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des Reiselebens, in unserer Gegend angekauft hatte, nachdem seine Gemahlin, die geniale Gräfin Faustine in das Kloster der vive sepolte eingetreten war "um anzubeten, immerfort anzubeten", und so dem Drange ihrer inneren sehnsucht zu genügen. Sie war eine ältere Cousine meiner Mutter gewesen und der junge Graf Bonaventura also mein Cousin à la mode de Bretagne.

Ich hatte nie Jemanden von meinen Verwandten gesehen, ich war ohne jugendliche Gespielen aufgewachsen, welch ein Wunder also, dass es mich mit warmer sehnsucht den ersten Blutsfreunden entgegenzog, die ich erblickte. Mit allem graziösen Elan meines Wesens trat ich ihnen entgegen und bot erst Mario dann Bonaventura die Hand.

Graf Mario schien bewegt von meinem Anblick. Er fuhr mit der Hand über Stirn und Augen und schloss mich dann, wie von unwiderstehlichem Impulse dazu getrieben, an seine Brust.

"Verzeihen Sie einem Freunde Ihrer Mutter, teure Gräfin!" sagte er, "wenn die Aehnlichkeit mit dieser und die Aehnlichkeit mit meiner unvergesslichen Faustine mich übermannten. O! Sie haben die magischen Augen dieser Frauen, Sie haben das unnachahmliche fascinirende je ne sait quoi, das Jenen eine so zauberische Macht verlieh."

"So lieben Sie mich, Graf Mario!" entgegnete ich, "wie Sie jene Frauen liebten. Denken Sie, ich wäre Ihre Tochter! Ich habe meine älteren nicht gekannt, ich habe einsam gelebt und ohne Liebe bis auf diesen Tag und ich sehne mich nach Liebe."

Ein tiefer Seufzer der armen Dornefeld unterbrach mich und erinnerte mich daran, dass diese Worte ihr wehe getan haben konnten. Zerknirscht von Reue warf ich mich an ihr Herz. "Meine Dornefeld," rief ich aus, "o! Du hast mich geliebt; Du hast mich geliebt mit jener reinen, unirdischen Engelsliebe, wie die Seraphim sie für die Kinder haben, die ihrem Schutze anvertraut sind! Du hast meiner nie bedurft und mir doch Alles gewährt, Dich verehre ich, Dich bete ich an, Du bist zu hoch für meine Liebe."

"Wunderbares Kind!" sagte Graf Mario, indem er mich befremdet betrachtete. "Und was denken Sie sich unter der Liebe, die Sie bis jetzt vermisst und ersehnt haben? Was verlangen Sie von ihr?"

"Was ich verlange?" wiederholte ich träumerisch und versank in ein momentanes Nachdenken. Das hatte ich mir selbst niemals klar gemacht, mich niemals gefragt. Mein ganzes Herz hatte das Wort "Liebe" wie ein Zauber erfüllt; wie die Gotteit dem Panteisten das All ist, so war es mir die Liebe gewesen. Jetzt, da die positive Frage an mich gerichtet wurde, da Bonaventura's Augen mit sehnsüchtigem Ausdruck auf mir ruhten, da war es mir plötzlich, als erschlössen sich die verborgenen Tiefen meiner Seele, als sähe ich in den aufgetanen Schachten meines Herzens das funkelnde flammende Gold, die strahlenden Brillanten und die blutroten Rubine der Liebespoesie mir entgegenstrahlen, und das ganze profunde Mysterium der Liebe entüllte sich mir wie durch eine instantane Revelation.

Ich schlug die mächtigen Augenlider empor und sagte, indem ich mit prächtigem Stolze die Grafen abwechselnd anblickte: "Was die Liebe sei, das weiss ich durch den Glauben meines Herzens so sicher, wie der Christ vermöge des Glaubens weiss, dass und was die ewige Seligkeit ist. Die Liebe ist das Einssein von Zweien; ich höre auf zu sein, um in einem Andern erst wieder zu werden. Es ist eine Regeneration, es ist ein Aufgehen in dem Geliebten, dessen ganzes Wesen dafür mein eigen wird, mein eigen ganz und gar. Ein Mensch allein durchdringt das geheimnis des Daseins nicht; aber Zwei vereint zu e i n e r Liebe, die durchdringen es. Die wirbeln sich empor mit der Lerche im Frühlicht der Sonne entgegen, die lauschen dem schweigenden Pulsschlag der Erde in träumerischer Nacht, die beherrschen mit mächtigem Zauberstab die ganze Skala der Gefühle, dass alle Accorde des menschlichen Daseins sich vor ihrem Willen zusammenfügen zu der wahren Sphärenharmonie, deren ewiger Text das eine Wort ist "Liebe!" – "O! die Liebe!" rief ich aus und sank todtenbleich auf den Fauteuil, der mir zunächst stand.

Der Graf, die Dornefeld eilten mir beizustehen, aber schneller als sie Beide war Bonaventura zu meinen Füssen niedergesunken, und meine hände in die seinen pressend, rief er exstatisch: "O, Diogena! Stirb nicht! Stirb nicht! Mein Ideal! Ehe Du mich mit Dir emporziehst in Deinen Himmel der Liebesseligkeit, wo ich fortan wohnen muss mit Dir, wenn ich nicht versinken soll in den Tartarus der Verzweiflung!"

Ich sprang empor, ich warf meine arme mit Entusiasmus zum Himmel empor und sagte: "O! das ist der Klang der stimme, auf den mein Ohr gelauscht, seit Töne ihm vernehmlich wurden! Das ist sie, das ist s e i n e stimme, die stimme par excellence!" –

Wir lagen uns in den Armen, wir mischten unsere Tränen miteinander, wir erbebten unter den süssen Schauern des ersten flammenden Kusses. Ein Augenblick hatte zwei Existenzen indissolible verbunden.

Graf Mario, die Dornefeld standen wie sprachlos dabei. Eine solche Precipitation überstieg Alles, was sie je erlebt hatten, was man voraussehen konnte. Wir knieten vor dem Grafen nieder, wir baten um seinen Segen, er schloss uns gerührt an sein Herz. "Das ist Naturgewalt!" sagte er, "möge die Stunde eine gesegnete sein, die Euch