sie nie so sehr an ihrem Glück verzweifeln, dass sie sich länger als einen Tag lang ärgerten oder ennuyierten. – Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Ritter, sind Sie seit gestern unglücklich oder seit heute?"
"Seit zehn Minuten, gnädige Frau!" Der Ritter faltete die hände und sah die Herzogin mit schwärmerischen Augen an. Die Herzogin hätte tausend Louisdor darum gegeben, wenn es ihr möglich gewesen wäre, in diesem Augenblick leise zu erröten.
"sehen Sie nur, wie er wedelt und scharwenzelt", murmelte der Graf. – "Wie ein junger Hund vor einer alten Katze", erwiderte der Baron. – "Ich hätte ihn nie für einen so grossen Komödianten gehalten." – "Er hat sich zehn Jahre lang jeden Tag vor dem Spiegel im Gestikulieren geübt." – "Es ist gar kein Zweifel mehr, dass er die Herzogin erobert." – "Gott sei gedankt, so erobere ich die vier Hengste!" – Graf und Baron zogen sich etwas zurück, und unser Schnapphahnski fuhr fort, seine Liebesleiden so rührend zu entwickeln wie noch nie ein Ritter vor ihm.
Mit jeder Sekunde wurde seine Beredsamkeit blumenreicher und ergreifender; seine Worte galoppierten wie geflügelte Rosse über die Hindernisse der kitzlichsten aller Unterredungen. Wie ein Dichter in dem windstillen raum seines Studierzimmers sich so lebhaft in den fürchterlichsten Sturm auf offener See versetzen kann, dass er während der Schilderung desselben unwillkürlich nach dem kopf greift, um den Hut festzuhalten, so wusste Herr von Schnapphahnski in der Nähe einer fast sechzigjährigen Dame derart die Gegenwart eines blutjungen unschuldigen Kindes heraufzubeschwören, dass er wahre Wunder der Naivität beging und die Herzogin unwillkürlich in den Strudel der süssesten Liebesraserei mit sich fortriss.
"Unglücklich bin ich", rief der Ritter, "unglücklich geworden seit zehn Minuten, weil ich noch daran verzweifeln muss, ob ich je wieder glücklich werde. Eine Rose fand ich – darf ich sie brechen? Eine Perle fand ich – darf ich sie an meine Brust drücken?" –
Ähnliche Phrasen entschlüpften dem Ritter zu Dutzenden. Die Herzogin gestand sich, dass sie schon viel dummes Zeug im Leben gehört habe, gewiss aber nicht so viele verliebte Schnörkel, wie sie der Ritter in Zeit von einer halben Stunde produzierte.
"Reisen Sie, Ritter! Suchen Sie Trost und Zerstreuung auf Reisen –"
"Gnädige Frau, verstossen Sie mich nicht."
"Jagen Sie, Ritter! Suchen Sie Zerstreuung auf der Jagd –"
"Gnädige Frau, verjagen Sie mich nicht."
"Treiben Sie Künste und Wissenschaften, Ritter, zerstreuen Sie sich!"
"Lassen Sie mich das nicht in der Kunst suchen, was ich im Leben vor mir habe –"
So dauerte die Unterredung fort, und immer schwärmerischer schaute der Ritter auf die Dame, und immer entzückter blickte die Dame auf den Ritter.
Doch ich kann von meinen Freunden nicht erwarten, dass sie die Liebesduselei zweier alter Sünder bis zu Ende lesen sollen. Das Geschwätz zweier Liebenden ist unter allen Umständen langweilig, und wenn auch eine Konversation wie die der Herzogin und des Ritters schon ihrer Heuchelei wegen interessanter ist als eine wirkliche, aufrichtige, jugendliche Aventüre, so bleiben die mehr oder weniger abgedroschenen Phrasen doch immer dieselben. "Der süsse Gram" und die "holde Not" machen sich in schlecht stilisierten Briefen und in erbärmlichen Redefloskeln Luft, und die Faseleien der Liebe sind unerträglich. Erst da wird die Liebe interessant, wo sie rein sinnlich auftritt. Die sinnlichen Engel auf Erden sind ganz leidliche und interessante Geschöpfe, aber die geschlechtslosen Engel im Himmel wollen wir dem lieben Gotte überlassen.
Alle Leute, heisst es in unsern Manuskripten, die seinerzeit auf dem schloss des Grafen anwesend waren und die Manöver des Ritters der Herzogin gegenüber zu beobachten gelegenheit hatten, meinten vor lachen zu sterben. Der Ritter betrug sich wie der sentimentalste Affe, und er führte diese Rolle mit einer solchen Konsequenz durch, dass die Herzogin sich immer mehr täuschen liess und wunderbarerweise zuletzt gar nicht mehr daran zweifelte, dass der Ritter ihr mit demselben Verlangen entgegeneile, wie sie sich zu ihm hinübersehnte. Die Herzogin gestand sich, dass sie noch nie so geliebt worden sei. Alle ihre Jugendträume kehrten wieder; alles, was sie genossen, wurde aufs neue bei ihr lebendig. Sie glaubte sich in jene Tage zurückversetzt, wo einst die Blüte der französischen Jugend zu ihren Füssen lag, und in der Gestalt unseres Ritters erschienen ihr alle Männer, von denen sie liebes erfuhr. Dem Ritter war es gelungen, was ihm der Graf als die schwierigste Aufgabe geschildert hatte. Es war ihm gelungen, die Jugend der Herzogin in ihr Alter zurückzuzaubern.
Als der Ritter aber soweit gelangt war, da kannte die Dankbarkeit der Herzogin keine Grenzen mehr. Wäre es Schnapphahnskis Wunsch gewesen: sie hätte wirklich mit Freuden ihre Schlösser in Brand gesteckt und ihre Demanten ins Meer geschleudert. Diese Dankbarkeit der alten, unverwüstlichen Dame soll etwas Rührendes gehabt haben. In dem abscheulichen Gewirr der Lügen, der Heuchelei, der widerwärtigsten Eitelkeit und der schamlosesten Intrigen tauchte diese Dankbarkeit, dem geschmolzenen Gold in seinen Schlacken ähnlich, als das einzig erquickliche Gefühl auf und versöhnte gewissermassen das Bizarre und Ekelerregende des ganzen Umgangs.
Auf unsern Ritter wirkte dies zurück. Zum ersten Male in seinem Leben schämte er sich. Er hatte zu sehr gesiegt, um sich nicht zu schämen. Aus der ersten, unnatürlichen Annäherung wurde ein jahrelanges, zärtliches Verhältnis.
Nach dem Besuch auf dem