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mit sehr bestimmtem Tone: "Wissen Sie, Ritter, ich kann auch einen gewissen Walzer spielen, dem niemand widersteht. Ja, wenn ich den spiele, so muss man tanzen, wie ich es befehle!"

Herr von Schnapphahnski hatte die Bonhomie, auch dieses nicht zu verstehen. Der Herzog verstummte. Der Ritter setzte seine Bemerkungen fort, und auf den Gesichtern der Zunächstweilenden konnte man deutlich lesen, dass sie sich in einer ziemlich peinlichen Stimmung befanden. Wer weiss, wie lange indes die Katastrophe des Abends noch hinausgeschoben worden wäre, wenn der arme alte Oberst, dessen Anwesenheit wir früher schon erwähnten, nicht plötzlich zum Losplatzen des Sturmes auf eine ebenso unvorhergesehene als höchst komische Weise Veranlassung gegeben hätte.

Wir müssen bekennen, wir sind in einiger Verlegenheit: wir werden die geschichte schwerlich so erbaulich erzählen können, wie sie in der Wirklichkeit geschehen sein mag. Die Verlegenheit der Menschen verrät sich auf verschiedene Weise. Der eine errötet, der andre schlägt die Augen nieder, der dritte hustet, der vierte nimmt eine Prise. Unsere Verlegenheit verrät sich dadurch, dass wir plötzlich den Faden der Erzählung verlieren ...

Ein Westfale reiste nach England. Er war sehr unglücklich wie alle Westfalen auf Reisen. In Köln verlor er seinen Regenschirm, in Ostende wurde ihm der Mantel gestohlen, in Dover fiel er beim Ausschiffen ins Meer, auf der Douane konfiszierte man ihm den zigarrengefüllten Koffer, der Droschkenkutscher prellte ihn entsetzlich, und höchst kalt und unkomfortabel langte unser Westfale in Norfolk Street, Strand, London an. Norfolk Street ist eine totenstille Nebenstrasse. Nachdem er um das schlechteste Zimmer gebeten hattefür das er natürlich geradesoviel bezahlen musste wie für das allerbeste –, und nachdem er, mehr aus ökonomischen als aus Gesundheitsrücksichten, von dem aufgetragenen Beef und Mutton weniger als ein Kanarienvogel gegessen hatteum natürlich geradesoviel dafür zu zahlen, wie für ein Mittagsmahl des Riesen Goliat-, legte sich unser Westfale in sein teures, aber schlechtes Bett, faltete die hände, betete zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden und schlief schnarchend dabei ein, wie mancher Gerechte vor ihm. Als er am nächsten Tage erwachte und nach seiner Uhr griff, überzeugte er sich davon, dass die Uhr mit dem Regenschirm, dem Mantel, dem Koffer usw. bereits den Weg alles Irdischen gegangen sei, und schüchtern schlich unser Freund daher an den Rand der Treppe und fragte mit zitternder stimme: "Könnten Sie mir nicht sagen, Herr Kellner, was die Glocke gefälligst geschlagen hat?" – "Tree o'clock!" rief der Kellner in barschem Tone. Es war 3 Uhr nachmittags. Bei dem abscheulichen Nebel, der verfinsternd über der Stadt lag, meinte der gute Westfale aber nicht anders, als dass es 3 Uhr morgens sei, und es verstand sich von selbst, dass er als rücksichtsvoller Fremder zurück ins Zimmer kroch, um, nach einigen Unterbrechungen und schweren Träumen, abermals bis zu einem nächsten Tage im Bette zu liegen, wo er, da der Nebel noch immer fortdauerte, gewiss bis zu einem dritten Tage geweilt hätte, wenn er nicht durch den Hunger so sehr gepeinigt worden wäre, dass er sich schliesslich ein Herz fasste und hinunter in die Gaststube stolperte.

Hier angekommen, betrachtete man den foreign Gentleman mit so sonderbaren Augen, dass er, an seinen Mantel, an den Regenschirm, an den Koffer und an die Uhr gedenkend, plötzlich auf die gerechtesten Befürchtungen für seinen Frack und die Hosen empfand. Er fasste daher den heroischen Entschluss, lieber das heiss ersehnte Frühstück im Stich zu lassen, gleich zu bezahlen und dann rasch das Haus zu verlassen. Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste. Nicht ohne Bangen näherte er sich daher einem andern Fremden, den er für den Wirt hielt, und fragte mit möglichster Fassung, indem er das Gold schon in den Händen hielt: "How much?" "Goddam!" erwiderte dieser und streifte die Ärmel empor und würde gewiss auf unsern Westfalen losgeboxt haben, wenn sich der Landlord nicht noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und dem erschrockenen Westfalen die Nota überreicht hätte. Die Rechnung war short and sweet, kurz und süss, wie folgt:

1 Supper £– 3 S. 6d

2 Board and Lodging £– 9 S. 10 d

Waiter

£– 2 S. –d

Boots and Chambermaid £– 3 S. –d

£– 18 S. 4d

Der Westfale hatte den Verlust des Regenschirms, der Uhr, des Mantels und Koffers verschmerzen können. "Gestohlen und verloren werden kann alles –", sagte er sich. Dass man ihm aber für ein Abendessen und für einen Schlaf 18 Schillinge und 4 Pence, mit anderen Worten: 6 Taler, 3 Silbergroschen und 6 Pfennige Preussisch Kurant anrechnete, nein, das war zu stark, das beleidigte die Seele eines Biedermannes zu tief, und mit einiger Entrüstung bemerkte er daher:

"Aber nein, Herr Wirt, sagen Sie mal, das ist denn doch gefälligst ein bisschen zuviel –"

"Very moderate, Sir!"

"Aber nein, ich habe ja nur eine Nacht geschlafen."

"Two nights, if you please, Sir."

"Aber nein, ich habe ja gar nichts mehr gegessen."

"All included, Sir."

"Aber nein, das kann ich unmöglich bezahlen – –"

Aber der Wirt hatte das einzige und letzte Goldstück seines Gastes schon in der Hand, und ärgerlich den Überschuss von 1 Schilling