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in dieser Stunde."

"Dann sei Gott Dir gnädig in Deiner wahnsinnigen, kalten Verblendung," rief Friedrich und stürzte hinaus.

Ich blieb allein zurück, grandios in meinem Bewusstsein, mich von diesem bürgerlichen Despotismus befreit zu haben. Friedrich kehrte am Abende nicht zurück. Ich befahl Rosalinden, meinem Kammerdiener nach Paris zu schreiben, dass er mein in Florenz warten solle, liess packen und verliess Pisa noch in der Nacht, entschlossen, mich durch neue Reisen von der Fatigue dieses Stilllebens zu erholen.

Drittes Buch

Mein gewöhnliches Reiseleben nahm denn nun wieder seinen Anfang. Schon in Venedig traf ich den Fürsten, der in Paris durch meinen Kammerdiener erfahren hatte, dass ich mich von Friedrich getrennt habe und wieder reisen würde. Diesen Zeitpunkt hatte er abgewartet, um mir aufs neue seine Dienste anzubieten, die mir sehr willkommen waren. Ich liebte ihn nicht, aber ich war gewöhnt an ihn, ich hatte sogar eine Art von Vorliebe für ihn bekommen und seine Zufriedenheit war mir nicht indifferent.

Ich klagte ihm, wie ich wieder um eine Illusion ärmer geworden, jetzt reisen müsse, ohne Unterbrechung, bis ich den Rechten entdeckte, und bat ihn, mir seine Begleitung zu gönnen, da ich vielleicht gezwungen sein könnte, meiner Recherchen wegen Europa zu verlassen. Er war bereitwillig dazu wie immer. Es lag etwas wahrhaft Chevalereskes in dieser Beharrlichkeit, das ich sehr estimirte.

Wir durchstreiften noch einmal Italien, Frankreich, Deutschland, damit vergingen einige Jahre; ich machte einen Reiseversuch nach Norden, aber vergebens! – Die Herzen der Skandinavier sind von einer impatientirenden Kälte, ich fühlte, dies sei kein Feld für meine Bestrebungen, und drehte bald wieder um. Wir gingen nach Russland und England; aber Länder, in denen die Männer aus Zärtlichkeit ihre Frauen züchtigen und aus Ueberdruss mit einem Stricke um den Hals verkaufen, hatten keine Reize für mich, boten mir keine Hoffnung auf Success. Ich war förmlich decouragirt. Ich sah bleich und leidend aus, meine Kräfte waren usirt, meine Nervosität nahm zu und meine Lebensgeister waren dermassen deprimirt, dass der Fürst, von diesem état de langueur das Aergste befürchtend, mir einen decidirten Wechsel von Klima und Zuständen proponirte, um mich neu zu animiren.

Wir gingen durch die Türkei und Griechenland nach dem Orient. O, welche Sympatie flösste er mir ein. Nie, niemals hatte ich zwischen Himmel und Erde Etwas gefunden, das mir mit meiner Seele zu correspondiren geschienen hätte, nie ein Emblem für meine Seele entdeckt. Jetzt lag es vor mir da.

Ja, die Wüste war das Bild meiner Seele! Immens, leer, von glühendem Sonnenbrande verdorrt, tödtlich dem Pilger, der sie glaubensvoll betritt, und dessen Dasein spurlos verlöschend; ohne Blüte, ohne Erquickung für den Menschen, voll trügerischer Phantome, die ihn verlocken, um ihn zu vernichten. – O, die unabsehbare Wüste war das Bild meiner immens leeren Seele!

Ich warf mich auf den Boden nieder, ich küsste die glühende Erde, ich fühlte mich in meiner Heimat. Die Nomaden, die heute hier und morgen dort das luftige Lager etabliren, wie homogen waren sie meinen eignen Alluren, wie ähnlich ihr Leben dem zigeunerhaften Umherziehen der grossen Welt, das so sehr bon genre ist. Der Orient entzückte, inspirirte mich, die wunderbaren urtypischen Männernaturen imponirten mir, indess hier konnte ich nicht einmal zu suchen wagen, weil bei der mohammedanischen Uncultur der Geister auf jene Blüte des Seelenlebens gar nicht zu rechnen war, die ich als Resultat erstrebte.

Eines Abends hatten wir unser Lager bereits wieder etablirt, die Kameele waren abgezäumt und ruhten in der Nähe meines Zeltes, der Kavass ging geräuschlos hin und her, die Zurüstungen für unser Souper zu machen. Ich lag auf meinen Polstern, der Fürst hielt an der tür Wache. Rund um uns her waren die Feuer angezündet, in deren roter Beleuchtung die Burnus der Araber erglänzten, welche unsere Escorte bildeten. Der Himmel mit seinen goldenen Sternen ruhte wie ein superber Baldachin über uns, und Nichts unterbrach die sublime Stille, als das Heulen der Schakals.

Der Ton drang mit terribler Gewalt in meine Seele. – So, gerade so rief es oft wild, klagend und furchtbar in der Wüste meiner Seele nach dem Rechtenund ich fand ihn nicht. All diese Reisen waren ja nur Versuche, ihn zu finden, mein Leben epanchirte sich in diesen Versuchen, ich hatte nur Distractionen, nur temporäre Occupationen gefunden und jetzt seit Jahren mich einer Art von Indolenz ergeben, die aus gänzlicher Verzweiflung entsprungen war. Hier in der Wüste, in der sublimen Stille der Nacht, ward mir urplötzlich wieder der Glaube an die intensive Macht meines Naturells und der Vorsatz rege, noch einmal das Werk zu beginnen. Das Andenken des edlen Robert Bruce schwebte vor meinem geist, der durch eine, den zerrissenen Faden immer neu knüpfende Spinne zu perseverirender Tatkraft angespornt wurde, nachdem er schon förmlich decouragirt gewesen war.

Ich nahm die ganze Energie des Geistes zusammen und fragte mich, was bleibt mir jetzt zu tun? Die christlich europäische zivilisation, die orientalische Polygamie sind es nicht, welche den Gottmenschen der Liebe hervorbringen, den ich finden muss. Europa entnervt durch Lurus und macht kalte Raisonneurs aus den Männern, die philosophiren, von Principien schwatzen, Ansprüche machen, wo man nur das Nieendliche empfinden soll. Der Orient, der Mohammedanismus stehen auf dem tiefsten Punkte der Entsittlichung, denn das Weib, dieser Mittelpunkt der Creation,