wie sehr der edle Ritter nach der Heimat verlangte, nach Berlin, wo man seiner so liebend gedachte, wo er so gut angeschrieben stand bei Zeus Kronion, bei den Offizieren der Garde, bei seinem Juwelier und bei seiner Tänzerin. Doch nicht unangefochten sollte er zu der letzteren zurückkehren, denn sieh, die Enkelin Heinrich Heines, die liebliche Tochter Atta Trolls, des Bären, verliebte sich in den göttergleichen Schnapphahnski, wie uns der Dichter selbst erzählt in seinem Werke, das bei Hoffmann und Campe erschienen, in Hamburg, im Jahre des Herrn 47.
In der Höhle, bei seinen Jungen, liegt nämlich Atta Troll, der Bär, und er schläft
"Mit dem Schnarchen des Gerechten;
Endlich wacht er gähnend auf.
Neben ihm hockt Junker Einohr,
Und er kratzt sich an dem kopf
Wie ein Dichter, der den Reim sucht;
Auch skandiert er an den Tatzen.
Gleichfalls an des Vaters Seite
Liegen träumend auf dem rücken,
Unschuldrein, vierfüss'ge Lilien,
Atta Trolls geliebte Töchter.
Ganz besonders scheint die Jüngste
Tiefbewegt. In ihrem Herzen
Fühlt sie schon ein sel'ges Jucken,
Ahndet sie die Macht Cupidos.
Ja, der Pfeil des kleinen Gottes
Ist ihr durch den Pelz gedrungen,
Als sie ihn erblickt – O Himmel,
Den sie liebt, der ist ein Mensch!
Ist ein Mensch und heisst Schnapphahnski."
Da haben wir's! Es geht nun einmal nicht anders; wir treffen den edlen Ritter immer bei der Liebe. Er verfolgt sie, und sie verfolgt ihn. Von der Gräfin S. und der Gräfin O. geriet er auf Carlotta; von Carlotta auf die Tänzerin; von der Tänzerin auf die Bärin! Oh, es ist kein Wunder, dass alle Berliner und Frankfurter Damen in Herrn von Schnapphahnski vernarrt waren, da sogar einst eine Bärin vor dem prächtigen Barte des Ritters anbetend zusammensank.
Oh, diese Bärin hatte einen scharfen blick, eine
gute Schnauze! Sie schnüffelte es schon vor Jahren, sie roch es schon zu Don Carlos' zeiten, dass unser Ritter einst ein gewaltiger Redner, ein grosser Staatsmann werden würde, und schwärmerische Blicke richtete sie nach dem herrlichen mann – die zarte Bärenlilie. – –
"Ist ein Mensch und heisst Schnapphahnski.
Auf der grossen Retirade
Kam er ihr vorbeigelaufen
Eines Morgens im Gebirge.
Heldenunglück rührt die Weiber,
Und im Antlitz unsres Helden
Lag, wie immer, der Finanznot
Blasse Wehmut, düstre sorge."
Kann man sich wichtigere Aufschlüsse über die Rückkehr unseres Helden denken? Auf der Retirade sehen wir ihn, laufend, im Gebirge. Wunderbarer Anblick! Echt spanischer Landstrassendreck spritzte ihm hinauf in den unsterblichen Bart, seine Augen funkeln verdächtig, seine Knie schlottern. Der kühne Ritter gleicht durchaus dem mann, der einst in O. in Schlesien vor dem Grafen S. ausriss, nach verlorener Liebesschlacht. "Heldenunglück rührt die Weiber." – Die Bärin seufzt vor Liebe, dass ihr die Schnauze zittert. Die Tochter Atta Trolls ist ausser sich vor brennender Zuneigung – doch nicht der landstrassendreckbespritzte Bart, nicht das funkelnde Auge, nicht das schlotternde Knie ist es, was sie wimmern und schmachten lässt, nein, die Blässe des unübertroffenen Ritters rührt sie vor allen Dingen, ja, die Blässe, die interessante Blässe – kann es etwas Bezeichnenderes geben?
Unsere Verwunderung erreicht indes erst ihren Gipfel, als wir sogar die natur dieser Blässe, den tiefern Grund dieser herzbetörenden Couleure angegeben finden.
Bisher glaubten wir, der Ritter sei nur blass aus Liebe, aus Furcht, aus Ärger, der Mode wegen – aber wie irrten wir uns! Es ist die Blässe der Finanznot – ein neues Licht geht über dem Leben Schnapphahnskis auf; der Ritter ist blass vor Schulden – armer Ritter!
"Seine ganze Kriegeskasse,
Zweiundzwanzig Silbergroschen,
Die er mitgebracht nach Spanien,
Ward die Beute Esparteros."
So etwas ist hart – zweiundzwanzig Silbergroschen – das ist bitter!
"Nicht einmal die Uhr gerettet!
blieb zurück zu Pampeluna
In dem Leihhaus. War ein Erbstück,
Kostbar und von echtem Silber."
Das Schicksal unseres Helden wird immer landsknechtartiger. Die Uhr der Familie Schnapphahnski im Leihhause von Pampeluna! Das ist tragisch, das ist rührend. Das Nürenberger Ei, das vom Urgrossvater Schnapphahnski, von dem alten ehrwürdigen Wasserpolacken, auf den galanten Sohn vererbt wurde: der galante, frivole Sohn hat dieses Erbstück versetzt im Leihhause von Pampeluna, vielleicht ohne einmal zu erröten, ohne Herzklopfen, ohne schüchternes Hinund Herschauen, als er die Pforte des Lombard durchschritt, und ohne verlegen zu stottern, als er dem Pfandkommissar sein Anliegen vortrug. "Wieviel Uhr haben Sie?" fragte bisweilen ein Mauleseltreiber des Gebirges, und mit Patos erwiderte dann Se. Hochgeboren: "Bemühe Er sich in das Leihhaus von Pampeluna, werter Freund, dort wird Er ein Erbstück finden, kostbar und von echtem Silber, dort wird Er das Nürenberger Ei der Familie Schnapphahnski antreffen, das Ihm Zeit und Stunde so genau verkünden wird wie jene berühmte Uhr des morgenländischen Kalifen, die einst Charlemagne zum Geschenk erhielt und die er hoffentlich nie so schmählich auf den Mont de Piété getragen haben wird wie ich die meinige, Sela!"
Armer Schnapphahnski! Nicht mehr erfreut ihn in der Stille der Nacht die süsse Musik seiner alten Gefährtin, das trauliche "Tick-Tack" der Uhr, das einen daran erinnert, wie man doch noch nicht ganz unter die Füsse gekommen ist, dass man wenigstens noch