manchmal in der Bibel gelesen – – erst nach geraumer Zeit sollte aus der melancholischen Puppe wieder der lustige Schmetterling springen. Diese Wendung in dem Trauerweidenleben unseres Ritters trat dadurch ein, dass ihm einst ein guter Freund aus alten Tagen ermunternd auf die Schulter klopfte und ihn darauf aufmerksam machte, dass er durch die Liebe unglücklich geworden sei und dass er folglich auch suchen müsse, durch die Liebe wieder auf den Strumpf zu kommen. Ein tiefer Sinn lag in diesen Worten, und als der wohlmeinende Freund unseres Ritters noch hinzusetzte, dass sich ganz in der Nähe eine gewisse steinreiche Herzogin aufhalte, die zwar ein höchst dornenvolles, jedenfalls aber ein ungemein ergiebiges Feld der Eroberung darbiete, da erwachte unser Held plötzlich aus seiner Letargie und fasste den Entschluss, seinen letzten grossen Coup zu wagen – –
Ich komme jetzt im Laufe meiner Erzählung zum ersten Male an eine Stelle, wo ich unwillkürlich stutze und zurückschrecke. Die Feder versagt mir fast den Dienst; ich möchte sie gern wegwerfen; ich bin unschlüssig, ob ich überhaupt noch fortfahren soll: ich bin in der peinlichsten Verlegenheit. Meine freundlichen Leserinnen werden meine Not begreifen, wenn ich ihnen rundheraus sage, dass ich dazu gezwungen bin, mich über eine Dame auszulassen, deren Schicksale so wenig an das Leben einer Heiligen erinnern, dass ich wirklich nicht weiss, ob nicht manche Lilienwange über meine Schilderung leise erröten und manche kleine Hand diese Blätter zornig zerreissen wird in tausend Stücke. – Was soll ich tun?
Bin ich nicht bisher immer höflich gegen die Frauen gewesen? Suchte ich nicht die Ehre der trefflichen Gräfin S., jener schönen, edlen Frau, in jeder Weise zu wahren? Verteidigte ich nicht die Schwester des Grafen G.? Habe ich nicht von Carlotta die lautere Wahrheit gesagt? Nahm ich nicht die Tänzerin in Schutz, und schilderte ich nicht die Wiener Damen in ihrer ganzen sonnigen Hoheit? – Ach, und nun soll ich mit einem Male von einer Frau erzählen, deren Reize so unendlich zweideutig sind, dass ich durch meine Schilderung beim besten Willen und bei der äussersten Zarteit doch mitunter gegen das Gefühl des Anstandes und der Galanterie aufs gröbste verstossen muss, wenn ich nur einigermassen der Wahrheit getreu bleiben will, der Göttin der Wahrheit, die bisher meine Feder führte mit unerbittlicher Strenge.
Doch wage ich es! Es sei! Möge der Stil meinen Gegenstand retten! Die Form ist alles!
Die Dame, auf welche Herr von Schnapphahnski sein Augenmerk richtet, ist die achtundfünfzigjährige Herzogin – – meine Leser müssen verzeihen; ich werde dies später erzählen.
Die Herzogin ist achtundfünfzig Jahre alt – also fast zweimal "schier dreissig". Man muss gestehen, unser Ritter hatte plötzlich sehr seltsame Gelüste bekommen. "Unser Leben währet kurze Zeit; siebenzig Jahre, wenn's hoch kommt: achtzig –", meint der Psalmist; achtundfünfzig Jahre ist schon ein hübsches Alter; ohne unhöflich zu sein, darf man von einer Achtundfünfzigjährigen sagen: "c'est une dame d'un certain âge." – Die Herzogin ist klein. Sie ist äusserst zart gebaut; ja, man könnte sie – mager nennen, wenn dieser Ausdruck nicht gar zu unangenehm wäre. Unter vier Augen würde man sich sogar gestehen, dass die Herzogin mager wie ein Skelett ist.
Ich bitte sehr um Entschuldigung! Die Herzogin trägt falsche Waden – ich stosse immer wieder auf Schwierigkeiten. Falsche Hüften – ich verwickle mich immer mehr. Einen falschen Cul – aber jetzt höre ich auf. Mit der Toilette einer Dame ist nicht zu spassen. Die Toilette ist etwas sehr Ernstes. Die Toilette ist alles! Namentlich bei der Herzogin.
"Die Herzogin gleicht einem ausgestopften Raubvogel."
Ich wasche meine hände in Unschuld. Ich habe dies nicht gesagt. Es steht wörtlich so in meinen Manuskripten. Die Herzogin gehört also nach dieser Aussage in das Britische oder in das Leidener Museum. "Die Herzogin trägt auch die Physiognomie desselben, nämlich des Raubvogels: enorme geierartige Nase, Geieraugen, gross wie ein Teller – in früheren zeiten von hoher Schönheit." – Die holde Persönlichkeit der Frau Herzogin wird immer deutlicher. "sehen Sie hier, meine Herren und Damen", würde etwa ein Wärter des Britischen oder des Leidener Museums sagen, "hier sehen Sie den grossen Raubvogel (jetzt käme irgendein lateinischer Name), jenes berühmte Tier, das auf den höchsten Höhen der menschlichen Gesellschaft nistet. Der Zahn der Zeit hat sehr merklich an diesem Vogel gerupft. Trotzdem werden Sie aber an der grossen gebogenen Nase und an den grimmigen Augen dieses Tieres bemerken können, dass er von ausserordentlich rein adeliger Rasse ist. In seiner Jugend machte dieser Vogel die kühnsten Flüge; er horstete mit den männlichen Raubvögeln des Jahrhunderts in der Nähe aller europäischen Trone, auf allen Ambassaden moderner Völker. Er lebte mit Adlern, mit Steinadlern, mit Geiern, mit Lämmergeiern, mit Falken und Kranichen; ja, er liess sich später sogar zu Raben und Elstern herab, zu gewöhnlichen Haushähnen und ähnlichem gemeinbürgerlichem Geflügel. In jüngster Zeit assoziierte sich unser Vogel aber noch einmal mit einem Männchen aus dem berühmten Geschlechte der Schnapphahnski, und Gott weiss, welch ein naturhistorischer Druckfehler aus dieser Liaison hervorgegangen wäre, wenn nicht ein naseweiser weiser Schriftsteller das alte Tier plötzlich mit seinem Geschosse erlegt hätte, so dass es nun hier in dem Kasten des Museums prangt, ein wahres Kabinettstück, bewundert von allen reisenden Engländern und vielfach besucht von allen wissbegierigen Bürgerschulen."
Die Herzogin