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und 8 Pence auf den Tisch werfend, überliess er den Westfalen seinem Nachdenken, der noch immer nicht begreifen konnte, wie man für 6 Taler, 3 Groschen und 6 Pfennig: in einer Nacht zwei Nächte schlafen könneund endlich trübselig davonschritt.

Von Norfolk Street bis zu St. Paul sind es nach Londoner Mass nur wenige Schritte, d.h., es ist noch ziemlich weit. Unser Westfale stand daher erst nach geraumer Zeit vor der gewaltigen Kirche, und da er sein Morgengebet noch nicht gestammelt hatte, so schritt er mit brünstiger Seele die grosse Treppe hinauf und trat durch die offene Tür unter Meister Wrens herrliche Wölbung.

"Four pence, if you please, Sir!" sagte da jemand, indem er unserm Freund auf die Schulter klopfte. Der Westfale blickte erschrocken zurück:

"Aber nein, dies ist ja eine Kirche –"

"Four pence to be paid, Sir!"

"Aber nein, ich habe noch nie in Münster Entrée in der Kirche bezahlt."

"Four pence!" wiederholte der Küster zum dritten Male, und so gewiss, wie der Wirt in Norfolk Street zwei Nächte auf die Note gesetzt hatte, so gewiss musste der Westfale schliesslich 4 Pence Entrée bezahlen. Mit seinem letzten Schilling und mit einem so heissen Gebete, wie es je ein Gläubiger gesprochen hat, kniete da der Westfale auf den Marmorboden nieder. Wer weiss, wie lange er sich mit Gott unterhalten haben würde, wenn nicht plötzlich der Küster mit einem Bund Schlüssel in der Hand und mit einem Schweif von vielen Herren und Damen quer durch die Kirche gerannt wäre. Der Betende sah aufmerksam empor. Was soll das bedeuten? Schliesst man die Kirche zu? Mit dem Schrei des Entsetzens sprang er empor, und der Gesellschaft nachlaufend, war er bald der nächste hinter dem Küster. Richtig! Die Riegel knarrten, die erste Tür fiel rasselnd ins Schloss.

"One shilling, if you please, Sir!"

Der Westfale war abermals wie vom Donner gerührt.

"Aber nein, bezahlt man hier auch beim Hinausgehn?"

"One shilling to be paid, Sir!"

"Aber nein, ich habe noch nie in Münster bezahlt, wenn ich aus der Kirche ging."

"One shilling!"

Der Küster sprach dies mit so viel anglikanischer Würde und mit so unendlich kategorischem Episkopalernst, dass der arme Westfale vor Schrecken in den Boden zu sinken meinte und unwillkürlich in die tasche der grünplüschenen Weste griff und ach, seinen letzten Schilling herausholte. Es musste wohl so sein, denn alle übrigen bezahlten ebenfalls. Nachdem die Sache berichtigt war, schritt der Küster vorwärts. Der Westfale folgte ihm auf dem fuss, seine Knie zitterten, er schnappte nach Luft, und in der Angst und Verwirrung achtete er gar nicht darauf, dass man, statt die Treppe hinunter nach der Strasse zu gehen, die Treppe hinauf nach dem Turm schritt. Erst in der Mitte der ersten Windung bleibt er entsetzt stehen. Ein neuer Betrug! Er will zurück, er macht kehrtaber ach, wenigstens zwanzig Menschen sind schon hinter ihm; keiner kann an dem andern vorüber, zu schmal ist der gang, und "Follow me!" ruft der Küster vor ihm, und "Go on!" schreit die Menge hinter ihm, und weiter muss der Unglückselige, von einem Tritt zum andern, immer vorwärts, immer hinauf, unter Ächzen und Stöhnen, bis er endlich schweisstriefend oben in der Kuppel der Kirche anlangt.

Herren und Damen sind indes nachgerückt; immer voller wird der Raum, der eine drängt den andern, und unser Westfale sieht sich genötigt, eine kleine Erhöhung zu besteigen, von der man zu der höchsten Öffnung der Kuppel hinaufreichen kann. Sowie die Gesellschaft das Innere der Kuppel betrat, hatte sie alle Fenster und Luken in Beschlag genommen. Die Öffnung, welcher unser Freund zunächst stand, war bald allein noch unbesetzt, und man winkte ihm hinauszusehen und dann für andre Platz zu machen. Unwillkürlich fasste er daher rechts und links an die Seiten der Öffnung, und vom Boden emporspringend, hob er sich mit dem Oberkörper über das Dach hinaus, auf die hände gestützt, die Beine noch immer baumeln lassend.

Welch ein Anblick! Aus dem stillen Westfalen plötzlich auf die Spitze der St.-Pauls-Kirche! Ein kalter Schauder durchfuhr unsres Freundes rücken: vor ihm ausgebreitet lag die Riesin London im heitersten Sonnenglanze. Des dichten Nebels wegen hatte der Westfale nur das bemerkt, was auf sechs Schritt zu bemerken war.

Während er unten auf den Marmorstufen der Kirche betete, hatte aber der Wind den Nebel zerstreut, und alle Gegenstände der unermesslichen Stadt traten jetzt aus dem Dunkel hervor und leuchteten in grandiosen Umrissen am entwölkten Horizonte. Dort die Yorksäule, die Nelsonsäule, die Türme der Westminsterabtei, St. James, die Bäume von Hyde Park und Palast an Palast bis hinaus in die weiteste Ferne. Nach der andern Seite die City mit ihren tausend und aber tausend verschlungenen und verworrenen Gassen und Gängen, mit den hochgegiebelten Häusern, vollgepfropft mit allen Schätzen des Erdballs, halb noch in bläulichen Rauch gehüllt, der sich in düstern massen hinauswälzt bis in die entlegensten Felder. Und die Temse dann. Auf bläulicher Flut die schneeweissen Segel und Mast an Mast, so weit das Auge reichte, vom Tower bis hinab zur wogenden See. Dazu das Rasseln der Wagen, das Lärmen der Fussgänger, das Geräusch der Werkstätten