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Georg Weert

Leben und Taten

des berühmten Ritters Schnapphahnski

Vorspiel

Als der Verfasser des Lebens und der Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski die ersten Arabesken seiner wundervollen affen- und ebenteuerlichen geschichte schrieb, da fiel es ihm im Traume nicht ein, dass zur Belohnung für all die herrlichen Erzeugnisse seines unsterblichen Geistes einst ein Gerichtsvollzieher bei ihm erscheinen werde, um ihn mit würdiger Miene, aber in sehr nachdrücklichem Tone vor den Herrn Instruktionsrichter des Königlich-Preussischen Landgerichtes in Köln zu zitieren.

Der Verfasser des Schnapphahnski hielt sich bisher für einen der unschuldigsten Menschen unsres verderbten Jahrhunderts. Er hatte sich oft darüber geärgertdenn nichts ist langweiliger und uninteressanter als die Unschuld. Als er aber den Gerichtsvollzieher sah und den Erscheinungsbefehl, in dem es klar und deutlich zu lesen war, dass er sich binnen zwei Tagen in dem Verhörzimmer des Richters melden solle, widrigenfalls nach der ganzen Strenge der gesetz gegen ihn verfahren werdekurz, als er sich davon überzeugte, dass man ihn für nichts mehr und nichts weniger als einenVerbrecher halte: da sprang er empor mit dem Schrei des Emzückens, mit dem jubel der Freude ob der endlich verlorenen Unschulder warf den Sessel um und den Tisch und alles, was darauf stand, und wäre fast dem Gerichtsvollzieher um den Hals gefallen, um ihn zu herzen und zu küssen, und ein über das andere Mal frohlockte er: "Ich bin ein Verbrecher! ein Verbrecher! Verbrecher!"

Die Freude des Verfassers hat sich seitdem in etwa gelegt. Er erschien nämlich wirklich vor Gericht, und es wurde ihm plötzlich sehr seltsam zumute. Das heilige Gerichtsgebäude der fröhlichen Stadt Köln machte trotz alledem einen unangenehmen Eindruck auf ihn. Mit den zwei nach vorn gekrümmten Seitenflügeln schien es ihn wie mit zwei abscheulichen Armen ergreifen und nicht wieder loslassen zu wollen. Und als nun gar rechts einige Erzengel der Gerechtigkeit mit langen Schleppsäbeln und grossen hässlichen Schnurrbärten aufmarschierten und links Advokaten, Instruktionsrichter und Landgerichtsrätealles Leute, die am Abend, im wirtshaus, bei einer Flasche Wein ganz manierlich aussehenin langen wallenden Talaren, mit weissen Beffchen und altmodischen, höchst schauerlichen Mützen vorbeispazierten: da regte sich mit einem Male eine gewisse stimme in der Seele des Angeklagten und sprach: "Wehe dir, wenn du etwas Böses getan hast; mit der heiligen Temis ist nicht zu spassen!"

Doch was soll ich meinen Lesern die Gemütsbewegungen des unglücklich-glücklichen Verfassers noch weiter schildern –? Was geht meine Leser der Verfasser an? – Wenden wir uns daher zu dem Prozesse selbst.

Die Anklage lautet auf Verleumdung. Cervantes verleumdete den Don Quijote, Louvet verleumdete den Chevalier Faublas, ich soll den Ritter Schnapphahnski verleumdet haben. Das ist schrecklich!

Hat man den Cervantes gehängt? Nein. Hat man den Louvet guillotiniert? Nein. Wird man mich köpfen?

Wer weiss es? Es wäre schade um mich. Es gibt nichts Schlimmeres auf Erden, als wenn man den Kopf verliert.

Einstweilen besitze ich ihn noch, und hin und her habe ich mich besonnen, ob es wohl schon je so etwas gegeben hat, was dem Prozesse Schnapphahnski ähnlich sah. Die heilige Justiz möge mir verzeihen, wenn ich ihr unrecht tueich konnte noch nichts finden. Und nähmt ihr die Flügel der Morgenröte und flögt bis zum äussersten Meere: ihr fändet noch keinen zweiten Prozess Schnapphahnski.

Das einzige, was ihm entfernt ähnlich sieht, finden wir aufgezeichnet in dem 11. und 12. Kapitel des 2. Buches der "Erschrecklichen Heldentaten und Ebenteuer Pantagrueli, der Dipsoden König, in sein ursprünglich Naturell wiederhergestellt durch Meister Alcofribas, der Quintessenz Abstraktor". Ich brauche meinen Lesern nicht zu bemerken, dass dieser Alcofribas niemand anders ist als: Meister Franz Rabelais, der Arzenei Doktoren.

Meister Franz schildert uns in dem erwähnten Kapitel seines unübertrefflichen Werkes, für das er ebenfalls weder gehängt, guillotiniert noch geköpft wurde: den Prozess Leckebock-Saugefist. Um meinen Lesern einen Vorgeschmack von dem möglicherweise zum wirklichen Ausbruch kommenden Prozess Schnapphahnski zu geben, führe ich das Plädoyer jenes merkwürdigen Falles wörtlich an:

"Da sprach Pantagruel zu ihnen: Seid ihr es, die ihr den grossen Streit mit einander habt? – Ja, gnädiger Herr, antworteten sie. – Und welcher von euch ist der Kläger? – Ich bin's, sprach Herr von Leckebock. – Nun, mein Freund, so erzählet uns also Punkt für Punkt euren Handel rein nach der Wahrheit: denn bei dem hohen Sakrament! wo ihr auch nur ein Wort dran lügt, hol ich den Kopf euch von den Schultern, und will euch weisen, dass man in Rechten und vor Gericht nur die lautere Wahrheit sagen soll. Darum hütet euch also wohl, eurer Sache etwas zuzusetzen oder davonzutun! Saget an.

Da begann denn Leckebock wie folgt: Gnädigster Herr, es ist wohl wahr, dass eine brave Frau meines Hofes Eier zu Markte trugbedeckt euch, Leckebock, sprach Pantagruel. – Grossen Dank, Herr, sagt' der Junker: doch weiter im Text: zwischen den beiden Wendezirkeln kam sie sechs Kreuzer zenitwärts und einen Stüber, in Betracht dass die Riphäischen Berg dies Jahr sehr unfruchtbar an Gimpel-Schneisen gewesen waren, mittels eines Aufruhrs, der sich zwischen den Kauderwelschen und den Accusirnern erhoben, wegen der Rebellion der Schweizer, die sich auf Pumpzig an der Zahl zum Heereszug gegen Neuennadel versammelt hatten, im ersten Loch des Jahres, da man die Supp den Ochsen, und den Jungfrauen