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Unerhörten und lassen sie plötzlich in die Sahara des Allergewöhnlichsten fallen, und ich bin gewiss, dass Sie zuletzt siegen, dass das raffinierte Alter der raffinierten Jugend weichen muss, dass die Herzogin zum Rückzug bläst, ja, dass sie enttäuscht zusammensinkt, dass sie ächzt und winseltaber dann erst ist der Augenblick gekommen, wo Sie Ihrem Feldzuge die Krone aufsetzen.

Denn statt den Fuss siegend auf ihren Nacken zu setzen, verzichten Sie plötzlich auf den Ruhm der gewonnenen Schlacht; statt zu triumphieren, machen Sie Ihren Triumph zu dem Triumph der Herzogin: während sie Ihnen zu Füssen fallen will, kommen Sie der Herzogin zuvor und fallen ihr zu Füssen, ein sentimentaler Satan, ein verliebter Nero, so dass Sie Ihre fallende Gegnerin mit den Armen auffangen und sie emporrichten, sie masslos erstaunend durch Ihre Überlegenheit und zum Danke rührend durch Ihre unbeschreibliche Galanterie. Seien Sie versichert, Ritter, durch ein solches Spiel werden Sie die Herzogin durchaus gewinnensie wird alle Ihre Schulden bezahlen – –"

"Und den andern Weg?" fragte der Ritter, indem er sich aufmerksamer emporrichtete.

"Nun, der ist bei weitem einfacher, vielleicht zu einfach, als dass Sie sicher und gewiss damit zum Ziele kommen. Soweit ich Sie zu beurteilen verstehe, werden Sie die Rolle eines Roués besser spielen können als die eines Gimpels; die zweite Manier, die Herzogin zu erobern, besteht nämlich wie gesagt darin, dass Sie eben als harmloser, unerfahrener Jüngling auftreten, um die Herzogin durch Ihre Naivität zu besiegen, durch das Reizende einer unerhörten Unbefangenheit, durch eine bis zum Exzess getriebene Heuchelei der tugendhaftesten, uneigennützigsten Liebe. Sie wissen, in welcher Verlegenheit sich die Herzogin befindet, wie sie alle Ressourcen des Vergnügens erschöpft hat, wie sie längst von ihren erträglichsten Anbetern im Stich gelassen wurde – – Sie wissen alles. Jede neue Aventüre würde ihr willkommen sein, aber schwärmen, schwärmen wie früher würde sie nur für den, der den Frühling des Lebens wieder in ihr Alter hineinzauberte, der durch die jugendlichste Hingebung, wenn auch nicht das Reelle eines jugendlichen Umgangs, so doch wenigstens die Erinnerung an die Lust der Vergangenheit bei ihr heraufbeschwöre, um sie auf diese Weise das Durchlebte scheinbar aufs neue erleben zu lassen. Brächten Sie diese Täuschung bei der Herzogin zuwege, so glaube ich, dass sie wahnsinnig vor Freude würde. Die Herzogin würde nicht nur Ihre Schulden bezahlen, nein, sie würde ihre Schlösser in Brand stecken und ihre Diamanten ins Meer werfen, wenn Sie es wünschten: alles, alles würde sie Ihnen zu Gefallen tunwählen Sie, lieber Ritter!"

"Ich wähle das letztere!" rief der Ritter, indem er das eben gefasste Kristallglas zu tausend Scherben an die nächste Wand schleuderte und seinen blonden Freund so stürmisch umarmte, dass der unglückliche Graf wie von dem Stich einer Tarantel laut schreiend zusammenfuhr. "Ich wähle das letztere! Mein Plan ist gefasst!"

Arm in Arm wandelten Graf und Ritter über den Teppich des weiten Gemaches.

Herr von Schnapphahnskidenn niemand anders war der schwarzgelockte Gast des blonden Grafenwar jetzt in demselben Falle wie unser Berliner Professor: es stand ihm etwas sehr Ausserordentliches bevor. Nichts hätte ihn mehr aufregen können als das bevorstehende Zusammentreffen mit der Herzogin von S. Die bösen Geister der Vergangenheit zankten sich in seinem inneren mit der Hoffnung eines endlichen Triumphes. Alle Wunden, die ihm das Missgeschick in Berlin, in Wien, in München und an zwanzig andern Orten schlug, sollte das Glück bei der Herzogin wiedergutmachen. Nach wochenlanger Niedergeschlagenheit fühlte er aufs neue alle seine Muskeln und Nerven in fieberhafter Bewegung. Er war endlich wieder der alte Schnapphahnski, er war wieder ein schöner Mann vom Scheitel bis zur Zehe, doppelt schön, weil er etwas wagteer glich einem Spieler, der nach tausend Verlusten aus seiner Letargie erwacht und die letzte Goldrolle hohnlachend auf den grünen Tisch wirft.

"Machen Sie die Herzogin, ich werde den jugendlichen Verliebten spielen!" rief der erfindungsreiche Ritter, indem er plötzlich im Gehen innehielt, den Arm des Freundes fahren liess und sich mit der zierlichsten Verbeugung vor den Grafen pflanzte. "Ich weiss nicht mehr recht, wie ich mich seinerzeit als brauner Husar in O. in Schlesien betragen habe. Ich muss mich einmal darin üben. Damals war ich wirklich ein harmloser Junge, ein schönes Kind, und alle alten Damen wollten mich auf den Schoss nehmen mit Stiefeln und Sporen, um mich zu küssen. Wenn ich vor der Herzogin nur halb so naiv erscheine wie einst vor der Gräfin S., da haben wir gewonnenes Spiel, und ich versetze meiner Dulcinea in einem einzigen Jahre die Hälfte ihrer Waldungenalle meine Schafe werden entypoteziert."

Der Ritter riss die Decke von dem nächsten Tisch und hing sie nolens volens über die Schulter des GrafenUhr und Vasen rollten auf den Boden.

"Drapieren Sie Ihre Reize so hübsch als möglich mit diesem Lappen! Sie sind die Herzogin, ich bin der sechzehnjährige Schnapphahnski!"

Ritter und Graf standen einander gegenüber.

"Gnädige Frau––", begann der Ritter.

"Ach, guten Tag, Herr Ritter!" erwiderte der Graf.

"Gnädige Frau, in tiefer Demut beuge ich mich vor Ihrer weltistorischen Persönlichkeit."

"Es freut mich von Herzen, Sie kennenzulernen, Herr Ritterich habe schon viele lose Streiche von Ihnen gehört."

"Halten Sie die losen Streiche meiner Jugend zugut, aber seien