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ist ein bildschöner Henker, der sein Opfer scherzend hinauf an den Galgen zerrt und dann die Leiter umstösst, dass der arme Teufel an des Ruhmes Galgen baumelt, weder mit den Füssen auf der Erde noch mit dem Kopf im Himmel. O über den Wahnwitz!"

So faselte der edle Ritter, und wer weiss, was aus ihm geworden wäre, wenn die Götter nicht Mitleid mit ihm gehabt und einen milden Regen gesandt hätten, der, allmählich zum Schauer und zum Guss anschwellend, Berge und Täler benetzte und schliesslich auch auf höchst erfrischende Weise in Schnapphahnskis alte Stiefel trat.

Wohler ward ihm, und hinunter schritt er nach Frankreich.

VI

Brüssel

Von den Pyrenäen stieg der edle Ritter hinab nach Frankreich, und von Frankreich eilte er nach Belgien. "Herr Schnapphahnski wurde Autor." Ja wahrhaftig, wir sehen den sinnreichen Junker in Brüssel sitzen und seine Memoiren schreiben.

Alle grossen Männer machten es so; wenn sie des Lebens Last und Hitze getragen hatten, da verkrochen sie sich in irgendeinen kühlen Winkel, und die Hand, die bisher den Säbel, den Kommandostab oder das Szepter geführt hatte, sie griff dann zur Feder und brachte das Erlebte zu Papier. Wir brauchen unsern Lesern nicht zu versichern, dass sich von unsern Skizzen über Herrn von Schnapphahnski auch nicht eine Spur in den Memoiren des edlen Ritters findet. Se. Hochgeboren waren viel zu bescheiden, als dass sie alle glorreichen Aventüren der Bewunderung der Nachwelt aufbewahrt hätten.

Die Liebe, die den edlen Ritter nie verliess, zieht ihren roten Faden auch durch den Brüsseler Aufentalt unseres Helden. Die Weiber müssen nun einmal lieben; Schnapphahnski wusste dies. Sie können nicht anders, es ist ihre Bestimmung. Ein Weib liebt nicht allein lange, nein, ein Weib liebt unendlich, bis auf die Hefen. Ein Weib kann dich lieben, wenn deine Hose zerrissen ist, wenn dein Rock in Fetzen hinabhängt und wenn die ewige Sonne durch die Löcher deines Hutes auf dein verwildertes Landstreichergesicht scheint, ja, noch immer wird eine schöne Frau dich lieben können, denn sie wird um dich weinen, und sie wird dich küssen, und du wirst glücklich sein!

Wie meine Leser bemerkt haben werden, sucht Herr von Schnapphahnski stets die Frauen auf. Um junge Mädchen ist es ihm selten zu tun. In Brüssel machte sich der edle Ritter an die Frau eines bekannten belgischen Künstlers. Die junge Dame hatte ihren frommen Gemahl total unter dem Pantoffel.

Die Pantoffelknechtschaft ist jedenfalls noch eine süsse Knechtschaft. Sie hat nur das Unangenehme, dass der zärtliche Gatte zum Lohn für seine liebevolle Unterwürfigkeit in den meisten Fällen nicht etwa mit einer Königs- oder einer Bürgerkrone, sondern mit jenem Kopfschmuck gekrönt wird, den auch des Waldes flüchtige Gebieter tragen. Man könnte in der Tat bei den Ehemännern dieselben Benennungen anbringen wie bei den Hirschböcken. Nach Vollendung des ersten Jahres der gekrönten Pantoffelknechtschaft würde man einen Ehemann: Spiesser titulieren; nach Vollendung des zweiten Jahres hiesse man ihn: Gabler. Hierauf träte dann die Bezeichnung nach Enden ein, so dass man einen Ehemann bald einen Sechsender, einen Zehnender, einen Sechzehnender und so weiter nennen würde. Bei recht stattlichen Ehemännern könnte man sogar die Benennung des Dam- und Elen-Wildes eintreten lassen, ja, bis zu dem Namen Schaufler gehen.

"Was schadet es, wenn ein Ehemann ein paar Hörner trägt!" hatte der edle Ritter oft zu sich selbst gesagt, wenn er wohl einmal in die untergeordneten Schichten der Gesellschaft hinabstieg. "So ein zweibeiniger Sechzehnender kann immerhin noch nachmittags auf die Börse und abends ins Kasino gehen, ohne dass man ihn auslacht, denn fast überall findet er ja Leidensgefährten, wehmütig lächelnde Böcke, die gelebt und geliebet haben und die recht gut wissen, was es für ein Malheur ist, wenn man eine junge Frau hat, mit funkelnden Augen, mit wogendem Busen und mit kleinen alabasterweissen Füssen, recht ein Wesen wie ein üppiges Rätsel, das nur die Liebe lösen kann, die Liebe eines flinken Gesellen, der weder auf die Börse noch ins Kasino geht und der sich den Henker schiert um alle Ehemänner und ein flotter Edelmann ist wie ich, der Ritter Schnapphahnski!" Die Frau des Künstlers hatte Mitleid mit unserem Ritter. Zu jenem melancholischen blick, den Herr von Schnapphahnski mitunter anzunehmen pflegte, wenn er an die Lakaien des Grafen S. in O. in Schlesien dachte, und zu der interessanten Blässe der Finanznot, die unseren Helden eigentlich nie verliess, gesellte sich nun noch die wichtige Miene eines Autors, so dass der edle Ritter wirklich eine interessante Figur ausmachte und die Frau des Künstlers immer mehr dazu veranlasste, einmal ernstlich mit sich zu Rate zu gehen, ob sie ihrem Gemahl nicht bald die Dulderkrone aufsetzen könne. Herr von Schnapphahnski verfolgte seine Beute mit aller Hartnäckigkeit eines Ritters ohne Furcht und Tadel.

Wenn man bedenkt, welche Vorstudien der edle Abenteurer schon in der Liebe gemacht hatte, so ist es zu begreifen, dass er täglich mehr Terrain gewann. In der Liebe geht es aber wie in den Träumen; wenn man gerade im besten zug ist, da kommt gewöhnlich etwas dazwischen. Das Renkontre, welches dieses Mal die süssesten Hoffnungen unsres Helden vereitelte, gehörte wieder zu den allerunangenehmsten.

Es war um die Karnevalszeit auf einem Maskenballe. Die gute Stadt Brüssel hatte alles aufgeboten, um auch durch den Ball der Oper den Beweis zu liefern, dass man in Belgien jede französische Sitte nachahmen könne, wenigstens so gut,