1848_Weerth_149_38.txt

der Baron als Mitglied eines Reitjagdklubs aus, der nach englischem Muster bei dem schlesischen Adel seinerzeit viel Furore machte. Dieser Klub existierte nur für den Adel und für wenige auserlesene Bürgerliche; er sollte die Freuden des Reitens und der Jagd miteinander verbinden, "um die preussische Jugend wieder zu stählen".

Dieses "Stählens" bedurfte der Baron freilich nicht, denn trotz mancher Ausschweifungen mit den Landschönheiten seiner Umgebung führte er im ganzen ein sehr regelmässiges Leben und konservierte seinen eisernen Körper. Er stand morgens mit der Sonne auf und schlief deswegen auch abends im Salon, in der besten Gesellschaft, oft laut schnarchend auf seinem stuhl ein. In den von den Landräten ausgeschriebenen Kreisversammlungen, die in Schlesien gewöhnlich aus 50 adligen Gutsbesitzern und aus nur 6 oder 8 bürgerlichen und bäuerlichen Deputierten bestehen, fehlte der Baron selten. Noch pünktlicher fand er sich indes auf den in allen benachbarten Orten regelmässig stattabenden Wochenmärkten ein; nicht nur, um Pferdehandel zu treiben und als Schafzüchter seine Wolle an den Mann zu bringen, sondern namentlich der Annehmlichkeit wegen, viele Leute seines Gelichters beim Trunk oder Spiel zusammen anzutreffen. Diese Wochenmärkte bildeten für den schlesischen Adel lange Zeit einen besuchteren Sammelplatz als die gegen das Ende der dreissiger Jahre gestifteten Adelsreunionen, die zuerst nach den Freiheitskriegen auftauchten, dann aber für einige Jahre wieder verschwanden. Die Krone aller Vergnügungen war für den Baron der jährlich gleich nach Pfingsten stattfindende grosse Wollmarkt in Breslau. Es ist hinlänglich bekannt, dass der ganze schafzüchtende schlesische Adel um diese Zeit nach der Hauptstadt der Provinz pilgert. Der Baron war von jeher einer der hervorragendsten Besucher dieses Marktes. Er schlug bei solchen Gelegenheiten mehr Geld tot als jeder andere, und es war ihm schon mehr als einmal passiert, dass er eine gehörige Portion Schulden machte, statt einen Haufen Geldes für die verkaufte Wolle mit nach haus zurückzubringen. Ausser dem unvermeidlichen Pferde- und Wollhandel trieb der Baron auch noch die Runkelrübenkultur und die Schnapsbrennerei, so dass er also in seiner person fast alle "nobeln Passionen" des schlesischen Landadels vereinigte.

Diesen robusten schafzüchtenden und schnapsbrennenden Edelmann finden wir als bestes Pendant zu seinem Wirte, dem in Bädern und grossen Städten frühzeitig zerrütteten und entnervten Grafen: in der Gesellschaft einer durch ihre Liederlichkeit weltgeschichtlich gewordenen Herzogin v.S. und eines Ritters Schnapphahnski. Der Baron legitimierte sich zu solchem Umgange durch seinen uralten Adel und durch sein kolossales Vermögen.

Wie meine Leser wissen, war die Herzogin bereits auf dem Landsitze des Grafen angekommen. Zu ermüdet und zu ängstlich, sich gleich den Blicken vieler ihr noch unbekannter Leute auszusetzen, hatte sie aber am ersten Abend ihre Gemächer noch nicht verlassen wollen, so dass also Ritter Schnapphahnski abermals 24 Stunden in der peinlichsten Erwartung zubringen musste.

Wie sie es stets in Schlössern tat, deren Einrichtung ihr noch nicht geläufig war, hatte die Herzogin auch dieses Mal vor ihrem erscheinen erst mit dem Grafen in betreff der Beleuchtung des Salons Rücksprache genommen. Es war dies einer der wichtigsten Punkte für die Herzogin. Sie befand sich nämlich in der umgekehrten Lage wie weiland der selige Peter Schlemihl. Der arme Schlemihl hatte keine Schattenseite; die arme Herzogin hatte deren zu viele. Wenn Schlemihl daher seinen Freund Bendel voranschickte, um die Beleuchtung zu arrangieren, dass ihn alle Lichter trafen, so befahl die Herzogin dem Grafen, die Sache so einzurichten, dass sie möglicherweise von keinem getroffen werde. Der Graf war in die Geheimnisse der herzoglichen Toilette eingeweiht, und er leitete denn auch alles in so umfassender Weise, dass die Konstellation der Lampen am nächsten Abend die günstigste werden musste.

Von der Nacht, die der Ritter und die Herzogin vor ihrem ersten Zusammentreffen zubrachten, kann man sich leicht eine idee machen. Während ihre Körper noch durch kalte Mauern getrennt waren, schlangen sich ihre Seelen schon ineinander und führten jenen lustigen Tanz der Träume auf, jenen Elfentanz der Gedanken, den alle Liebenden kennen.

Oh, das ist der Teufel, dass wir von dem Ziele unserer Wünsche oft nur durch eine Mauer getrennt sind, durch eine Bretterwand, durch einen Vorhang. Wir hören ihn seufzen und lachen und husten und singen: den Gegenstand unserer Verehrung. Aber die Mauer steht wie eine Mauer vor unserm Glück; die Welt unserer sehnsucht ist mit Brettern vernagelt, und der Vorhang bleibt verhängt. Während die Dame unsers Herzens vielleicht von uns träumt und gebrochenen Lautes die seltsamsten Worte murmelt und mit den nackten kleinen Füssen in des Bettes Linnen wühlt und die weissen arme emporstreckt, um ihren Traum zu ergreifen und ihn festzuhalten und an die Brust zu drücken mit Tränen und Küssenja, während unser ganzes Sein aufgeht in dem ihrigen: müssen wir vielleicht mit kalten Beinen bei einer Tasse schwarzen Kaffees sitzen, um über eine Zivilklage nachzudenken, über ein philosophisches Problem oder dergleichen Lappalien.

Aber alles das liegt an der schlechten Bauart unserer Häuser und an der schlechten Bauart unserer schlechten Gesellschaft. Wie in Menagerien leben wir in Käfigen und in Vogelbauern. Die Löwen verlernen das Brüllen, die Adler das Fliegen und die Nachtigallen das Singen. Unser halbes Leben verstreicht mit nichtsnutziger Arbeit, bei unbefriedigter sehnsucht. Aus Titanen werden Philister und aus himmlischen Huris: hysterische alte Jungfern. Zu erbärmlichen, rücksichtsvollen Pedanten hat uns die gute Sitte gemacht, zu rechten Geizhälsen, die ihre Schätze so lange konservieren, bis sie rostig und schimmelig sind. Wir faseln wie der König Salomo, als er siebzig Jahr war, und meinen wir, etwas Neues gesagt oder getan zu haben, da war es doch