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. Sie langte am Abende des nächsten Tages an. Unsere Verbindung war so wohl assortirt, dass sie das Entzücken aller Angehörigen machte. Die Hochzeit sollte in der Mitte des Sommers gefeiert werden und dann sollten wir reisen, weil doch ein aristokratisches Ehepaar unmöglich ruhig an Ort und Stelle bleiben konnte. Mein Schwiegervater wollte während unserer Abwesenheit die Verwaltung meiner Güter übernehmen.

Ich übergehe die ersten Tage meines Brautstandes, den Abschied von meinem Bräutigam. Ein Gefühl apatischer Stumpfheit war über mich gekommen. Manchmal meinte ich, ich müsse Bonaventura schreiben, dass ich ihn nicht liebe. Dann nahm ich die Feder zur Hand; aber kaum war es geschehen, so blickte von dem Papiere mich sein goldglänzendes Auge an. Mir war, als dränge der Strahl bis tief in meine Seele, ich fühlte seinen flammenden Atem meine Stirn berühren, seine arme mich an sich ziehen und seine stimme hörte ich die Worte sprechen: "Und Du willst nicht mein Weib werden?" Dann schien es mir, als müsse ich zu ihm fliegen, ihn um Verzeihung flehen, dass ich ihn nicht anbete. Ich wollte ihn heiraten, die Seine werden, aberich liebte ihn nicht. Ich fühlte mein Herz klopfen in gesunden, kräftigen Schlägen, ich hatte also ein Herz und doch liebte ich den schönsten Mann nicht, den vielleicht die Erde je getragen hatte. Und Bonaventura war geistreich, edel, grossmütig! Ich war mir selbst ein Rätsel.

Je näher mein Hochzeitstag kam, je mehr stieg meine Beängstigung. Da fiel ich in meiner Angoisse darauf, mich an Rosalinde zu adressiren, die mir die ersten Details über die Liebe in den höhern Sphären gegeben hatte. Die gute Dornefeld konnte mir nicht helfen, das fühlte ich klar. Ihre blöde, bornirte Weiblichkeit lag ganz ausser den Grenzen einer Diogena; aber Rosalinden klagte ich meine Not. Sie hörte mir schweigend zu und sagte: "Meine Comtesse! Wie Sie ein adorabler, schuldloser Engel sind! Aber wer denkt denn daran in der vornehmen Welt, seinen Mann zu lieben? Darauf konnte nur ein so candides geschöpf kommen, wie meine holde Comtesse! Man heiratet seinen Mann, man wird die Mutter seiner Kinder, aber man liebt ihn nicht; im Gegenteil, man findet ihn unerträglich annuyant und er ist es auch; denn er denkt an materielle Interessen, er will sich ein Sort machen, das Sort seiner Kinder sichern, den Namen seines Hauses erheben und dergleichen. Er will ein Staatsbürger, ein Landstand, oder gar ein Kosmopolit seinSolch ein Wesen kann man ja nicht lieben. Solch ein Wesen hat einen Schlafrock."

"Auch in der Aristokratie?" fragte ich mit Entsetzen.

"Auch in der Aristokratie!" bekräftigte Rosalinde unerbittlich, und fügte hinzu: "Einen Schlafrock und oft sogar Pantoffeln, und es raucht Cigarren am Morgen und gähnt bisweilen am Abend, und liest Journale und ist in unserer Zeit, da er gewöhnlich Landbesitzer und Landstand ist, der öffentlichen Meinung des bürgerlichen Pöbels unterworfen."

"Aber das ist ein Horreur!" rief ich und schlug schaudernd die Händchen zusammen; "aber ein solches Wesen kann man ja nicht lieben, das hat ja kaum Zeit an die Liebe zu denken."

"Nein! es denkt auch gar nicht daran."

"Aber was soll ich denn anfangen! rief ich in Verzweiflung. "Du siehst es, Rosalinde, ich liebe meinen Bräutigam schon jetzt nicht, weil der ganze künftige Ehemann schon aus seinem Wesen hervorblüht. Ich muss ihn ja hassen und verabscheuen, wenn er wirklich ein veritabler Ehemann geworden sein wird. Was soll ich dann beginnen? Sieh, meine Verzweiflung, Rosalinde, ist so übermächtig, dass sie meine natur bouleversirt, dass sie mich zwingt, sogar vor dir, die du mir nicht ebenbürtig bist, mein Herz auszuschütten; fühle die Ehre, die ich dir tue, hilf mir, rate mir, wen soll ich lieben? Denn lieben muss ich!"

Ich schwamm in Tränen. Ich hatte mich auf die braune Sammetcouchette meines hellblauen Salons geworfen. In dunkelblaue Shawls gehüllt, die mir von Schultern und Armen herabgeglitten waren, sah ich mit meinen goldblonden Locken, wie ich so auf der braunen Couchette dalag, wie Correggio's büssende Magdalene aus, die sich in bereuendem Schmerze auf den dunkelbraunen Steinen der Felshöhle niedergeworfen hat.

Rosalinde kniete neben mir nieder, halb zu meinen Füssen hingezogen von dem Dankgefühl über die Gnade meiner Confidenz, halb überwältigt von dem Zauber meiner fascinirenden Schönheit. Sie küsste meine fabelhaft kleinen Füsschen und sagte: "O, Comtesse, menagiren Sie ihren gerechten Schmerz. Das Leben hat Compensationen. Es ist wahr, es ist ein Horreur, dass man einen Ehemann nicht lieben kann auf jenen aristokratischen Höhen, aber es gibt Liebhaber, bezaubernde, müssige, magnifique Liebhaber, die Nichts tun, Nichts, absolut Nichts, als lieben und diese Liebhaber liebt man."

Man hat von Leuten erzählt, die plötzlich von einem furchtbaren Schmerze befreit, nach vielen langen, schlaflosen Nächten, mit einer fabelhaften Spontaneität in Schlaf versinken, und miraculös geheilt erwachen. So ging es mir. Jener Revelation Rosalindens folgte seit meinem ganzen Brautstande der erste ruhige Schlaf. Ich sah einen Hoffnungsstern leuchten durch die Nacht meines Ehelebens und mit dem blick auf diesen Stern kam Friede und Freudigkeit in mein Herz.

Ich hatte mit Zuversicht mein Jawort am Altare gesprochen, wir waren in die Reisekalesche gestiegen und in Baden