interessantesten gerichtlichen Untersuchungen Veranlassung gab. Es geht daraus hervor, dass der schöne abenteuerliche Graf G. eigentlich durch nichts bewies, dass er wirklich der eheliche Sohn des Grafen G.v.W. usw. sei. Da der Herr Pfarrer aber so gefällig war, den Akt der Trauung mit seinem Gewissen zu vereinbaren, so konnte sich die schöne Insulanerin nichtsdestoweniger bald Komtesse de G. nennen und erschien unter diesem Titel mit ihrem Gemahle wieder auf der heimischen Insel, angestaunt von den nachbarlichen Fischern und vielfach bewundert von dem Schwarm neugieriger Gäste, den die Dampfer von Hamburg aus nach dem felsigen Eiland hinüberbrachten.
Wochen und Monate flossen so dahin, da trat eines Morgens der Herr Graf zu der liebenswürdigsten aller Gräfinnen und kündigte ihr an, dass er trotz der interessantesten Umstände, in denen sich die jugendliche Komtesse befand, einmal hinüberreisen müsse nach dem vaterland, um einige finanzielle Angelegenheiten zu ordnen, die lange genug vernachlässigt worden wären. Vergebens bat die junge Dame, dass der Herr Gemahl so freundlich sein möge, sie mit sich zu nehmen. Der Graf war unerbittlich, und als am folgenden Tage Eos mit Rosenfingern emporstieg und der Schlot des "Patrioten" in die frische Seeluft hinausdampfte, da wurden zum Abschied die Tücher geschwenkt, und die arme Komtesse sah ihren Gemahl – zum letzten Male.
Ja, der Herr Graf hat sich seitdem nicht wieder auf der Insel sehen lassen. Umsonst waren alle Nachforschungen. Vergebens arbeiteten Advokaten und pfaffen und stille Verehrer skandalöser Geschichten jahrelang daran, das Dunkel des gräflichen Verschwindens aufzuhellen.
Keine Spur hat sich entdecken lassen wollen –
Sollte der Herr Graf vielleicht einige Ähnlichkeit mit unserm Ritter Schnapphahnski gehabt haben?
Doch nein, es ist nicht möglich! Auf Helgoland sah man aber in jenen Jahren oft beim Sinken der Sonne eine hohe schwarzgekleidete Dame das Ufer entlangwandeln. Sie führte ein reizendes Mädchen an ihrer Hand, und wenn der Abendwind den dunkeln Schleier der seltsamen Frau emporhob, da sah man in ein schönes, totenbleiches Angesicht.
XII
Die Herzogin
Wie ein begossener Pudel, bleich, zitternd, kaduk, verliess unser Ritter Berlin. Es war ihm zumute wie weiland in den Pyrenäen, als er, ein flüchtiger Landsknecht, bespritzt von altspanischem Landstrassendrekke, das Weite suchte und aus Verzweiflung Autor wurde, ja, Schriftsteller – das Schlimmste, was einem Menschen im Leben passieren kann.
Es fröstelte unsern Helden. Die Zukunft dehnte sich vor seinen Blicken wie ein langer trüber Regentag. Gläsernen Auges stierte er hinaus in die Leere seines Daseins, einem zerlumpten Auswanderer gleich, der müssig über das wüste, einförmige Wogen des Meeres schaut und mit sich zu Rate geht, ob er die Reise in eine neue Welt wagen oder ob er sich lieber hintereinander ersäufen soll.
Die ekelhafteste, hündischste Phase des Unglücks ist die, in der man gleichgültig und dumm wird. Ein Unglücklicher, der weint und wimmert wie ein verliebter arkadischer Schäfer, er kann schön sein, man wird ihn lieben können, und blonde Poeten werden ihn besingen und Stanzen und Sonette auf ihn dichten, und blauäugige Mädchen werden an ihn denken noch manchen stillen Sonntagnachmittag. Ein Mensch, der sich, wie ein Laokoon, schmerzgefoltert durch die Schlangen des Missgeschickes windet: er wird unsere Herzen mit sich fortreissen, und ein grosser Meister wird ihn in Marmor hauen, und ein zweiter Lessing wird vielleicht eine unsterbliche Kritik darüber schreiben, und kunstsinnige Könige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an den Jüngsten Tag. Und ein Mann endlich, der, jenem Römer gleich, mit kalt-heroischer Trauer auf den Trümmern einer Welt sitzt: er wird uns fesseln durch die Ruhe seines Adlerauges, durch die Allgewalt seines Schicksals. – Herr von Schnapphahnski schnitt aber leider weder ein Gesicht wie ein arkadischer Schäfer noch wie der grosse Laokoon, noch wie ein alter Römer; er glich einem Unglücklichen, den man zehn Jahre lang in einem Zellengefängnisse marterte, der sich allmählich für den einzigen Menschen auf der Welt hielt, weil er niemand anders als sich sah; ja, der sich endlich einbildete, dass er längst gestorben wäre und dass der Tod nur in dem Leben eines Zellengefängnisses bestehe, und der sich immer mehr mit seinem Schicksale aussöhnte, bis er zuletzt vor freudigem Wahnsinne stupide lachte, ja, bis seine Seele so gespenstisch durch die eingefallenen Augen schaute wie eine verwelkte Rose durch das zerbrochene Fenster eines Hauses, das morsch und menschenverlassen ist und über Nacht zusammenstürzen wird in Staub und Asche.
Genug, unser Ritter war ein verlorener Mann, eine leichtsinnige Fliege, die ins Licht flog und sich Kopf, Beine und Flügel verbrannte. Ja, noch mehr. Unser Held hatte sich blamiert; er hatte sich lächerlich gemacht; er war "unmöglich" geworden, in jeder Beziehung (ridicule et impossible).
Wir wollen es nicht versuchen, die Monologe unseres Helden wiederzugeben – die Monologe, die er zwischen Berlin und der Wasserpolackei hielt, wenn er bald die Götter bat, ihn in das räudigste Schaf zu verwandeln, das hypoteziert auf seinen Triften ging, und bald wieder wünschte, seinen Kopf in beide hände nehmen zu können, um ihn gleich einer Bombe in den Olymp zu schleudern, dass der alte Olympos platz mit all seinen Göttern.
Schuldbeladen sass unser Held auf seinen verschuldeten Gütern. Seine Häuser, seine Felder, seine Schafe hatte er den Juden und den Christen verpfändet. Ihn selbst hypotezierte das Schicksal. Schnapphahnski war nicht mehr der alte Schnapphahnski. Man sagt, er habe in jenen Tagen