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Man denke sich den kleinen Schnapphahnski "sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd" mitten zwischen seine Schafe und Böcke tretend. Zu seiner Rechten stehen die Schafe, zu seiner Linken die Bökke. "Verehrte Mutterschafe und Böcke", beginnt Schnapphahnski, "ich bin im höchsten Grade erfreut, euch wiederzusehen. Ich habe viel gereist, und ausserordentliche Taten bezeichnen meine Laufbahn. In O. in Schlesien setzte ich dem Grafen S. ein Paar Hörner auf (hier unterbrach den Redner das freudige Geblök sämtlicher Böcke). In Troppau erschlug ich den wilden Menschenfresser, den Grafen G. (allgemeines Erstaunen). In Berlin kostete ich den Lilienleib Carlottens (alle Schafe schlagen verschämt die Augen nieder). In Spanien erwarb ich mir unsterblichen Ruhm unter Don Carlos (Schafe und Böcke brechen in Oho und Bravo aus). In München erschoss ich den Herzog von ...... und wurde deswegen verbannt (schmerzliche Rührung auf allen Gesichtern). In Wien drohte mich die Liebe der Damen zu erdrücken (die Böcke wedeln und beissen einander in die Ohren). Verehrte Herde, teure Majorats-Mutterschafe und Böcke! Ihr begreift, dass mich ein wehmütig süsses Gefühl beschleichen muss, wenn ich nach so ungewöhnlichen Fahrten und Schicksalen endlich in euren stillfriedlichen Kreis zurückkehre (stilles Einverständnis aller Seelen). Oh, es ist mir zumute wie einem jener alten Nomaden, die uns das Buch der Bücher in so trefflichen arabeskenhaften Märchen zu schildern sucht. Gleiche ich nicht einem Joseph, einem Benjamin oder lieber jenem

– – – Sohne des Hetiten,

Der einst die Maultier in der Wüst erfand,

Als er des Vaters Esel musste hüten?

(Allgemeines Interesse.)

Oh, ihr Gespielen meiner Jugend, ihr lieben Angehörigen der Familie Schnapphahnski, seid mir gegrüsst, ja, seid mir von Herzen willkommen! Mit euch aufgewachsen bin ich, ihr unvergleichlichen Mutterschafe, und gern denke ich noch daran, wie ich euch oft so zärtlich an die Lämmerschwänzchen fasste. Ja, mit euch habe ich mich entwickelt, ihr herrlichen Böcke, und nie werde ich vergessen, dass ich von euch alle meine tollen Sprünge lernte, bis ich endlich älter und erfahrener wurde und zu einem grossen Sündenbock gedieh (rauschender Beifall). Ihr Schafe zur Rechten und ihr Böcke zur Linken, hört meine Rede! Beide liebe ich euch, und es ist nur aus altadliger Courtoisie, dass ich mich gewöhnlich mehr der Rechten zuwende, ja euch, ihr trefflichen Mutterschafe, da ihr der Stamm und der Hort der ganzen Rasse seid (Bravo! Bravo! auf der Rechten). Oh, mein Entusiasmus für euch und für diese Versammlung kennt keine Grenzen. Mit euch, ihr Schafe und Böcke, will ich schaffen und wirken für alle Schafe und Böcke ausserhalb dieser Versammlung (stürmische Jubelunterbrechung). Gross ist unsere Aufgabe, aber nichts wird uns erschüttern. Einer der kühnsten Streiter, stehe ich unter euch, heiter das Haupt erhebend, und nur eins, ach, kränkt mich und schnürt mir das Herz zusammen (peinliche Aufmerksamkeit und lautlose Stille). Ja, eins nur tut mir weh, dass ihr herrlichen Merinomutterschafe und Böcke all miteinander hypoteziert seid und dass ihr nicht geschoren werdetfür mich."

Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, dass die Beredsamkeit unsres Helden namentlich in einer tieftraurigen elegischen Wehmut ihren Hauptreiz hat. Viele der ausgezeichnetsten Schafe und Böcke haben mir versichert, dass sie bei verschiedenen Gelegenheiten wahrhaft davon bezaubert gewesen seien und sich schon bereitgehalten hätten, den Demostenes der Wasserpolackei mit einem Donner des Applauses auf seinen Sitz zu begleiten, wenn nicht wider Erwarten, trotz aller adligpatriarchalischen Phrasen, schliesslich der Finanznot blasse Wehmut, tiefe Trauer zum Vorschein gekommen wäre und der ganze Sermon in einem unsterblichen Gelächter sein Ende erreicht hätte.

Ja, die Finanznot! Sie spielt in dem Leben unseres Helden eine ebenso grosse Rolle als die Liebe. Die Finanznot war es auch, welche Sr. Hochgeboren vor allen Dingen wieder nach Berlin trieb.

Es wäre hier die Stelle, näher auf die Festlichkeiten einzugehen, die bei der Huldigung im Spätjahre 1840 in Berlin stattatten. Wir unterlassen dies aber. Herr von Schnapphahnski hatte sich natürlich sehr darauf gefreut. Er hoffte, dass man bei dem allgemeinen Tumult nicht mehr an seine seltsame Vergangenheit denken würde. Mit der angebornen liebenswürdigen Frechheit glaubte er, das Verlorene wiedererobern zu können und dann auch schnell zu Amt, Ehre und Kredit, kurz, zu allem zu gelangen, was das Dasein wünschenswert macht.

"In Berlin", heisst es in unsern Manuskripten, "wartete Sr. Hochgeboren aber ein äusserst schlechter Empfang von seiten der schlesischen Ritterschaft. Nach langen Debatten beschloss dieselbe nämlich, zu einem Diner, das sie als Korporation gab, Herrn von Schnapphahnski nicht zuzulassen. Unser Ritter fand sich aber dennoch ein und setzte sich mit zu Tische. Da erhob sich die ganze Ritterschaft ..."

XI

Die Nordsee

Die Gelehrten, die in keinem Punkte übereinstimmen, sind natürlich auch darüber uneinig, was aus Sr. Hochgeboren, dem Ritter Schnapphahnski, wurde, nachdem er in Berlin so glänzend Fiasko gemacht hatte. Einige behaupten, er sei sofort auf seine Güter nach der Wasserpolackei gereist; andere lassen ihn dagegen nach Norden ziehen und schwören darauf, dass er plötzlich auf einer Insel der Nordsee unter dem Namen eines Grafen G.v.W. zum Vorschein gekommen sei, um eins der trefflichsten Abenteuer seines Lebens zu bestehen.

Schnapphahnski oder vielmehr Graf G.v.W.