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früher Jugend war ich geistig blasirt, ich verlangte, weil mir das Lernen keine Mühe, sondern nur ein Zeitvertreib, ein Lückenbüsser war, immer nach mehr und immer nach Neuem. Endlich fiel ich, als ich eben eingesegnet war und mein funfzehntes Jahr vollendet hatte, darauf, Heraldik zu studiren. Die gute Dornefeld übernahm es, selbst sehr bewandert in dieser Branche der Geschichtskunde, mich darin zu unterrichten. Bald kannte ich alle Wappen aller adeligen Geschlechter der Welt, bis hin zu den Braminen und Mandarinen Asiens. Ueberall wusste meine Lehrerin mir freundlich Aufschluss und sinnige Deutung zu geben; nur wenn ich sie fragte, was die frappirende Laterne und die mysteriöse Devise meines Wappens bedeuteten, so schloss sie mich mit schwermütigem Air an ihr Herz und sagte: "O, meine Diogena, forsche nicht! Es gibt Geheimnisse, welche Gott mit hoher Clemenz dem Auge des Menschen cachiren will. Denke, dies sei ein solches und Gott wird Dich davor bewahren, meine Diogena, dass es sich Dir nicht zu Deinem Schaden von selbst entülle."

Dies Mysterium aber ward mir zu einer wahren Tortur. Meine Seele fand keine Ruhe mehr. Es war mein sechzehnter Geburtstag, als ich aufs neue in die Dornefeld drang, mir das geheimnis unsers Wappens mitzuteilen. Sei es, dass ich es mit zu vehementer Art gefordert hatte oder auch, dass sie durch eine Entschiedenheit, die ausserhalb ihres Naturells lag, mir ein für allemal imponiren wollte, sie refusirte es mir mit einer Härte, die mich tödtlich reizte. Ich stürmte hinaus, warf mich aufs Pferd und jagte, als gälte es ein Foxhunting, hinaus durch Feld und Wald. Ich hatte der Margarete Feller, die in meinem Dienste das Reiten erlernt hatte, befohlen, mich zu begleiten und meinen Schwimmanzug mit sich zu nehmen.

Es war bereits Abend, als ich, glühend von der gehabten Scene und dem starken Ritt, an dem See anlangte. Ich warf mein Reitkleid ab, liess mir den Schwimmanzug anlegen und stürzte mich in die limpide Flut, die mich liebend umschloss, wie eine Mutter ihr Kind an sich drückt, weich und doch fest und verhüllend. Ein zauberisches Abendrot war über die frühlingsgrüne Erde ausgebreitet. Wohin man blickte, fielen rosige Streiflichter durch das Eichengrün und glitzerten goldene Sonnenfunken durch die Luft. Ich schwelgte in idealischem Naturgenusse, meine Seele hatte ein wunderbares Epanchement gegen den Schöpfer, wahre Jubelhymnen lebenskräftigen Vollgefühls stiegen aus meiner Brust empor, die bereit war, sich neuen, längst geahnten ekstatischen Entzückungen zu eröffnen.

Da plötzlich drang ein unbekannter Ton an mein Ohr. Ich horchte auf! "Ein Postorn!" rief die Feller, welche von Halle her diesen Ton nur zu gut kannte. Ich hatte in unserm von der Landstrasse entfernten schloss nie ein Postorn erklingen hören. Noch einmal erschallte der Ton und ehe ich es erwartet hatte, hielt ein eleganter Reisewagen an dem Ufer des Sees.

Zwei Männer sassen darin. Der Eine, schon über die Lebenshöhe hinaus, trug den Adel jener indestructibeln Schönheit, welcher der Vorzug aristokratischer Geschlechter ist. Der Jüngereach! noch jetzt schlägt mein Herz in schneller Vibration, wenn ich mir die selige Emotion jenes Momentes vergegenwärtige.

Beide Cavaliere, denn dies waren sie unwiderleglich, bogen sich weit zum Wagen heraus, als sie mich erblickten, und der Jüngere besonders schien ganz bewildert durch meinen Anblick zu sein. Auch mochte er etwas sehr Ungewöhnliches bieten. Ich war damals in jener reizenden Periode des weiblichen Daseins, in dem das Kind urplötzlich zum weib geworden, alle Grazie der Kindheit und allen Zauber des Weibes in sich vereinigt. Der Rosa-Tricot, der mich umhüllte, verriet, so weit das wasser mich preisgab, die makellose Schönheit meiner adeligen Gestalt. Meine goldblonden Locken hingen, wie mit brillantenen Reflexen übersäet, auf meine Schultern herab. Die feinen schwarzen Franzen meiner breiten, mächtigen Augenlider verschleierten die schwarze Iris meines Auges, die weich wie Sammet, doch so brennende Glut in sich verbarg. Mädchenhafte Scham trieb mich, mich vom Ufer zu entfernen, und doch hielt der flammende blick aus dem Auge des Jünglings mich magisch gebannt in seinem Zauberkreise. Nur mit langsamen Stössen schwamm ich der Mitte des Sees zu, und den Kopf zurückwendend, sah ich, wie das Auge des jungen Mannes mir folgte, und hörte die Frage des älteren, ob dies der Weg nach dem schloss sei?

Kaum war der Wagen an uns vorüber, als ich aus dem wasser sprang, in fiebernder Hast mich in die Kleider warf, das Pferd bestieg und in gestrecktem Galop dem schloss zueilte. Als ich dort anlangte, sassen die Fremden auf der Terrasse vor dem Gartensaale. Ich wollte zu ihnen gehen, sie in meinem haus willkommen zu heissen, als die Dornefeld mir entgegen kam.

"O, meine Diogena!" sagte sie, "wie glüht Dein liebes Antlitz, wie funkelt Dein Auge! In Dir bebt noch die ganze Erregung unsers heutigen Streites fort und doch wollte ich, Du wärest jetzt ruhig und mild, denn ein werter, unerwarteter Besuch ist uns geworden. Graf Mario und sein Sohn Bonaventura sind angelangt und begierig, Dich zu sehen, mein Engel!"

"So lass uns zu ihnen gehen," rief ich, und flog mit der Leichtigkeit eines Vogels die Treppe zur Terrasse empor. Vergebens erinnerte mich die Dornefeld an die Unordnung meiner Toilette, ich beachtete es nicht. Ich hatte gehört, dass Graf Mario sich, müde