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Alle hatten einen passageren Reiz darin gefunden. Dies beruhigte mich über die unwillkürliche Sensation, die ich empfand; ich hatte gewähnt, mein adelig Blut revoltire dagegen, dass ein gewöhnlicher Professor, ein Friedrich Wahl, es schneller fliessen machte.

So weit war ich in meinen Meditationen gekommen, als wir in der Morgue anlangten. Friedrich war dort bekannt. Er führte mich in den Saal, in dem die Leichen ausgestellt waren. Dort lag ein junger Mann, aufgedunsenen, blau unterlaufenen Gesichts, man hatte ihn aus dem wasser gezogen, ganz in der Nähe des Pontneuf. Ein Greis, mehr einem Skelett, als einer menschlichen Gestalt zu vergleichen, mumienhaft eingetrocknet, war sein Nachbar. "Er ist wohl vor Hunger und Schwäche gestorben," meinte Friedrich, und führte mich weiter an der Leiche eines jungen Mädchens vorüber, die sich im Kohlendampfe erstickt hatte. Lange, aufgelöste Haarflechten hingen an ihrem haupt hernieder, die Augen waren starr geöffnet, ein weisser Schaum stand vor dem schön geformten mund. Ich bebte vor Entsetzen; der furchtbare Leichengeruch drohte mich ohnmächtig zu machen, meine Sinne schwanden. "O," sagte ich zu Friedrich, "aber dies ist ja horribel, und unter solchen Scenen des crassesten Todes konnten Sie leben? O, um des himmels willen, aber das ist insupportabel!"

"Und doch, Frau Gräfin, lehrt uns nur der Tod das Leben verstehen, doch finden wir, indem wir die tote menschliche Gestalt in ihrer wunderbaren Organisation betrachten, das Mittel, dem lebenden Organismus zu Hilfe zu kommen, wenn ihn Störung bedroht. Aber lassen Sie uns gehen, dies ist, ich wusste es, kein Anblick für eine Dame wie Sie."

Er hatte meinen Arm genommen und wollte mich hinausführen. Es schien mir, als läge eine leichte Färbung von Spott auch in diesen letzten Worten. Das verdross mich. Ich überwand den Degout, den instinctiven Schauder, den ich fühlte, dieser stolze Mann sollte sich nicht rühmen können, eine Faiblesse an mir gesehen zu haben. Ohne die geringste Flection der stimme rief ich lächelnd: "O, fürchten Sie Nichts, Herr Wahl! in uns Frauen der Aristokratie ist Mut und Race, wir dauern aus, wo Ihre Bürgerfrauen matt zusammenbrechen. Für die Wissenschaft ist mir kein Sacrifice zu schwer. führen Sie mich jetzt nach haus, bestellen Sie die nötigen Bestecke, sorgen Sie für die anatomischen Präparate, die uns indispensabel sind und kommen Sie in drei Tagen zu mir, wir wollen unsern Cursus dann beginnen."

"Sie scherzen, Frau Gräfin!" sagte Friedrich.

"Was berechtigt Sie zu dem Glauben, dass ich dies der Mühe wert finde?" fragte ich mit einem superben Accent von Hochmut, vor dem Friedrich erbleichte. Als ich dies sah, fühlte ich, dass man diesem mann gegenüber andere Alluren annehmen müsse, als gegen die an weibliche Impertinenz gewöhnten Männer der Salons. Ich lenkte ein, gab ihm mit graziösem Lächeln mein Händchen und sagte neckisch: "Auf übermorgen also, mein Herr Professor! Sein Sie nur nicht zu rigorös mit Ihrer Elevin und denken Sie hübsch, dass wir Frauen der Aristokratie unsere eigentümlichen Alluren haben, für die ich im Voraus Ihre Nachsicht erbitte. Wollen Sie die haben?"

"Frau Gräfin," rief Friedrich, "o Sie wissen es, dass diesem Blicke, diesem Klange kein Mann widersteht, warum ziehen Sie mich in einen Zauberkreis, in dem ich niemals zu leben hoffen darf?"

"So tragisch?" sagte ich. "Aber wer denkt denn an Zauber und Zauberkreise? Von Anatomie ist die Rede, und ich erwarte Sie also übermorgen. Auf Wiedersehen, mein Herr Professor!"

Ich sprang aus dem Wagen, er geleitete mich zu meinem Zimmer, wo ich ihn mit einer nobeln Handbewegung congedürte.

Während ich meine Toilette machte für einen Ball bei dem preussischen Gesandten, liess ich meinen Kammerdiener kommen und sagte ihm, ich wünsche ein Changement mit meinem Laboratorium vorzunehmen. Der Schornstein müsse vermauert, die Fenster mit Spiegelgläsern versehen, ein Fenster oben an dem Plafond angebracht werden, weil ich volle Lumière brauche. Dann bestellte ich einen Sectionstisch mit einer Marmorplatte, Schränke für anatomische Präparate, Glasflaschen und Spiritus zur Conservirung derselben und eine Menge von Odeurs der kostbarsten Art, um während der Lectionen zu räuchern und sich später damit zu desinficiren. Dabei machte ich die Condition, dass Alles in zwei Tagen beendet sein müsse.

Als ich eben mein Bracelett anlegte, und Rosalinde noch einen Esprit von Brillanten an meiner Coiffure befestigte, trat der Fürst Callenberg ein, und blieb wie geblendet von meiner Schönheit in der halb erhobenen Portière meines Boudoirs stehen, in das ich bereits aus dem Toilettenzimmer getreten war.

"Sie kommen sehr apropos, lieber Fürst!" rief ich ihm entgegen. "Ich war heute in der Morgue, um mich mit dem Anblick von Cadavern zu familiarisiren, da ich übermorgen meinen anatomischen Cursus beginne. Könnten Sie mir nicht die Leiche irgend eines Kindes aus einem aristokratischen haus verschaffen? Es liegt mir etwas Unbehagliches darin, an einer Leiche von niederm stand zu operiren."

Der Fürst sah mich mit einem fast stupiden Ausdrucke von Bewilderung an. "Aber meine Gräfin!" sagte er, "was für miraculöse Inclinationen hat Ihre immense Seele? Sie vaguiren aus einem Extrem in das andere. Werden Sie denn niemals ein Genügen finden? Sie wissen, ich respectire Ihre Alluren, indessen dies