, dass die arme Gräfin zuletzt nicht mehr widerstehen konnte und sich ihrem Husaren auf Gnade und Ungnade ergab. Glücklicher Ritter! Er durfte seinen jungen Schnurrbart auf die kusslichsten Lippen ganz Schlesiens drücken. Kaum der Schule entlaufen und schon ein Alexander, der eine Welt, ein Herz eroberte!
Soweit war alles gut. Dass Schnapphahnski ein gräfliches Herz stahl: niemand wird ihm das verdenken; und dass er seine Gräfin küsste: nun, das war seine verfluchte Schuldigkeit. Denn der Mensch soll küssen! In flammender Frakturschrift steht dies geschrieben in den rosigen Abend- und Morgenwolken. Der Mensch soll küssen! In kleiner Schrift stehet es geschrieben auf dem Blatt jeder Rose, jeder Lilie.
Schnapphahnski küsste, und er gehorchte dem Gesetz, das mehr als die Frakturschrift der brennenden Wolken und mehr als die kleine Schrift der Lilien und der Rosen die Lippen einer Gräfin verkündigten, einer liebenswürdigen schlesischen Gräfin.
Wie gesagt, bis zu diesem Augenblicke konnte man Schnapphahnski nicht den geringsten Vorwurf machen: er liebte und er ward geliebt, er küsste und er wurde geküsst.
Der edle Ritter war aber nicht zufrieden mit dem Schicksal gewöhnlicher Sterblicher; abenteuerlich juckte es in seinen Knochen; er überredete die Gräfin zur Flucht, er entführte sie. – Der Ritter stand also in der dritten Phase seines Unternehmens. Zuerst geliebt, dann geküsst, und nun entführt. – Alle Ehemänner werden ihn des letzteren wegen ernstlich tadeln; so etwas ist unhöflich; ein Weib entführen: das ist nicht recht; einen armen Ehemann mit seinen Hörnern und mit seinem Gram allein zurückzulassen, das ist harterzig und unpolitisch; namentlich unpolitisch, denn wollte man jede Helena entführen, wie viele Städte würden da nicht das Schicksal Trojas teilen? welches Elend würde über die Welt kommen? Paris, Wien und Berlin würden in Rauch und Flammen untergehen – aller Spass hörte auf, mit den Nationalversammlungen hätte es ein Ende, und mancher edle Ritter Schnapphahnski würde vergebens seine Beredsamkeit an den Mann zu bringen suchen.
Aber unser brauner Husar mit den prallen jugendlichen Schenkeln und den lüsternen Augen dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft, als er die schlesische Helena lächelnd hinauf in den Wagen hob, um eiligst das Weite zu suchen.
Weshalb sollte er auch an die Zukunft denken? War die Gegenwart nicht schön genug? Ach, so herrlich fuhr es sich an der Seite des himmlischen Weibes. Die Vögel sangen, die Blumen schauten verwundert zu den Liebenden empor, und die Rosse trabten hinweg ventre à terre, und ihre Mähnen flatterten im Winde.
Die Küsse, die man in solchen Augenblicken küsst, müssen nicht mit Millionen zu bezahlen sein. Glücklicher Schnapphahnski! Während er die Lust des Daseins schmeckte, lief dem geprellten Ehemanne gewiss bei jedem Kusse, ohne dass er wusste weshalb, ein eisiges Frösteln über den Nacken.
Wo war doch dieser Ehemann? Es ist wirklich merkwürdig, die Ehemänner sind tausendmal zu haus, wenn es sich um eine wahre Lumperei handelt, aber der Teufel weiss, wie es kommt, dass sie stets abwesend sind, wenn es sich um ihre Frisur dreht.
Wer weiss, was aus der Frisur des Grafen S. geworden wäre, wenn nicht der Kutscher der Liebenden, ein tressengeschmückter Kerl mit gewichstem Schnurrbart und schrägsitzendem hut, plötzlich die Zügel der Rosse fest angezogen und, vom Bock hinunter und an den Wagenschlag springend, dem schönen Paris, dem braunen freiwilligen Husaren Schnapphahnski mitgeteilt hätte, dass ganz gegen die Fabel der ehrenwerte Ehemann, der Herr Menelaos, der Graf S., soeben im Begriff sei, ihnen aufs gemächlichste entgegenzureiten.
Man kann sich die Stimmung Schnapphahnskis denken; er begriff nicht, wie die unsterblichen Götter so unverschämt sein konnten, dem lustigsten Husaren ganz Schlesiens auf so erbärmliche Weise in den Weg zu treten. Aber in den gefährlichsten Momenten zeigt sich die Bravour eines sinnreichen Junkers am eklatantesten.
"Gräfin", sprach er zu der zitternden Helena, "ich werde dich ewig im Herzen tragen. Aber so wahr ich Schnapphahnski heisse und vom reinsten preussischen Adel bin: höhere Rücksichten gebieten mir, in diesem Augenblicke auf dich zu verzichten, damit nicht aus deinem Raube ein zweiter Trojanischer Krieg entspringe, städteverwüstend und hinraffend der edlen viel aus der preussischen Heerschar. Steige daher hinab auf die Landstrasse, wo dich ein zärtlicher Gatte mit den liebenden Armen umfangen wird, um dich zurückzuführen gegen O. in Schlesien, wo das 4. Regiment der braunen Husaren steht, ein Regiment, dem ich auf ewig Lebewohl sage."
Schnapphahnski schwieg, und sein Herz klopfte wilder – der Herr Menelaos kam immer näher. Mochte die Träne von den Wimpern der schönsten aller Frauen rieseln – galant bot ihr der kühne Ritter den schützenden Arm und hob sie hinab.
Schnapphahnski selbst kehrte aber zurück in die harrende Karosse; der Kutscher strich seinen Bart und:
"Treibend schwang er die Geissel, und rasch hin trabten die Rosse" –
und Schnapphahnski ward nicht mehr gesehen.
Was sagen meine Leser zu dieser geschichte? Ist sie nicht wert, von einem preussischen Homer besungen zu werden?
Der Raub der Helena unterscheidet sich von dem Raub der Gräfin S. nur durch die Pointe. Der erstere endete damit, dass Troja in Flammen aufging, der andere fand darin seinen Schluss, dass der Graf S., indem er seine Gemahlin nach haus zurückführte, den jungen Schnapphahnski den – Stöcken seiner Lakaien empfahl.
Armer Schnapphahnski! – Rächenden Gespenstern gleich stehen hinfort die Bedienten des Grafen S. vor der