scheint mir doch fast zu extravagant. Sie, Sie, teure Gräfin! wollten die rosigen Händchen mit Blut beflecken? Aber wo wollen Sie denn enden?"
Es war die längste Rede, welche Fürst Callenberg jemals gehalten, das erste Raisonnement, das ich jemals von ihm gehört hatte. Auch wirkte es auf mich wie das maiden-speech eines immer schweigenden Parlamentsmitgliedes. Ich sah, wie sehr der Fürst mich lieben müsse, um zu einer Demonstration verleitet zu werden, die so ganz ausser den Grenzen seiner natur lag. Deshalb nahm ich mir die Mühe, ihm zu antworten, was ich nicht immer tat.
"Sie fragen mich, lieber Fürst! wann ich Ruhe und Genügen finden würde? Sehen Sie das Leben meiner Mutter und meiner Tante Faustine an und antworten Sie sich selbst. Wir sind die Incarnation der Rastlosigkeit, der Leere, des Müssigganges unserer Tage; wir sind die weiblichen ewigen Juden, auf uns ruht ein Fluch, wir sind tragische Gestalten, Vampyrnaturen – und doppelt destructiv, weil wir das Bewusstsein davon haben, weil eine Eiseskälte des starrsten Egoismus uns unverwundlich macht. Sehen Sie denn nicht, Alles um mich her geht zu grund, die Herzen brechen und verbluten sich, wohin ich wandernd komme, und ich muss fort, immer weiter fort – o, darin liegt aber ein furchtbares Malheur!" rief ich, und warf mich in Verzweiflung dem Fürsten an die Brust, in heisse Tränen ausbrechend.
Der Fürst hatte mich nie eblouirender gesehen, als in diesem Momente. Er schloss mich an sich und sagte: "O, meine Diogena! dürfte ich Dich ewig so halten, dürfte ich meine arme einen Talisman sein lassen, der Dich einfriedete in eine andere Welt!"
Die enorme Liebe machte ihn fast beredt. Eine Weile ruhte ich an seinem Herzen, dann richtete ich mich empor und sagte: "O, wiegen Sie mich nicht ein in Reverien von Glück und Ruhe, die für mich nicht existiren; meine tragische Mission ist noch lange nicht beendet; ich muss fort und suchen, wo ich den Rechten finde. Und nun lassen Sie uns eilen, zu dem Ball bei dem Ambassadeur, ich bin zu allen Contretänzen engagirt."
Zwei Tage darauf waren alle meine Befehle erecutirt und der anatomische Cursus begann. Ich ward der Wissenschaft mit unglaublicher Leichtigkeit Herr, meine kleinen Händchen kamen mir wunderbar bei dem Präpariren zu Statten. Mit derselben Perfection, mit der ich früher die elegantesten Decoupuren von schwarzem Papier gefertigt, machte ich jetzt die feinsten Nervenpräparate, spritzte Venen aus und secirte die zartesten Zellgewebe. Mein Lehrer war in der vollsten Admiration dieses stupenden Talentes. Vorzüglich aber interessirte mich das Herz, als wir nach einigen Tagen uns damit zu beschäftigen anfingen. Es tentirte mich, diesen Muskel, in dem sich unsere sublimsten Sensationen vibrirend kund geben, in seinen minutiösesten Details zu kennen und ich arbeitete noch fort, als schon die Dämmerung begann und Friedrich sein Messer aus der Hand legte.
"Lassen Sie uns aufhören, gnädige Gräfin!" sagte er, "es wird zu dunkel."
"O, dunkel ist Alles!" rief ich achtlos aus.
"Alles?" fragte Friedrich – "auch Ihr sonnenhelles Dasein?"
"Unseliger! müssen Sie mich daran mahnen?"
Ich hatte die kleine Aermelschürze von dunkelm Taffet abgeworfen, die ich bei der Arbeit trug, und war aus dem Cabinet in mein Boudoir getreten. Rosalinde präsentirte mir ein Lavoir von Sèvresporzellan, in dem ich mich säuberte, reichte es dann Friedrich, goss Odeurs über unsere hände, parfumirte das Zimmer und entfernte sich. Ich warf mich in einen Fauteuil zunächst dem Kamin, gab Friedrich ein Zeichen, sich ebenfalls niederzusetzen, kreuzte meine Füsschen auf dem Tabouret vor dem Feuer, dessen Glut mich beschien, und beobachtete in halber Distraction den schweigsamen Friedrich, dessen Auge mit Spannung all meinen Bewegungen folgte.
"Frau Gräfin!" sagte er endlich, "wissen Sie wohl, dass Sie mich meiner Wissenschaft abwendig machen? Ich werde nicht mehr wiederkehren dürfen."
"Wie das?"
"O, ich empfand es gestern, Frau Gräfin! ich kann nicht mehr seciren. Ich sehe Nichts als Sie. Ich kann die Spitze meines Messers nicht mehr in die Iris einer Pupille stossen, ohne dass mir Ihr wundervolles Auge vorschwebt. Meine Hand zittert, meine Gedanken verwirren sich, Ihr Name schwebt auf meinen Lippen, ich werde zerstreut, meine Schüler kennen mich nicht wieder."
"So werden Sie mindestens wieder den Reiz der Neuheit für dieselben haben."
"Sie scherzen," sagte Friedrich, "und doch spreche ich ernstaft über eine heilige, ernstafte Empfindung. Wollen Sie mir die Güte erzeigen, mich anzuhören?"
"Mit wahrem Interesse für Alles, das Sie berührt, lieber Friedrich!"
"So hören Sie! Ich habe Ihnen gesagt, dass ich einsam aufgewachsen bin, in Not und Arbeit, dass ich mir langsam und stufenweise den Weg gebahnt habe zu der Stellung, die ich jetzt einnehme und die mir bis vor wenigen Tagen genügte, all meinen Forderungen und Wünschen entsprach. Ich lebte ein ernstes Dasein mitten in dem Vergnügungswirbel und mitten unter dem wilden Lebensstrudel von Paris, ganz meiner Wissenschaft angehörend mit dem geist, ganz dem volk mit meinem Herzen. Es war ruhig und friedlich in meiner Seele."
Er hielt inne und schien zu erwarten, dass ich ihn unterbrechen würde, da ich dies