von Stirn und Wangen. Es schlug 6: der Herr Professor schnappte nach Luft. Es schlug 7: da tönte die Schelle der Haustür, und der Gelehrte stürzte hinab. – –
Lassen wir ihn stürzen.
Meine Leser werden mir verzeihen, dass ich sie so lange mit dem alten Professor ennuyiere. – Die Sage geht, dass der unglückliche Mann statt einer reizenden Bajadere die bejahrte Freundin seiner Schwester umarmte – der Herr Professor war mit Blindheit geschlagen; er versicherte, dass sein Leben auf dem Spiel stehe; er hielt den Besuch, welcher der Schwester galt, für den Besuch, den er erwartete, und die herzzerreissendste Szene entwickelte sich zwischen Kirchenvater und Matrone, eine Szene, der Feder eines Swift, eines Sterne, eines Smollet würdig – wert, von einem andern Hogart gezeichnet zu werden, zur Lust aller kommenden Geschlechter.
Herr von Schnapphahnski verlebte vor seiner ersten Unterredung mit der Herzogin von S. einen ähnlichen Tag wie der Berliner Professor. Der Kirchenvater umarmte statt einer Grazie: eine Matrone. Sehen wir, wie es dem edlen Ritter mit der Herzogin erging.
XIV
Der Graf
Ich führe meine Leser in das geräumige Gemach eines alten schlesischen Schlosses. Es ist Abend geworden. Der letzte Strahl des Tages bricht durch die schweren seidenen Vorhänge und treibt sein Spiel mit den Flammen des Kamins, der immer lustigere Streiflichter auf den grünen Teppich wirft, auf die kolossalen Spiegel der "Wände und auf eine Reihe vornehm adliger Köpfe, die aus goldenen Rahmen ernst und feierlich niedersehen.
Die Luft des Gemaches ist duftig warm. Der Rauch der besten Havanna-Zigarren zieht in blauen "Wölkchen vorüber, und auf dem Marmorgesims des Kamins dampft Punsch und Grog aus kristallenen Gläsern. Zur Rechten und zur Linken des Feuers bemerken wir in zwei grossen Sesseln zwei junge Männer, die Beine dem Feuer behaglich entgegenstreckend.
Der eine, den Ellenbogen in die Lehne des Sessels drückend, stützt den schönen schwarzgelockten Kopf auf die schneeweisse Hand. Die Flammen des Kamins spiegeln sich in seinem dunklen Auge. Er scheint in tiefes Sinnen versunken. Minutenlang liegt er regungslos da; aber plötzlich fährt er zusammen, er streicht die Locken von der Stirn, und die halberloschene Zigarre aufs neue an die Lippen führend, lacht er und zeigt unter dem kohlschwarzen Schnurrbart eine Perlenreihe der schönsten Zähne.
Der zweite der jungen Raucher bildet den besten Kontrast zu dem ersteren. Er ist lang, dünn, trocken, blondhaarig, mit kahler Glatze – eine etwas ruinierte Erscheinung, die durch fashionable Manieren den frühen Verlust aller übrigen körperlichen Reize wiedergutzumachen strebt. Der Blonde weiss sehr graziös zu rauchen, aber nur selten greift er nach seinem Grog, den er, statt zu trinken, wie aus Langerweile nachlässig in den Kamin schüttet. Mit einem ironischen Lächeln blickt er auf den sinnenden Freund.
"trösten Sie sich", beginnt endlich der Blonde, "trösten Sie sich, Ritter, Sie werden die Herzogin jedenfalls noch heute abend zu gesicht bekommen. Sie werden eine geistreiche Dame kennenlernen."
Der Schwarzgelockte hebt sich langsam im Sessel empor: "Sagen Sie mir zum zwanzigsten Male, Graf, glauben Sie wirklich, dass ich reüssieren werde?"
"Das hängt einzig und allein von Ihnen ab: übrigens werde ich Sie nach Kräften unterstützen –"
"Ich schenke Ihnen meinen schönsten Hengst!"
"Einen Hengst für eine Herzogin! Es tut mir nur leid, dass ich nicht mehr so gut wie früher mit ihr stehe."
"Wieso, Graf?"
"Ich sagte der Herzogin einst, dass ich aus reiner Sympatie eine kahle Glatze trüge: und sehen Sie, das konnte sie mir nie vergessen."
"Armer Mann – –"
"Ja wahrhaftig, hüten Sie sich davor, die leiblichen Schönheiten der Herzogin näher zu besprechen. Loben Sie nur ja nicht ihre glänzenden schwarzen Haare, ihre herrlichen Zähne oder ihren eleganten Wuchs – die Herzogin würde dies für die abscheulichste Ironie halten, denn alles Lob fiele auf den Perruquier zurück, auf den Zahnarzt und auf ähnliche nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft."
"Aber was soll ich tun –?"
"Ich setze voraus, dass Sie nicht von der Herzogin benutzt zu werden wünschen, sondern dass Sie die Herzogin benutzen wollen?"
"Allerdings!"
"Sie müssen daher die Herzogin zu unterjochen suchen."
"Sehr richtig!"
"Und es stehen Ihnen zwei Wege zu diesem Ziele offen."
"Welche?"
"Entweder müssen Sie als Tyrann auftreten – oder als harmloser Schäfer. Das eine Mal werden Sie durch Ihre Keckheit, durch Ihre Unverschämteit die Eitelkeit der Herzogin in so barbarischer Weise aufstacheln, dass sie es sich zur Ehrensache macht, Ihnen nur nach dem fürchterlichsten Kampfe das Feld zu räumen. Ein wahres Gemetzel von Blicken, Worten, Ränken und Intrigen wird sich zwischen Ihnen entwickeln. Sie werden, ohne die Eitelkeit der Herzogin zu verletzen, jede ihrer Frechheiten durch eine eklatantere Bosheit zu überbieten wissen. Ihre List werden Sie durch List umgehen, ihrer Lüge werden Sie durch noch grössere Lügen imponieren, die Renommage mit ihren galantesten Sünden werden Sie durch die Erzählung galanterer Abenteuer zu paralysieren suchen. Malt die Herzogin grau, so malen Sie schwarz; malt sie rot, so malen Sie purpurrot, und ist es zuletzt nicht mehr möglich, sie im Raffiniertsein zu überbieten, da schlagen Sie plötzlich in das ganz Entgegengesetzte um und vernichten Ihre Gegnerin durch das Einfache. Sie treiben die Herzogin bis auf den Chimborasso des