haben in gänzlichem Misverstehen Dessen, was diese grosse Frau meinte und bezweckte, eine Teorie der weiblichen Selbstsucht geschaffen, deren Höhenpunkte in der deutschen Frauenliteratur jetzt erreicht sind. Die Frauen bilden sich ein, Ausnahmwesen zu sein und unfähig, etwas Anderes zu lieben, als sich selbst; sich für den Mittelpunkt der Welt haltend, fordern sie einerseits, wie die verderbten römischen Kaiser, göttliche Anbetung, und klagen andererseits, dass sie keinen Mann fänden, den sie zu lieben vermöchten. Sie verstehen ihren Egoismus nicht, und behaupten, nicht verstanden zu werden; sie sind unfähig zu lieben, und jammern, dass Niemand die Leere ihres Herzens und ihrer Seele fülle.
Diese Gräfin Diogena ist durch die ganze Welt gereist, den Mann zu suchen, der ihr Herz ausfüllen, ihre Seele befriedigen könne: natürlich vergebens. Krank, und erschöpft, beschloss sie noch einen Versuch in China zu machen und langte glücklich dort an. Aber auch dort fand sie ihr Traumbild nicht, und dort entwickelte sich ein Fieberwahn zur fixen idee, der sich schon auf der Reise mehrmals gezeigt hatte. Sie bildet sich ein, um der Sünden ihrer Voreltern oder um anderer Gründe willen verdammt zu sein, mit der Laterne des Diogenes den Rechten zu suchen, so nennt sie ihr Ideal, und meint, nicht eher sterben zu können, bis sie ihn gefunden haben wird.
Ein Fürst Callenberg, der sie begleitete, sah kaum eine Möglichkeit, sie in diesem trostlosen Zustande nach Europa zurückzubringen, als er in Canton einem gelehrten Deutschen, einem Professor der Anatomie, dem berühmten Friedrich Wahl, begegnete. Dieser hielt sich seiner Studien wegen in jenen Gegenden auf, und die Gräfin war während ihrer Entdeckungsversuche auch eine Zeit hindurch seine Geliebte gewesen. Gut und grossmütig wie er ist, jammerte ihn die traurige Lage der Frau, und mit seinem Beistande brachte der Fürst sie hierher, wo sie nun seit einigen Monaten lebt. Sie ist fast immer ruhig, nur bisweilen tobt sie und schreit, dass sie den Rechten nicht fände. Dann muss man sie mit Strenge behandeln, bis der Paroxysmus vorüber ist. Sonst bringt sie ihre Zeit mit unschuldigen Toilettenspielereien hin, kauft Schuhe von den vorzüglichsten Fabrikanten, wäscht und putzt abwechselnd ihre hände und ihre Laterne und gefällt sich in allerhand verbrauchten Minauderien und Koketterien, die uns eben nicht sehr gefährlich sind.
"Und haben Sie Aussicht, sie herzustellen?" fragte Einer von uns.
"Dasselbe wollte in diesen Tagen der Fürst Callenberg wissen, der nun auf seinen Gütern in Oestreich lebt. Wir haben aber nicht die geringste Hoffnung dazu. Wahnsinn aus Hochmut und Egoismus pflegte immer unheilbar zu sein."
Der Doctor führte uns weiter vorwärts; im Fortgehen wendete ich den Kopf nochmals nach der Wahnsinnigen zurück; sie suchte noch immer fort und wird suchen, bis sie stirbt. Es war ein unangenehmer, unheimlicher Eindruck.
Fanny Lewald
Von Geschlecht zu Geschlecht