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erzählt uns einer dieser Herrnwar des Lebens müd und matt, als er von dem Huldigungsfestmahl aufstand. Er sprach kein Wort mehr, er liess seine Sachen packen und bestellte Postpferde in die weite Weltzunächst nach Hamburg.

In Hamburg hatte unser Ritter nicht im geringsten etwas Böses vordenn ach, unser Held war zu kaduk. Er fühlte, dass er sehr unglücklich sei, und da gegen alles Unglück nichts besser ist als eine ausgezeichnete Zigarre, so hielt sich der hohe Reisende nur deswegen einige Tage in der liebenswürdigsten aller deutschen Städte auf, um die besten Importierten zu kaufen, die je die Magazine des Jungfernstieg durchduftet.

Als aber nun Koffer, Taschen und Büchsen mit den braunen Kindern der Havanna reichlich gefüllt waren, bestieg unser Held den Dampfer und fuhr die Elbe hinab, hinaus in die dicke blaue Meerflut.

In der frischen, freien natur, dachte der Ritter, wirst du all dein Missgeschick vergessen. Verflucht sei das Land! Gesegnet sei das wasser! Wenn die Wellen dich schaukelnd dahintragen und die Wolken wie geflügelte Gletscher das Blau des himmels durcheilen und wenn dich endlich ein Eiland aufnimmt, wo nur fromme, robuste Fischer wohnen und stämmige Nereiden und wohlmeinende Austern: oh, da wird dein krankes Herz gesunden, und du wirst ein Glücklicher unter Glücklichen sein und ein billiges, gottgefälliges Leben führen in Ewigkeit. –

Wie in so manchen Sachen, irrte sich der Ritter auch in diesem Punkte, denn nichts kuriert einen vernünftigen Menschen weniger als die reine natur, als eine sogenannte schöne Gegend.

Mit unserm kleinen, süssen Gewohnheitsplunder befinden wir uns in der finstersten Gasse einer lärmenden Stadt auf die Dauer besser, als vom Frührot umstrahlt auf dem Gipfel der Alpen unter Gemsbökken und dummen Kuhhirten. Ich lasse es mir gefallen, dass man sich alle Jahre einmal auf den Rigi setzt, auf den Snowdon oder den Blocksberg, um sich davon zu überzeugen, dass unser Herrgott auf eine wahrhaft geniale Weise seine grossen Bergklötze durcheinanderwürfelteeine Stunde, einen Tag lang mag man alles beschauen; aber dann auch hinab zu der ersten besten verwünschten Prinzessin!

Was geht mich die ganze Schweiz an, wenn ich in ein paar schöne Augen sehe?

Unser Held war daher auf einem ganz gewaltigen Irrwege, wenn er durch ein dauerndes Schwelgen in der schönen natur zu gesunden dachte.

Hätte ich nur die Pläne des Ritters gewusst und wäre ich damals in St. Petersburg gewesen, so würde ich meinem Freunde auf der Stelle geschrieben haben: "Liebster Ritter, kommen Sie wenigstens nach St. Petersburg. Beschauen Sie sich die Paläste Sr. Majestät, des grossen Bären. Amüsieren Sie sich an der steifen Parade der kaiserlichen Truppen. Suchen Sie vergebens einige hungrige russische Beamten zu bestechen, und fahren Sie auf einem abscheulich guten Wagen nach Moskau oder zu Schlitten nach SibirienSie werden wie gerädert dort ankommen; hören und Sehen wird Ihnen vergehen, und Moses und die Propheten werden Sie vergessen und folglich auch Ihr Unglück.

Oder reisen Sie nach London! Ich gebe Ihnen ein Empfehlungsschreiben mit an meine Freunde in Eastcheap. Dort treffen Sie den unvergleichlichen Sir John Falstaff. Er frühstückt bei Frau Hurtig und wird Sie mit Dortchen Lakenreisser bekannt machen und mit Bardolph und Pistol und andern hervorragenden Persönlichkeiten des Jahrhunderts. Mancher wird Ihnen freilich versichern, dass dies nicht die beste Gesellschaft sei; aber das ist reine Verleumdung. Ein englischer Literat namens Shakespeare ist schuld daran. Er hat in seinen verwerflichen Dramen die nachteiligsten Dinge über den wahrheitsliebenden Sir John und über das tugendhafte Dortchen erzählt. Aber dafür erscheint er denn auch vor der Sternkammer, d.h. vor dem Zuchtpolizeigericht; die Klage lautet auf Kalomnie, und da der unglückselige Angeklagte in dem rotnasigen Lord Brougham einen sehr schlechten Advokaten hat, so hofft man, dass besagter Herr Shakespeare wenigstens zu 3 monat Arrest und zu 5 Jahr Verlust der bürgerlichen Rechte verdonnert wird. Was können Sie also Besseres tun, als nach London reisen, um diesen famosen Prozess mit anzuhören?

Oder reisen Sie nach Paris! Paris ist der einzige Ort, wo ein vernünftiger Mensch auf die Dauer leben kann. Stellen Sie sich auf die Place de la Concorde, und wenn die Springbrunnen rings um Sie plätschern und wenn seitwärts der Duft aus tausend Orangenblüten emporsteigt und wenn die Hieroglyphen des Obelisks von Luxor im Abendgolde brennen und der blick sich rechts in dem Lindengrün des Tuileriengartens und links in der Weite der Elysäischen Felder und in dem Duft verliert, der geisterhaft über die Höhe des Arc de Triomphe einherwogtund wenn sich nun der Abendwind aufmacht und das Tönen der Musik aus entfernten Gärten in leisverhallenden Klängen zu Ihnen herüberträgt und die reizenden Franzosen mit ihrer ganzen Lebendigkeit an Ihnen vorübertanzen und jetzt die sinkende Sonne ihren letzten Purpur, ihre flammendsten Rosenlichter auf die Wipfel der Bäume, auf die Perlen der Springbrunnen, auf das Blau der Wolken und auf die Wangen der lieblichsten Frauen der Welt wirft und endlich die ganze ungeheure Stadt wie im Bewusstsein ihrer Schönheit noch einmal im Rausche der Liebe und der Wollust emporzujauchzen scheintnun, lieber Ritter, da will ich ein Dromedar sein, wenn Sie sich nicht wie ein Gott fühlen, wenn Sie nicht Ihre Leiden vergessen, wenn Sie nicht gern die ganze Welt für einen Pariser Pflasterstein verkaufen, für einen einzigen dieser heiligen Steine, die heller durch die geschichte leuchten als alle Kronjuwelen, so den Schädel eines Fürsten zierten, von Salomo bis auf Reuss LXXII."

Doch was hilft es, dass ich mir