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wirklichen Geliebten derselben, über den spanischen Chevalier ..., eine Infamie erdichtete und veröffentlichte, eine Infamie, von der er seinen Bekannten selbst eingestand, dass er sie nur fingiert habe, um sich an der Fürstin zu rächen. Glücklicherweise brachte ihm diese Niederträchtigkeit eine wohlverdiente Züchtigung.

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Die Huldigung

Es ging Herrn von Schnapphahnski wie den jungen Katzen, die sechsmal aus der Dachrinne in die Strasse hinunterpurzeln können, ohne den Hals zu brechen. Unser Ritter besass wirklich vor allem andern die Eigenschaft, dass er ein unbeschreiblich zähes Leben hatte.

Nach so fatalen Niederlagen, wie sie unser Held in München und Wien erfuhr, würde jeder andere Mensch nach Indien, nach Amerika oder nach einem Eiland des Stillen Ozeans gereist sein. Nur ein Schnapphahnski durfte noch hoffen, auch an einem andern Orte eine Rolle spielen zu können.

Der Ritter konnte sich gratulieren, dass er deutscher Abkunft war, oder eigentlich wasserpolackischer. Wäre er als Pariser oder Londoner einmal in recht Schnapphahnskischer Weise durchgefallen, so würde er sich schwerlich so schnell wieder erholt haben. Bei den vielen Höfen des deutschen Vaterlandes wusste sich der erfinderische Mann aber schon eher zu retten, und Gott weiss es, zu welchen verwünschten Prinzessen er sich noch hinabgelassen hätte, wenn nicht um die Mitte des Jahres 1840 durch den Tod eines grossen Monarchen plötzlich so viele Hindernisse für unsern Helden aus dem Wege geräumt worden wären, dass er schnell wieder den Plan aufgab, sich einstweilen nur in den mehr verborgenen Sphären des germanischen Adels herumzutreiben, und es abermals wagen zu können glaubte, sogar in Berlin sein holdes Antlitz von neuem sehen zu lassen.

Sollte man es glauben? Schnapphahnski wieder in Berlin! – Man wird über die Keckheit unseres Helden lachen, wenn man bedenkt, wie schmählich er das dortige Feld einst räumen musste. Wurde nicht das Abenteuer aus O. in Schlesien und das Duell aus Troppau noch manchmal bei hof erzählt? Lächelte nicht Carlotta noch immer so selig von der Bühne hinab in das Parkett, wo der Adonis der Garde stand, und wusste man nicht noch allerwärts die rührende geschichte jener armen Tänzerin, die sich geradeso grossmütig von des Ritters Diamanten trennte, wie der Ritter die Tänzerin ungrossmütig im Stiche liess? Aber alles das machte nichts. Der Ritter war davon überzeugt, dass noch etwas aus ihm werden könne. Sein gewaltigster Feind war dahin; neue Gesichter verdrängten die alten, und unser Held hätte nicht Schnapphahnski heissen müssen, wenn er nicht versucht hätte, die Wendung der Dinge auch für sich zu exploitieren. Keck setzte er den Fuss wieder in das Berliner Leben.

Schnapphahnski musste etwas wagen, denn er hatte drei Sachen nötig, drei Dinge, die man ungern im Leben zu entbehren pflegt. Unser Ritter bedurfte des Vergnügens, der Ehre und des Geldes; nach dem letzteren sehnte er sich am meisten. Für das Vergnügen war in Berlin schon gesorgt; Ehre konnte der Umschwung der politischen Zustände mit sich bringen; mit dem Gelde sah es am schlimmsten aus, und kopfschüttelnd dachte unser Ritter bisweilen an das alte Sprichwort: "Wo Geld ist, da ist der Teufel; aber wo keins ist, da ist er zweimal."

Über die Geldverhältnisse unseres Helden finden wir in den schon erwähnten Dokumenten die genauesten und wichtigsten Aufschlüsse. Wir würden unserm Freunde gern die Demütigungen ersparen, so vor allem volk seine tasche umzukehren. Leider sehen wir uns aber gewissermassen dazu gezwungen, denn die spätern Liebesabenteuer unsers Ritters stehen in so genauem Zusammenhange mit seinem Beutel, dass wir wirklich das eine nicht ohne das andere schildern können.

"Die in der Wasserpolackei gelegenen Güter Schnapphahnskis", heisst es in unsern Notizen, "waren fast gänzlich ertraglos, da enorme Schulden auf ihnen lasteten, Schulden, die dadurch täglich stiegen, dass der edle Ritter auch nicht im entferntesten nur soviel Einkünfte besass, als zur Bezahlung der Hypotekenzinsen nötig waren. Der Vater Schnapphahnskis schaffte sich einen teil dieser Schuldenlast auf höchst geniale Weise vom Halse, indem er sich seinerzeit freiwillig interdizieren liess. Die Güter gingen durch dieses Manöver auf den damals noch blutjungen Ritter über, der die Schulden des Vaters nicht bezahlte, da Majorate nicht angreifbar sind und selbst auf die Revenuen derselben nur so lange von den Gläubigern gerechter Anspruch gemacht werden kann, als der eigentliche Schuldner Herr des Majorates ist.

Durch dieses feine Finanzkunststück der Familie Schnapphahnski war zwar mit den Schulden grossenteils tabula rasa gemacht und manche bürgerliche Kanaille ruiniert worden. Aus Mangel an jedem Betriebskapitale gerieten indes die Güter sehr bald wieder in die alte Lage. Alle ihre Einkünfte wurden abermals verpfändet, und der ganze Besitz war wiederum von Hypoteken erdrückt. An und für sich sind die Einkünfte dieser Güter sehr bedeutend.

Tzztzztzzt" – hier trägt das Manuskript einen unaussprechlich schönen wasserpolackischen Namen, den wir dem Scharfsinn unserer Leser zu buchstabieren überlassenalso, "an und für sich sind die Einkünfte dieser Güter sehr bedeutend. Tzztzztzzt hat in ganz Deutschland die beste Zucht von Merinomutterschafen und Böcken." – Ich bitte meine freundlichen Leserinnen höchst aufmerksam zu sein, da meine Skizzen über Herrn von Schnapphahnski in diesem Augenblicke sehr belehrend werden. – "Diese Merinomutterschafe und Böcke werfen allein jährlich einen Ertrag von 60.000 Talern Revenue ab, von denen Se. Hochgeboren indes damals nicht einen heller besah." –

Armer Schnapphahnski! Für 60.000 Taler Schafe und Böcke, und dann nicht einmal einen Pfennig Einkommen. – Das ist unbegreiflich, das ist entsetzlich! übrigens hat die geschichte etwas sehr Patriarchalisches.