etwas Berauschenderes, als wenn eine Fanny Elssler ihre Bachschen Fugen, eine Taglioni ihre Beetovenschen Symphonien und eine Grisi ihre weichen, wollüstigen Donizettischen Arien tanzt? Jedesmal, wenn ich die Grisi sah, da war ich fest davon überzeugt, dass Gott den Menschen nur der Beine wegen geschaffen hat; gern hätte ich mich köpfen lassen; es wäre mir einerlei gewesen; ich hielt den Kopf für wertlos, und ich begriff nicht, weshalb die Beine nicht die Ehre haben, oben zu stehen, und weshalb der Kopf nicht nach unten geht – mit einem Worte: die Beine hatten meinen Verstand auf den Kopf gestellt. Ist es die Kraft des kleinen Fusses, aus dem das Bein so schlank emporsteigt wie ein Lilienstiel aus der Wurzel, der den ganzen Leib so graziös zu tragen weiss wie der Stamm einer Fächerpalme seine prächtig harmonische Krone – oder ist es der Schwung des ganzen Körpers, wenn er in sanften Wellenlinien melodisch dahinschaukelt und all unsere Gedanken mit fortreisst in das wogende Meer der Sinnlichkeit, was uns dem Tanz einer Grisi mit wahrhaft religiöser Andacht zuschauen lässt? Ich weiss es nicht, aber ich danke dir, Mutter natur, dass du nicht nur deine Vulkane ihre Flammen gegen Himmel schleudern und deine tannenbewachsenen Felsen so herrlich mit blitzendem Schnee prangen lässt, sondern dass du auch Rosen und Lilien geschaffen hast, und ich liebe dich, weil du so graziös und so bezaubernd bist, herab von den ewigen Sternen, dort oben in dem Blau der Unendlichkeit, bis hinunter in die Fussspitze eines schönen Weibes.
Ähnliche wohlfeile Betrachtungen durchfuhren auch den Ritter Schnapphahnski, als er nach einigen aufmerksamen Studien, zwar nicht Helenen in jedem weib und nicht die Grisi in jeder Korpsspringerin entdeckte, wohl aber die Bemerkung machte, dass auch in der untern Sphäre der menschlichen Gesellschaft für Geld und gute Worte des Süssen viel zu erwarten ist. Es rieselt uns kalt über den rücken – – zum ersten Male müssen wir von Geld und zugleich von Liebe sprechen. Ja wahrhaftig, wir sehen unsern Ritter abermals eine Stufe hinabrutschen – was ihm früher die Götter aus freien Händen gegeben: er kauft es!
Liebe kaufen! Gibt es etwas Gemeineres? Als einst am 1. Mai die Welt begann – ich glaube nämlich, dass die Welt am 1. Mai ihren Anfang nahm und nicht am 1. Januar, wie man fälschlich vermuten möchte, sintemalen die armen nackten Menschen, da sie nicht mit Stiefeln und Sporen auf die Welt kamen, ja im Januar sofort wieder erfroren wären – als, wie gesagt, die Welt am 1. Mai ihren Anfang nahm und die goldne Sonne lachte und die Blumen dufteten und die Quellen rieselten, da sprach der Spatz zu der Spätzin: Spätzin, ich achte dich! Da sprach der Haifisch zu seinesgleichen: fräulein Haifisch, ich verehre Sie! Da brüllte der Löwe zu der Löwin: Löwin, du gefällst mir! Und der Mann sprach zum weib: Frau, ich liebe dich! Das war eine schöne Hochzeit. Man trank Burgunder und ass Austern nach Herzenslust. Menschen und Tiere sassen in bunter Reihe, und als das Bankett vorüber war, da siedelten sich die Spatzen in den Lüften an, die Haifische im wasser, die Löwen in der Wüste und die Menschen in Ninive, Babylon, Bagdad, Petersburg, Paris, Wien, Breslau usw. Lange Zeit ging dies gut. Die Männer fanden stets ihre Frauen und die Frauen ihre Männer, was die vielen artigen Buben und Mädchen bezeugen, die heuer in der Welt herumstreifen, und die Männer und die Frauen nahmen sich einander, wie es gerade kam, so und so.
Als dann aber mit der Zeit die Zahlen und das Geld erfunden wurden und das Wechselrecht und die politische Ökonomie und als die Menschen immer klüger und gescheiter wurden und folglich immer eitler und wählerischer, da hörten sie auch allmählich auf, sich so ohne weiteres zu lieben, und jeder trachtete nur danach, sich eine solche Frau zu verschaffen, wie sie gerade für seinen Beutel, für seine Wechsel oder für seine Ökonomie passte. Mit einem Worte: Es stellte sich eine durch Interessen geregelte Nachfrage nach Menschen ein, der durch eine angemessene Zufuhr begegnet wurde. Der Weltmarkt der Heirat begann, die Männer und die Frauen fingen an, sich gegenseitig zu kaufen! – Von diesem Augenblick an kann man alles Unglück datieren. Die Ökonomie war in die Liebe gefahren, der Mensch wurde ein Artikel, der nun hinfort von der Nachfrage und der Zufuhr abhing und alle Leiden der Überproduktion mit der Wolle, der Baumwolle, dem Flachs usw. teilte. Wer nicht ein verheirateter Gardemajor, ein Landgerichtsrat, ein Bankier, ein Bischof wurde, der sank zu einem Schneider, zu einem Steinklopfer, zu einem Tagelöhner oder dergleichen hinab, und die lieblichen Weiber, die keine Gräfinnen, Hauptmänninnen, Kaufmannsfrauen oder sonst etwas wurden, die endeten als Gemüseweiber, Bajaderen und mitunter auch als Ballettänzerinnen.
Eine solche, aus der Überproduktion hervorgegangene Ballettänzerin kaufte sich unser Schnapphahnski. Armes Kind! Wenn du getanzt hattest, so musstest du lieben – weder aus Liebe tanzen noch aus Liebe lieben, sondern tanzen und lieben des lieben Brotes wegen – den Brottanz der Liebe!
Doch unser Ritter hatte ein ritterliches Herz. Eines Tages, als er die Reize seiner Schönen genugsam bewundert, als er ihren Fuss geküsst, ihre Taille umfangen und ihre schwarzen Flechten um die weisse patrizische Hand gewickelt hatte, da schwur er bei allem, was ihm heilig war,