter der ganzen gemalten Herrlichkeit würde das Eselsohr der Wirklichkeit hervorschauen. Blumen und Bäume würden ihren Glanz verlieren, und Salons und prächtige Hallen würden zu wahren Ställen und schofeln Korridoren hinabsinken. Auch die Künstler würden sich ganz anders ausnehmen. Unter einem Almaviva würde man trotz der besten Maske den Herrn Meier erkennen, Marquis Posa käme als Herr Fischer zum Vorschein, und so würde man einen jeden an seinen Blatternarben erkennen, an seinem schlechten Schnurrbart oder an irgendeiner andern Vernachlässigung der Schöpfung, und der Herr Direktor würde bald vergebens sein Haus zu füllen suchen.
Wie es dem Direktor mit dem Teater geht, so ging es mir mit der Herzogin von S. Meine letzten Schilderungen würden ebenfalls hübscher geworden sein, wenn ich sie bei Lampenlicht hätte geben können. Aber nur in trocknen Worten, bei unzweifelhaftem Tageslichte musste ich die Schönheiten jener hohen Dame zergliedern; da half kein Bitten und kein Flehen, die Sache wollte nun einmal beschrieben sein, so oder so, jedenfalls aber gemäss der Wahrheit, und leider musste ich gehorchen. Meine Leser werden bemerkt haben, dass dies nur mit grossem Widerstreben geschah, ich zog die Sache soviel wie möglich in die Länge und würde mich durch das Zwischenschieben anderer, fremdartiger Geschichten wohl noch länger dagegen gesträubt haben, wenn mich mein Gewissen nicht daran erinnert hätte, dass es besser sei, lieber um kein Haar breit von meinem Texte abzuweichen und allein der Wahrheit die Ehre zu geben.
Ich blieb bei der Wahrheit, und ich war deshalb zehnmal weniger interessant, als wenn ich die Göttin der Lüge umarmt hätte. Wahrheit und Lüge! Die Göttin der Wahrheit ist wie ein sechs Fuss hohes Mädchen mit blonden Haaren und mit kaltem, aber schneeweissem Teint. Aus zwei grossen blauen Augen, die wie zwei Himmel in ruhig heiterer Herrlichkeit zu dir niederlächeln, schaut dich die Seele der reinen, keuschen Göttin so unbefangen und doch so feierlich an, dass du nur schüchtern zu nahen wagst, um ihr höchstens die Stirn zu küssen, die hohe olympische Stirn, und dann eines Befehles zu harren in banger Unterwürfigkeit, den langen, lieben, langweiligen Tag. Es geht uns mit der Wahrheit wie Cupido mit den sämtlichen Musen. Ich entsinne mich nämlich, gelesen zu haben, sagt Meister Alcofribas, dass einst Cupido, den seine Mutter Venus fragte, warum er nicht die Musen anfiel, zur Antwort gab, er fände sie so schön, rein, ehrbar, sittsam und stets beschäftigt, die eine mit Betrachtung der Sterne, die andere mit Berechnung der Zahlen, die dritte mit geometrischen massen, die vierte mit rednerischer Erfindung, die fünfte mit poetischen Künsten, die sechste mit Musikbesetzung usw., dass er, wenn er zu ihnen käme, seinen Bogen abspannte, den Köcher zuschlöss und die Fackel verlöschte, aus Scham und Scheu, ihnen weh zu tun. Auch nähme er sich die Binde von den Augen, sie offenen Angesichts zu schauen, ihre artigen Lieder und Oden zu hören: dies wäre ihm die grösste Lust der Welt, so dass er sich öfters schier verzückt fühle in ihrer Anmut und Lieblichkeit, ja in der Harmonie entschliefe, geschweige dass er sie überfallen oder von ihren Studien sollte abziehen. – So geht es uns denn auch mit der Wahrheit.
Oh, wie anders ist es mit der Lüge! Die Göttin der Lüge oder der Phantasie, wenn ihr sie lieber so nennen wollt, ist nicht wie die der Wahrheit ihre sechs Fuss hoch; sie trägt auch keine blonden Haare – nein, eine kleine schwarz- oder braungelockte person ist sie, südlich dunkler Gesichtsfarbe, mit schelmischem Rosenmund und so verführerisch zierlich an Taille, Händen und Füssen, dass man wirklich gleich auf allerlei Irrwege geraten würde, wenn die beiden feurigen Augen der Kleinen nicht so sehnsüchtig verlangten, dass man sich taumelnd in ihnen verlöre wie eine Mücke im flammenden Lichte. Ruhig nicht und ernst ist die reizende Göttin, nein, sie ist lebendig, beweglich; sie tanzt und singt und schmückt ihre Locken mit lustigen Blumen, lachend und weinend, wie es ihr gerade einfällt, und immer bleibt sie graziös. Der Wahrheit musst du huldigen wie einer Königin, und was sie dir gibt, das gibt sie dir aus Gnade. Nicht so die Phantasie. Statt ihr nachzulaufen, läuft sie mitunter dir nach, und bist du ein hübscher Junge, da besucht sie dich in den Nächten des Frühlings und schlingt ihre weichen arme um deinen Nacken und küsst dich, und am Morgen wachst du verwundert auf. Die nackte Wahrheit ist eine