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vorleiere, wie ich zu dem unglücklichen Ritter gesprochen haben würde? Unser Freund sehnte sich weder nach den Eispalästen Sr. Majestät, des grossen Bären, noch nach der Taverne in Eastcheap, noch nach dem Obelisken von Luxortraurig sass er auf dem Verdeck des schwankenden Dampfers, die Möwen schrien, die Wolken zogen, und "stop!" rief der Kapitän, da landeten sie auf einer Insel der Nordsee.

Ich mag es nicht unternehmen, meinen Lesern diese weltbekannte Insel näher zu schildern. Hunderte der geistreichsten Schriftsteller haben sich schon an diesem Stoffe versucht, und es hiesse wirklich wasser in den Rhein tragen, wenn ich den trefflichen Reisebeschreibungen jener guten Leute noch meine unvollkommenen Notizen hinzufügen wollte.

Beschränken wir uns daher auf die Mitteilung, dass das Leben auf der fraglichen Insel möglichst langweilig ist und dass es wirklich ein Wunder gewesen wäre, wenn der arme melancholische Graf G.v.W. nicht schon nach kurzem recht eigentlich mit sich zu Rate gegangen wäre, wie er durch irgendeinen tollen Streich die Einförmigkeit eines Daseins brechen könne, das gewiss am allerwenigsten geeignet war, um ihn die Stürme der Vergangenheit vergessen zu lassen.

Aber wie sollte man auf dieser einsamen Insel einen tollen Streich begehen?

Sollst du mit den Fischern aufs Meer ziehen? fragte sich der Graf. Sollst du dich mit dem ersten besten Engländer herumboxen? Sollst du dich in eine Auster verlieben, oder sollst du gar zum Zeitvertreib heiraten? – –

O ihr unsterblichen Götter: heiraten! welch eine idee! übrigens wäre die geschichte doch nicht so übel, dachte der Graf. In der Ehe langweilt man sich wenigstens nicht mehr ganz allein: man langweilt sich zu zweien, und dies ist schon ein Vorzug, ein sehr grosser Vorzug! O himmlischer Vater, du weisst es, wozu die Langeweile einen Menschen verleiten kann – –

Ja, du weisst alles. Auch meine geheimsten Gedanken kennst du, und gewiss werden dir bei deinem vortrefflichen Gedächtnis noch jene ausgezeichneten Gebete oder, wie der alte Kant sagt, jene "oratorischen Übungen" erinnerlich sein, die ich manchmal in stiller Mitternacht "aus einem Rest von kindlichem Gefühle" zu dir emporlallte, wenn ich mit des Jahrhunderts lieblichen Töchtern des Vergänglichen viel genossen hatte und nun plötzlich auf den närrischen Gedanken kam, dass ein treues Eheweib am Ende doch noch besser sei als alle jene undankbaren, unersättlichen Loretten, die der böse Herr Teufel gezeugt hat mit der schönen Frau Venus.

Du hast sie gehört, jene rührenden Gebete, und du wirst sie gnädig verziehen haben.

Sieh, o Vater der Götter, Zeus, du Wolkenversammlersieh, Jehovah oder Odin oder wie du dich nennen willst: auch heute befinde ich mich wieder in dieser heiratslustigen Stimmung. Ich langweile mich auf dieser einsamen Insel; es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei; drum erhöre mein Gebet und nimm mir, wie weiland unserm Urgrossonkel Adam, eine Rippe aus der Seite, auf das ich morgen früh ein holdes häusliches Wesen an meiner Brust finde, im leichten Nachtkleid, eine Rose in Steifleinen. Also betete der Graf, und wenn er nicht wirklich der Ritter Schnapphahnski war, so werden meine Leser doch gestehen müssen, dass die "oratorischen Übungen" unsres Helden eine frappante Ähnlichkeit mit den Herzensergüssen Schnapphahnskis hatten.

Wie dem aber auch sei, soviel ist gewiss, dass der Himmel das Gebet des unglücklichen Grafen erhörtewenn auch gerade nicht in streng-alttestamentlichem Sinne.

Denn sieh, als unser Graf einst mit mehreren gleichgesinnten Badeseelen in dem hübschen Gemache seines Hotels sass und eben damit beschäftigt war, statt der Diamanten des reinsten Wassers die Perlen des vorzüglichsten Champagners in die Nacht seines gramvollen Lebens hereinstrahlen zu lassen, da wurden plötzlich die Türen geöffnet und herein trat – – –

Die schöne Insulanerin war ein liebenswürdiges Mädchen. Sie zählte etwa 24 Jahre, als sie der Herr Graf kennenlernte. Prächtig schwarzes Haar umfloss die blendend weissen Schultern, und der üppige Busen, die schlanke Taille und der kleine Fuss, doch vor allem der Liebreiz ihres seligen Lächelns: alles das hatte schon manchen Nordsee-Sohn halbtoll gemacht.

Ja, schon mancher wilde Bursche war zahm und liebegefoltert vor ihr in den Staub gesunken; aber keck hatte sie noch immer den Fuss auf ihrer Verehrer Nacken gesetzt, und der alte Ozean war der einzige, der sich rühmen konnte, dass er den Lilienleib der Schönen umschlungen und ihn im Gekräusel der Wogen davongetragen habe.

Da betrat Graf G. den Strand der Insel – – aber ich sehe zu meinem Schrecken, dass ich in vollem zug bin, eine Liebesgeschichte zu schreiben!

Genug, die schöne Insulanerin verliebte sich in den "reichen" Grafen; und der "bankrotte" Graf freute sich nicht wenig über sein rasches Glück. Die guten Eltern des armen Kindes waren zu sehr von den noblen Gesinnungen ihres Schwiegersohnes überzeugt, als dass sie seinen Werbungen etwas in den Weg gelegt hätten, und wer sonst von den einfachen Fischern den edlen Herrn mit so unendlichem Anstand Champagner trinken sah, der musste sich gestehen, dass die jugendliche Insulanerin einen Gemahl bekomme, der überirdisch vornehm und liebenswürdig sei.

Se. Hochgeboren spielten die Farçe ausnehmend gut, ja, sie spielten sie schliesslich von der Nordseeinsel hinüber nach Hamburg, wo sich wunderbarerweise ein katolischer Geistlicher fand, der nicht die geringsten Schwierigkeiten machte, das abenteuerliche Paar zu trauen.

Bei einem Hamburger Advokaten existieren noch heutigen Tages die Akten über diese Vermählung, die später zu einer der