1847_Lewald_148_36.txt

Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein

Schlag! –

Ich hatte von dem Herzensinstinkt des Häuptlings erwartet, dass er nun wie der Tektosage Ingomar weiter mit fragen über dies interessante Sujet in mich dringen werde, aber so war es nicht. Ach! das Leben bleibt überall hinter unsern gerechtesten Prätensionen zurück. Der junge Wilde sah mich ganz bewildert an, schlang ein horribles Stück des Rehes hinunter und trank die Hälfte des Aracks dazu.

Aber ich wollte mich nicht decouragiren lassen, obgleich diese Verocität des Jünglings mir so degoutant erschien, dass ich zu meinem sale volatile meine Zuflucht nehmen musste; galt es doch die entwicklung einer primitiven, nobeln natur zu unserer Beider höchstem Glücke.

"Hat Coeur de Lion nie daran gedacht, ein Weib zu suchen, die ihm sein Hauptaar flechte und seinen Kopf ruhen lasse auf ihren Knien, wenn er heimkehrt, beladen mit der Beute der Jagd und dem Wampum, geziert mit den Skalpen seiner besiegten Feinde?"

"Es ist noch nicht Gras gewachsen auf dem grab seines Vaters," antwortete er, "aber ehe es hoch genug ist, die Sohle seines Mokassin zu bedecken, wird Coeur de Lion sich Weiber gefunden haben; denn der Weiber sind viele und der Häuptling besitzt Felle und Reichtum genug, sich die schönsten zu kaufen."

"Und wenn aus den Wolken hernieder, aus den Wohnungen des grossen Geistes ein Weib herniederstiege in den Wigwam des Häuptlings, ihm gesandt vom grossen geist, eine schöne weisse Frau, um in freier Liebe, ohne Kaufpreis sein eigen zu sein, was würde der junge Häuptling ihr bieten?"

Mein Herz zitterte vor seiner Entscheidung, diese Antwort musste mir ausdrücken, auf welcher Stufe geistigen Developements er stände. Er sah mich an mit einem Ausdruck gänzlichster Bewilderung, er hatte mich gar nicht verstanden. O, in solchen Positionen hat die zivilisation doch ihr Gutes. Es ist so süss, verstanden zu werden. Meinem jungen bewilderten Wilden musste ich es deutlicher machen.

"Coeur de Lion," sagte ich, ein unbarmherziger Häuptling, dem mich mein Vater verkaufte, hat mich verjagt aus seinem Wigwam und mein Volk hat mich verstossen."

"Ein Weib, das ihr Herr verjagt, verdient nicht mehr zu leben bei ihrem volk, Dein Volk hat recht getan," entgegnete Coeur de Lion.

"Aber die weisse Frau irrt heimatlos durch die Wälder und sucht ein neues Leinwandhaus und einen neuen Herrn. Will Coeur de Lion sie behalten und sie seine Magd sein lassen an seinem Feuer?"

Der Häuptling fuhr auf von dem Lager, eine plötzliche Glut loderte in ihm empor. "Die weisse Frau gefällt dem Auge des Häuptlings, sie soll bei ihm bleiben," sagte er. "Sie soll sein wasser schöpfen, sein Kornfeld hacken und sein Wildpret kochen, sie soll ihn pflegen, wenn er von seinen Kämpfen heimkehrt, sie soll sein Weib werden, und seine Kinder tragen auf ihrem rücken, und er wird schlafen in ihren Armen."

Coeur de Lion schwieg, und ich wartete doch auf die Fortsetzung seiner Rede, auf die Aufzählung der Compensationen, die er mir dafür zudenke, aber er war zu Ende, wie es schien. So musste ich mich entschliessen zu sprechen.

"Und was wird Coeur de Lion der weissen Frau dafür gewähren, wenn sie sein wasser schöpft, sein Kornfeld hackt und sein Wildpret kocht?" fragte ich.

"Sie soll sich wärmen an seinem Feuer, sie soll sich sättigen von den Ueberbleibseln seines Mahles und sie soll sein Weib sein."

"Und wird er sie lieben, wie er den grossen Geist liebt, wird er sie ehren und anbeten wie ihn?"

"Der Delaware ehrt den grossen Geist, denn der grosse Geist ist furchtbar und kann ihn strafen und ihn vernichten; aber der Delaware ehrt nicht ein Weib, denn es ist ein schwaches Weib und er verachtet die Schwäche."

"Und wird der Delaware kein Weib kaufen, wenn die weisse Frau sein Eigentum wird?"

"Die weisse Frau ist schön und gefällt dem jungen Häuptling," antwortete er, "aber es sind schon viele Lenze und viele Winter über ihrem gelben Hauptaare hingezogen. Er wird sie behalten, so lange ihr Haar gelb ist und sie seinem Auge gefällt, und wenn ihr Haar grau wird, will er sie nicht tödten, sondern sie leben lassen und jüngere Frauen kaufen."

Mir schauderte vor dieser unbezwingbaren Roheit. O, wo blieben meine Hoffnungen! was fand ich in dieser horribeln Realität von den Idealen Cooper's? Wo fand ich die Perfectibilität des jungen Tektosagenhäuptlings? Ich begriff die geschmacklose Unwahrheit jenes Gedichtes, ich fluchte ihr, denn sie hatte mit zu meiner Excursion beigetragen. Ich verzweifelte daran, diesen Barbaren in so viel Monaten zu civilisiren, als Partenia Secunden gebraucht hatte. Ich sollte Waffen und Kinder tragen, Sklavin sein! und der Tektosage trug für Partenia ein Körbchen Erdbeeren und zerbrach seine Waffen, ihr ein Feuer daraus zu machen!

Ich konnte die Tränen nicht unterdrücken, Tränen des Zornes, der bittersten Enttäuschung. Coeur de Lion sah es. Er trank den Rest seines Aracks hinunter und sagte, sich zu mir wendend und seine arme nach mir breitend: "Warum weint die weisse Frau? Der Häuptling will sie ja behalten und gleich jetzt sollen die Männer seines Volkes den Hochzeitsgesang für ihn anstimmen. Noch an diesem Tage, dessen Sonne emporsteigt, soll sie sein Weib werden