wieder. Tage und Wochen hindurch lag ich in einem Zustande, der es nicht gestattete, mich nach Neuyork zurückzubringen. Meine Seele litt mehr noch als mein Körper.
Im Frühjahr war ich so weit genesen, dass ich Neuyork verlassen konnte. Der Fürst führte mich nach Bagnères. Meine Nervosität war unglaublich, er blieb ewig voller Soins für mich, was ich natürlich in der Ordnung fand. Ich war sehr sauvage geworden, ich hatte eine Apprehension meinen Bekannten zu begegnen, wegen des Changements, das in Folge aller meiner Aventuren in meinem Aeussern visibel geworden war. Mein Körper war sehr debil und doch lebte die alte ungestillte sehnsucht in meiner Seele noch in all ihrer Intensität.
Ich fing an, Astronomie zu studiren in der Einsamkeit, in der ich lebte. Ich strengte die ganze Kraft meines Geistes an, zu combiniren, ob ich vielleicht auf andern Sternen das Ziel meines Strebens erreichen könne. Ich las Alles, was über die Bewohner des Mondes geschrieben ist und erkundigte mich nach der Construction eines Luftballons, um zu wissen, ob man diesen mit Comfort für längere Reisen versehen könne.
Bisweilen war ich unglaublich maussade, der Fürst selbst impatientirte sich. Er war es müde, da er auch nicht mehr ganz jung war, den Cavaliere servente zu machen, und ewig auf Reisen und an den Ruheorten für meinen Comfort zu sorgen, ohne selbst den geringsten zu geniessen. Er hatte jetzt oft Momente, in denen er mir Vorwürfe machte, über Langeweile klagte und davon sprach, sich auf seine Güter in Steiermark zurückzuziehen, die er um meinetwillen negligirt hatte.
Ein solcher Tag war es, an dem wir Beide moros dasassen. Ich dachte über die Möglichkeit nach, den Rechten zu finden, und die ganze Trostlosigkeit des Alters dehnte sich vor mir aus, während ich mir es vergegenwärtigte, was aus mir werden solle, falls ich ihn nicht entdeckte. Ich war noch jung, aber durch leidenschaft und Strapazen usirt, vollkommen passirt. Rosalindens Nachhilfe bei meiner Toilette wurde immer nötiger. Meine immense Seele war leerer denn je. Ich fing bisweilen an, zwischen meinen astronomischen Studien, bei dem Scheine meiner ewig brennenden Laterne, die Bibel und andere Erbauungsbücher zu lesen. Ich suchte mit Verzweiflung die Spur, die Andeutung des Rechten in der Apokalypse; ich dachte daran, ob vielleicht der Heiland der Rechte sei, den ich zu finden verlangte.
Mitten in diesen Meditationen unterbrach mich der Fürst mit der Nachricht der Einnahme von Canton, die er in einem Zeitungsblatte entdeckte. Ein Lichtstrahl fiel in meine Seele. "Nach Canton!" rief ich aus.
Der Fürst sah mich an und sagte ruhig: "Dann gehe ich nach Steiermark."
Ich war empört. "Mein Freund," rief ich, "soll ich auch an der absoluten Treue verzweifeln, da ich schon so unglücklich war, die rechte Liebe nicht zu finden? Sehen Sie, Sie dürfen mich jetzt nicht abandonniren, in China, jenseits der grossen Mauer, muss ich ihn finden. Es ist incomprehensibel, dass ich darauf nicht lange gekommen bin. Die Chinesen sind die wahren Aristokraten. Sie haben die kleinsten Füsschen, die soignirtesten Nägel, die magnifiksten Bärte und keine Spur von Liberalismus. Bei so viel ungemeinen Vorzügen muss auch die Liebe zu finden sein, die endlich meine Seele füllt. O, eine unaussprechliche Zuversicht kommt über mich, nur diese eine Reise noch, mein Freund, nur diesen Reiseversuch nach China und –"
"Und?" fragte der Fürst.
"Und wenn ich den Rechten dort nicht finde, so werde ich Ihre Frau bei meiner Rückkehr, und begnüge mich, die Treue zu belohnen, da ich Niemand fand, der mich lieben zu lehren verstand."
"Ich hoffe, Sie finden die Liebe, meine Gräfin!" sagte er ruhig, "denn nach der Belohnung der Treue gelüstet mich nun nicht mehr."
"Und Sie folgen mir dennoch? Und weshalb?" fragte ich. "Aber das ist sublim, lieber Fürst!"
"Bah! meine Gräfin!" entgegnete er, "was wollen Sie? Ich habe die Caprice der Fügsamkeit, und da ich Nichts zu tun habe, ist es ebenso gut, sich in China zu langweilen als anderwärts. Lassen Sie uns reisen."
Wir schifften uns in London mit der ersten Handelsexpedition ein, die nach China absegelte. So weit gehen die Memoiren der unglücklichen Frau, die weitern Nachrichten verdanken wir teils eigener Anschauung, teils den Mitteilungen eines Arztes, der in der Nähe von Paris Vorsteher eines Irrenhauses ist.
Wir hatten verschiedene Höfe und Zellen durchwandert, als wir an der Ringmauer der Anstalt ein kleines Häuschen mit einem äusserst sauber gehaltenen Gärtchen erblickten, das auf wunderliche Weise mit kleinen chinesischen Tempeln und andern Spielereien der Art besetzt war. Es mochte etwa Mittag sein, die Sonne stand hoch am Himmel, dennoch ging die Bewohnerin des kleinen Besitzes, eine zusammengefallene, von Leiden gealterte person, mit einer eigentümlich geformten, brennenden Laterne umher und schien unruhig Etwas zu suchen. Ihr starrer blick, ihre Rastlosigkeit hatten viel Trauriges für den Beschauer. Wir fragten, wer sie sei?
O! sagte der Doctor, ein geistreicher junger Mann, dies ist die einst durch ihre Schönheit in den Sälen der Gesellschaft bewunderte Gräfin Diogena. Ihr Wahnsinn ist das Product einer Geistesrichtung unter den müssigen Frauen der vornehmen Welt, die kaum ein anderes Resultat zulässt. Unkluge Nachbeter der geistreichen George Sand