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Sie versichert, gnädige Frau, dass ich nur dem Ideale entgegenstrebe, welches mir in diesem wichtigen Momente vor Augen schwebt."

"Sie haben Ihre Laufbahn jedenfalls früh begonnen; schon als brauner Husar in O. in Schlesien parodierten Sie die Iliade mit so viel Glück, dass die Bauern des Gebirges bereits eine Sage aus Ihnen gemacht haben."

"Allerdings, gnädige Frau! Ich hatte gehört, dass Sie, kaum verheiratet, schon den kosacken hinten aufs Pferd sprangenich glaubte, in der Romantik nicht hinter Ihnen zurückbleiben zu dürfen. Ihr Bild wollte nicht aus des feurigen Knaben Gedächtnis."

"Und in Troppau hatten Sie dann Ihr famoses Duell: die Säbel schwirrten, und der Ruf des jungen Helden verbreitete sich durch alle land."

"In demselben Lebensjahre war es, wo Sie sich, gnädige Frau, zum ersten Male mit Ihrem Gemahl so eklatant brouillierten. Die Locken flogen, und die geschichte machte Furore in allen Pariser Salons."

"Und nach Berlin eilten Sie dann."

"Sie machten Ihre diplomatische Reise."

"Dass Sie unglücklich mit Carlotten waren, Herr Ritter, ich habe es nie geglaubt."

"Und wenn Ihre Untergebenen oft seltsame Dinge erzählten, gnädige Frau, so war es reine Verleumdung." "Jedenfalls wurden Sie aus Berlin durch den Zorn der Götter vertrieben –"

"Und Ihnen wurde unter Karl X. der Hof untersagt."

"Aber Sie machten sich nichts daraus; Sie gingen nach Spanien, Lorbeeren zu pflücken unter Don Carlos."

"Sie, gnädige Frau, reisten unter den interessantesten Umständen nach Florenz, Ihren unschuldigen Gatten aufzusuchen, und schon nach wenigen Monaten beschenkten Sie die Welt mit der lieblichsten Tochter –"

"Verzeihen Sie, Herr Ritter– –"

"Entschuldigen Sie, gnädige Frau – –"

"Aber Sie werden anzüglich, Herr Ritter!"

"Aber Sie werden verletzend, gnädige Frau!"

"Ich glaubte, einen anspruchslosen Knaben in Ihnen zu

finden –"

Beide Freunde lachten laut auf und sanken einander in die arme.

"Wir sind aus der zweiten in die erste Rolle gefallen!" rief der Graf.

"Aus der harmlosen in die maliziöse!" erwiderte der Ritter.

Da wurde die tür geöffnet. Man meldete die Ankunft der Herzogin von S.

XV

Der Baron

Der Graf hatte alles aufgeboten, um die Herzogin glänzend zu empfangen. Vor allen Dingen hatte er für die Gesellschaft der hervorragendsten Häupter des benachbarten Adels gesorgt, die entweder für einige Tage bei ihrem Wirte verweilten oder am Abend von ihren Landsitzen zu der wohnung des Grafen hinübereilten, um sich dann erst spät in der Nacht wieder zu entfernen.

Baron von ... war einer von den Gästen, die immer nur wenige Stunden blieben. – Er war ein Fünfundvierziger und ein hoher, breitschultriger, robuster Mann, mit braunem Schnurrbart und einem Backenbart, der in wilden Büscheln bis hoch hinauf auf die Wangen wuchs. Nase, Füsse und hände des baron waren sehr gewöhnlich; zwei grosse lebendige Augen verliehen ihm aber einiges Interesse. In seinen Manieren war der Baron im höchsten Grade ungeschlacht; die geräumigsten Zimmer waren zu klein für seine grotesken Bewegungen; er zerbrach bei jeder Soiree einige Tassen, einen Stuhl oder irgendein anderes unschuldiges Möbel, so dass seine Freunde ihn ein für allemal als den kostspieligsten Gast bezeichneten. Im gespräche war der Baron sehr verständlich; er führte die undiplomatischsten Redensarten und drückte sich sogar sehr derb aus, wenn er in Eifer geriet. Nichtsdestoweniger war er bei den Damen gern gesehen, denn der Baron war jedenfalls eine zu ehrliche Erscheinung, als dass man ihm hätte zürnen sollen. Er liess sich auch so willig von den jungen Komtessen an der Nase herumführen, dass man ihm schon der komischen Szenen wegen, zu denen er Veranlassung gab, mit Freuden alle Extravaganzen verzieh. Schrecklich blieb er freilich für die meisten Damen durch den mehr als pikanten Duft des Pferdestalles, den er fortwährend in seinen Kleidern trug. Die Röcke und Beinkleider des adligen Herrn waren dergestalt von diesem durchdringenden Parfüm gesättigt, dass die Fürstin X. einst ohnmächtig wurde, als sie den Baron näher beroch. Ein wahrer Kampf entspann sich zwischen der Atmosphäre des Salons und der Atmosphäre des Stalls, wenn der Baron zur tür hineintrat, und Fürstin X. behauptete, sie glaube auch jedesmal nichts anderes, als dass ein leibhaftiger vierfüssiger Hengst hereinspaziere. Das Eigentümliche und Charakteristische des baron hatte sich aus seiner täglichen Beschäftigung, aus seinem stündlichen Umgang entwickelt. Der Baron war nämlich nicht nur ein leidenschaftlicher und ausgezeichneter Reiter, sondern er trieb auch in eigner person den bedeutendsten Rosshandel. Besonderes Vergnügen machte es ihm stets, von wahrhaft fabelhaften Gewinsten zu erzählen, die er bei seinem Schacher realisiert zu haben meinte. Kein Rosskamm, versicherte er, habe ihn je betrogen; er sei dagegen der Mann, der alle Welt überliste, und halbtot wollte er sich oft über diesen und jenen Israeliten lachen, den er bei dem letzten Geschäft hintergangen zu haben vorgab. Gut unterrichtete Freunde wussten indes besser, wie es mit der Liebhaberei des baron aussah. Sie hatten meistens schon selbst davon profitiert und hüteten sich wohl, ihren entusiastischen Bekannten in seinen Illusionen zu stören. Sie wussten, dass der Baron nur der Lust des Kaufens und des Verkaufens wegen den Rosshandel trieb und dass er sich wenig daraus machte, wenn die Summe seiner Verluste jährlich einen nicht unbeträchtlichen Ausfall in seinen sonstigen Revenuen hervorbrachte. Vor allen andern zeichnete sich