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Lage benachrichtigen?" "Haben Sie regelmässigen Stuhlgang?" "Doktor, retten Sie mich!" "Herr Professor, antworten Sie auf meine Frage!" Eine Pause entstand. Der Professor schaute auf den Doktor wie ein krankes Fohlen auf seine Mutter. Der Doktor fuhr fort: "Antworten Sie mir also klar und bestimmt, Herr Professor." "Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Herr Doktor." "Schildern Sie mir Ihren Zustand – – haben Sie Beschwerden?" "Der Beschwerden habe ich manche– –" "Und welche, Herr Professor? Haben Sie z.B. eine gewisse Schwere in den Gliedern?" "Ganz rechtes liegt mir wie Blei in den Gliedern –" "Haben Sie Kongestionen nach dem kopf oder nach andern Teilen des Körpers?" "Kongestionenganz recht, ich habe Kongestionenfast nach allen Teilen." "Lassen Sie mich doch Ihre Augen sehenSie scheinen ganz rote Augen zu haben." "Ach, allerdings, Herr Doktor. Das kommt von dem vielen arbeiten in der Nacht." "Schlafen Sie nachts auf dem rücken?" "Ich schlafe selten, Herr Doktor." "Also träumen Sie?" "Ach, ich habe schwere Träume –" Der Professor schlug verschämt die Augen nieder. Wiederum entstand eine Pause. Der Doktor blickte auf den Professor wie der Teufel auf einen armen Sünder. "Setzen wir unsere Konversation fortnicht wahr, Sie sind unverheiratet, Herr Professor?" "Allerdings, Herr Doktor!" "Sie haben auch sonst keinen Umgang mit Frauen?" "Herr Doktor, das ist eine Gewissensfrage." "Verzeihen Sie, eine reine Gesundheitsfrage." "Aber wie soll ich Ihnen darauf antworten?" "Nun, ganz einfach mit ja oder nein; haben Sie Umgang mit Frauen oder nicht?" "Nein, Herr Doktor! Das ist durchaus gegen mein Prinzip." "Aber es wäre gut für Ihre Gesundheit –" "Mein Prinzip geht über die Gesundheit." "Aber Ihr Prinzip kann Sie ins Grab bringen." "Mit meinem Prinzip will ich sterben." "Nun, so sterben Sie wohl, Herr Professor" – der Doktor griff nach seinem hut, um sich zu entfernen. Der Professor trat ihm in den Weg.

"Lieber Herr Doktor – –"

"Verehrter Herr Professor – –"

"Bleiben Sie um Gottes willen!"

"Aber gehorchen Sie meinen Befehlen!"

"Ich will alles tun, was Sie wünschen."

"Meine Befehle werden Ihnen nur angenehm sein."

"Ich will Moschus und Rhabarber fressen."

"Würde Ihnen wenig helfen."

"Ich will Balsam und Fliedertee trinken."

"Könnte von gar keinem Nutzen sein."

"Aber was wünschen Sie denn?"

"Ich wünsche nur das Allermenschlichste, das Allererfreulichste von Ihnen!"

"Sprechen Sie also!"

"Und gehorchen Sie mir."

"Was soll ich tun?"

"Sie solln sich verliebenein Weib nehmen!"

Der Kopf des Professors sank auf die Brust, die Tabakspfeife entfiel seiner Hand, und Wolken der tiefsten Verlegenheit, des innigsten Schmerzes verdunkelten die Stirn des unglückseligsten Mannes.

"Herr Doktor", fuhr endlich der Gepeinigte in sehr gedrücktem, schleppendem Tone fort, "Herr Doktor, Sie wissen, ich bin Teologe. Ihr Befehl widerspricht meinem ganzen System, meiner ganzen Anschauungsweise. Ein viertel Jahrhundert lang bin ich der stimme meines inneren, meiner Überzeugung treu geblieben und glaube auch heute noch an das, was uns der Apostel sagt im 8. Verse des 7. Kapitels seiner Epistel an die Korinter, wo da geschrieben steht, dass es besser ist, wenn die Ledigen bleiben wie der Apostel, nämlich ebenfalls ledig und unbeweibt – –"

"Narrenspossen, nichts als Narrenspossen!" unterbrach hier der Doktor, "und ausserdem vergessen Sie, Herr Professor, dass es im 9. Verse heisst: 'So sie aber sich nicht entalten können, so lass sie freien. Es ist besser freien, denn – –'"

Der Professor seufzte tief auf – "Sie verlangen also in vollem Ernst, dass ich mich verheirate?"

"Das habe ich nicht gesagt."

"Aber Sie wollen ja, dass ich mich verliebe."

"Man kann lieben, ohne zu heiraten."

"Aber Herr Doktor, das wäre Sünde."

"Herr Professor, Sie sind von wahrhaft biblischer Unschuld."

"Und eine Sünde werde ich nie begehen."

"Herr Professor, es gibt nur eine Sünde, das ist die Sünde gegen das eigene Fleisch."

"Nun, so will ich mit dem Apostel sündigen."

"Vielleicht war der Apostel aber nicht in so krankhaftem Zustande wie Sie, Herr Professor."

"Wie meinen Sie das, Herr Doktor?"

"Vielleicht konnte der Apostel seinem Verlangen widerstehen. Sie werden darüber zugrunde gehen."

"Nun, es sei! Ich werde heiraten!"

"In vierundzwanzig Stunden!"

Die letzten Worte waren für den armen Professor ein neuer Donnerschlag. Er taumelte rücklings in seinen Sessel und bedeckte das fahle Antlitz mit beiden Händen. Der Doktor spielte gelassen mit seinem hut.

"Sie sind grausam, Doktor!" nahm endlich der Professor das Gespräch wieder auf. "Ich soll in vierundzwanzig Stunden heiraten: das ist unmöglich!"