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"Beim Menschen ist nichts unmöglich!"

"Ich kenne alle Kirchenväter, aber ich kenne kein einziges Weib."

"So lassen Sie die Kirchenväter laufen und lernen Sie die Weiber kennen!"

"Ich will mich verbindlich machen, in vierundzwanzig Stunden eine neue Sprache kennenzulernen, aber ein Weib lieben lernenbedenken Sie, Herr Doktor!"

"Die Sprache der Liebe lernt man in fünf Minuten."

"Sie sind unerbittlich, Herr Doktor!"

"Unerbittlich, Herr Professor!"

"O Gott, errette mich von diesem Doktor!"

Der Doktor wurde ungeduldig. Er schritt der tür zu. "Tun Sie, was Sie wollen, Herr Professor. Ich bin hierhergekommen, um für Ihren Leib zu sorgen, nicht für Ihre Seele. Suchen Sie meine Ratschläge mit Ihrem Gewissen zu vereinbaren, das ist Ihre Sache. – Ich gebe zu, dass es mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist, in vierundzwanzig Stunden ein ehelich Weib zu finden, Hochzeit zu machen und so weiter – – aber es fällt mir im Traume nicht ein, Sie zu diesem extremen Schritte zu treiben. Richten Sie die Sache anders einSie werden mich verstehen. – Ich stelle Ihnen einfach die beiden Chancen: entweder eine Konzession Ihres Gewissens oder ein früher Tod. Wählen Sie zwischen einem Gewissensmord und einem Selbstmord. Wählen Sie von zwei Sünden eine: wählen Sie!"

Von der Stirn des Professors perlte der Angstschweiss. Der Doktor machte seine Auseinandersetzungen aber mit soviel Präzision und mit so unendlicher Bonhomie, dass der geplagte Mann Gottes endlich langsam das Haupt erhob und nach einigem Stottern und Erröten mit einer wahrhaft naiven Unerschrockenheit die Frage wagte:

"Aber, lieber Herr Doktor, wie würde man diese Mordgeschichte einzurichten haben?"

Hier konnte sich der Doktor nicht länger halten. Er lachte laut auf

"Teuerster Professor – –"

"Allerdings, Herr Doktor! Sagen Sie mir aufrichtig, wie ich mich dabei benehmen soll!"

"Aktiv sollen Sie sich dabei benehmen!"

"Aber bedenken Sie doch, dass ich durchaus Neuling in der Sünde bin!"

"Tant mieux, Herr Professor."

"Tant pis, Herr Doktor!"

Das Dilemma wollte kein Ende nehmen. Der Doktor sah ein, dass er seinem Patienten zu Hilfe kommen musste.

"Wenn Sie den alten Jesuiten Escobar gründlich studiert hätten, Herr Professor, so würden alle weiteren Explikationen unnötig sein. Aber ich merke, dass Sie von der verstocktesten Unschuld sind. Sie sind ein wahrer Sankt Aloisiusdoch trösten Sie sich! Morgen abend zwischen 7 und 8 Uhr wird jemand vernehmlich an Ihrer Haustür schellen. Sie werden Ihre Hausbewohner, Ihren Knecht und Ihre Mägde hinausgeschickt haben, und Sie werden gütigst selbst die tür öffnen. Sie werden die tür behutsam öffnen, ohne allen Eklat, damit niemand der Vorübergehenden etwas bemerkt, und Sie werden die liebenswürdige person, die Ihnen eine der interessantesten Visiten abstatten wird, ebenso artig als zuvorkommend empfangen und sie ohne Umstände sofort in Ihr Studierzimmer führen. Sie werden dort die Fenster verhängt und das Sofa von Bibeln und Kirchenvätern gereinigt haben. Sie werden ein gehöriges Feuer im Ofen unterhalten und für die geeignete Beleuchtung sorgen. Sie werden sich leicht und komfortabel gekleidet haben, Sie werden ebenso höflich als zutraulich und hingebend sein, kurz, Sie werden sich ganz den Freuden Ihres Besuches hingeben – – nun Adieu, Herr Professor! Für den Rest werde ich sorgen. Adieu! Bedenken Sie, dass Ihr Leben auf dem Spiele steht – –"

Da war der Doktor verschwunden.

Von der Angst, die der Professor nach dem Fortgehen des Doktors ausstand, kann sich nur der eine richtige idee machen, der überhaupt die Qualen eines Gerechten zu würdigen versteht. Der gelehrte Herr war ausser sich. Zwanzigmal in Zeit von zehn Minuten erlosch ihm die Pfeife. Vierzigmal rieb er die Stirn, und achtzigmal sah er mit frommen Augen andächtig gegen Himmel, innerlich flehend, dass dieser Kelch der Freude an ihm vorübergehe. Vor allen Dingen suchte er nach irgendeiner Entschuldigung für seine bevorstehende Sünde, denn das Wagnis seines Lebens schien ihm ein keineswegs ausreichender Grund zu sein. Er schlug den Irenaeus nach, den Augustinus, den Eusebius, den Lactantius, den Chrysostomus und einige Dreissig andere Schweinslederbände, um nachzuforschen, ob denn nicht irgendein Kirchenvater weiland in demselben Falle gewesen sei und ob nicht einer von ihnen auch nur ein Wörtlein über diesen kitzlichen Punkt habe fallen lassenaber vergebens!

Der Professor überzeugte sich davon, dass nie ein Heiliger der Art vom Teufel versucht worden sei, und an allem verzweifelnd, warf er sich schliesslich auf das Lager seiner Leiden, um schlimmer zu träumen als je vorher.

Der kommende Tag brachte nur neue und immer wildere Seelenstürme für den gelehrten Herrn, denn mit jedem Augenblicke rückte ja die Stunde näher, wo die Schelle von unbekannter Hand gerührt und wo der Herr Professor den Beweis ablegen sollte, dass er als Mann und Meisterstück aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sei. Wir brauchen nicht zu versichern, dass der Herr Professor die Vorschriften des Doktors genau befolgte. Schon um 2 Uhr nachmittags war das Haus des Gelehrten wie ausgestorben. Die Schwester des Unglücklichen, die Mägde, der Knecht: alle waren vertrieben. Die Seufzer, welche sich der Studierstube entrangen, zeigten, dass nur ein einziges Wesen in dem verödeten Räume zurückgeblieben sei.

Es schlug 4 Uhr: der Herr Professor zitterte. Es schlug 5: der Herr Professor trocknete den Schweiss