ist also eine geiernasige und geieräugige, aus Kunst und natur zusammengesetzte achtundfünfzigjährige kleine Dame. Wir wünschen Herrn von Schnapphahnski von ganzem Herzen Glück. "Der Teint der Herzogin ist gelb verwittert", setzt das Manuskript hinzu, "die Herzogin hat höchst scharfe Züge. Ihr ganzes Angesicht gleicht aber der Brandstätte der Leidenschaften."
Brandstätte der Leidenschaften!
Seit wir diesen Vergleich haben, brauchen wir unsere Herzogin weiter nicht mehr zu schildern. Es ist unnötig, wenn wir noch hinzusetzen, dass unsere Heldin sich stets sehr jugendlich kleidet, dass sie eine zweireihige Garnitur falscher Zähne besitzt und dass sie einen total haarlosen Kopf hat und deshalb auch schon seit undenklichen zeiten eine vollständige Perücke trägt ...
Die kahlen Köpfe waren in der Familie der Herzogin von jeher en vogue. Die älteste Schwester unserer Heldin, eine ausgezeichnete Dame, die sich von vier Männern scheiden liess und eigentlich in der ganzen Familie einzig und unerreicht dasteht, beschäftigte sich während der zweiten Hälfte ihres schönen Lebens fast ununterbrochen mit der Auffindung irgendeines Mittels, das die letzten Reste des herzoglichen Familienhaares konservieren könne.
Pytagoras entdeckte seinen Lehrsatz; Kolumbus entdeckte Amerika, und die Herzogin von ... entdeckte die berühmte schwarze Haartinktur. Ich weiss nicht, ob die Herzogin den Göttern Hekatomben schlachtete, nachdem sie die Tinktur erfunden hatte; jedenfalls ist es aber für gewiss anzunehmen, dass sie den Augenblick der Entdeckung für den wichtigsten ihres Lebens hielt.
Das Unglück, keine Haare mehr auf dem kopf zu besitzen, ist so gross, dass es eigentlich nur dann zu ertragen ist, wenn man Haare auf den Zähnen hat. Ein Mensch, der sie weder da noch dort trägt, ist sehr zu bedauern. Er ist ein kahles Feld, ein entlaubter Baum; die Sonne seines Lebens hat sich in einen Mond verwandelt. Der Abend ist hereingebrochen, und bald wird die Nacht kommen, und am andern Morgen wird der arme Mond tot sein, mausetot. Wenn man seinen kahlen schneeweissen Kopf mit einer vollen kohlschwarzen Perücke krönt, so erlebt man mit seinem mond gewissermassen eine Mondfinsternis. Aber eine Mondfinsternis ist vergänglich. Der Wind kann eine Perücke davontragen, und man hat eigentlich den Vorteil davon, dass der Tod vielleicht einst nur die Perücke fasst, wenn er uns nach dem Schopf greift, und dass der wirkliche Kerl davonläuft – à revoir – sterben Sie wohl, Herr Tod!
Wie ich bereits bemerkte, trägt unsere Heldin eine Perücke ... Dies schien mir von hoher Wichtigkeit zu sein; ich sah darin den bedauerlichsten Widerspruch mit der von der älteren Schwester erfundenen Tinktur. Pflichtgetreu stellte ich die genauesten Nachforschungen an, und leider hat sich dadurch herausgestellt, dass der Schädel unserer Heldin sogar der berühmten herzoglichen Familientinktur siegreich widerstanden hat und dass sich unsere Freundin dabei beruhigen muss, eine Perücke auf dem kahlen kopf und kein Haar auf den falschen Zähnen zu besitzen. Es tut mir leid, dass ich nicht näher auf die Tinktur eingehen darf. Man könnte Bände darüber schreiben. Es kommt unendlich viel auf das Haar an. Einer der ersten Künstler der Welt bezeichnete seine hinterlassenen Perücken mit vollem Recht als den Hauptschatz seines Nachlasses.
Doch nun noch etwas über den Fuss der Herzogin!
Goete behauptete stets, ein schöner Fuss sei der einzig dauernd schöne teil an einem weib; er bleibe immer reizend, wenn er einmal reizend sei; er verändere selten seine Form. Der alte Herr hatte von jeher gern mit den Füssen zu tun; er hörte nichts lieber, als eine Frau in Pantoffeln mit hohen Absätzen klipp, klapp einen langen hallenden Korridor hinunterschreiten. Ich bin natürlich mit dieser hohen Autorität durchaus einverstanden. Auch unsere Herzogin hatte aus den Tagen der Jugend einen Fuss gerettet, der wenigstens zu einem schönen Schuh Veranlassung gab. In vielen Fällen wird man nach der Form des Fusses den ganzen Menschen beurteilen können; auf die Rasse kann man stets danach schliessen. Es verhält sich mit den Füssen wie mit den Zähnen und den Fingerspitzen. Ich mache mich verbindlich, nach der Weisse und der Reinheit der Zähne und der Fingerspitzen eines Menschen genau zu sagen, wievielmal er in der Woche ein reines Hemd anzieht. Die Fingerspitze steht aber in genauem Zusammenhange mit dem Zahne, der Zahn mit dem Hemde und das Hemd mit dem ganzen Menschen.
Seit Benvenuto Cellini aus den schönen Zähnen seines erschlagenen Nebenbuhlers eine Kette für die lächelnde Herrin arbeitete, hat es wohl keine bessern Kinnladen gegeben als die der neulich am Kap verunglückten englischen Offiziere. Sie wurden von den Kaffern ermordet; nach einigen Tagen fand man sie in der Tiefe des Waldes. Geld, Uhr und Waffen: alles hatte man ihnen gelassen. Man nahm ihnen nur das Leben und die – Zähne. Die Engländer sind die reinlichsten Leute. Nach Liebig verbrauchen die Engländer die meiste Seife; dann kommen die Franzosen, dann die Deutschen usw., zuletzt die Russen. Die Engländer haben die reinsten hände, die saubersten Zähne und die weisseste Wäsche. Die Engländer sind die Herren der Welt.
Geieraugen, Geiernase, ein ausgestopfter Raubvogel, und im Antlitz die Brandstätte aller Leidenschaften: das ist unsere Herzogin. In unsern Notizen finden wir noch ausdrücklich bemerkt, dass die Herzogin nur Leute, die in der engsten Intimität mit ihr stehen, bei Tage empfängt. In den meisten Fällen nimmt sie nur abends Besuche an, wie sie sich denn überhaupt auch nur bei Abend zeigt, da sie nur zu wohl weiss, wie sehr sie des Lampenlichtes bedürftig ist.
Armer Schnapphahnski! Teurer Mann