der Bürgerlichen ist es miraculös schwach und sie entschwinden mir sehr leicht wieder."
Der Angeredete sagte sehr ruhig: "Ich heisse Friedrich Wahl."
"Ein Deutscher also?"
"Ja, gnädige Gräfin."
"Und was führt Sie nach Paris?"
"Ich bin Prosector an dem anatomischen Cabinet."
Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte mich. Ich fragte: "Sagen Sie mir, mein Herr, gibt es Menschen, die das Unglück haben, ohne Herz geboren zu sein?"
"Unmöglich! gnädigste Gräfin!" entgegnete Friedrich, "auch ist dies ein Mangel, über den sich wie mich dünkt, noch Niemand beklagt haben wird, am wenigsten in Ihrer Nähe."
Ein glühendes Rot überflog sein Gesicht. Der milde Klang seiner stimme frappirte mich angenehm. Ich zog mein Lorgnon hervor, ihn zu betrachten. Er machte mir einen lebhaften Eindruck. Gross, kräftig und regelmässig gebaut, mit schönen, gradlinigen Gesichtsformen, grossen blauen Augen, über die sich oft ein feucht verschwimmender Glanz ergoss, und mit reichem hellbraunem Lockenhaar, war er der Typus eines Deutschen, eine angenehme Diversion unter all den dunkeln Franzosen und fadblonden Engländern. Seine Tournure hatte Nichts von der recherchirten Nachlässigkeit der eleganten Cavaliere, seine Toilette war die simpelste von der Welt, sein ganzes Maintien erinnerte mich an die Haltung Napoleon's, wie er in sich selbst ruhend, mit übereinander geschlagenen Armen dargestellt wird.
Er hielt meinen blick ruhig aus und sagte, indem ein leises Lächeln über seine Züge glitt: "Sie scheinen kurzsichtig zu sein, Frau Gräfin! Befehlen Sie, dass ich Ihnen näher rücke?"
Diese Worte von einem mann gesprochen, der noch wenig Augenblicke vorher ganz fascinirt gewesen war von dem Zauber meiner Schönheit, machten mir einen wunderbaren Effect. Ich wollte diese Impertinenz mit einem wahrhaft aristokratischen Contrecoup vergelten und fragte: "Wollen Sie mir sagen, mein Herr Wahl, was Sie zu mir führt? Sie bedürfen wahrscheinlich einer Protection, die Sie in mir zu finden hoffen und die ich gern gewähren will."
Friedrich lächelte wieder und entgegnete: "Gnädige Gräfin! ich bedarf keiner Protection, denn ich bin ganz und gar unabhängig."
"Sie sind reich?"
"Im Gegenteil. Ich würde Ihnen vermutlich arm erscheinen, hätten Sie Gedächtniss genug, die Einkünfte eines Bürgerlichen zu behalten; aber ich bin reich, weil ich früher ganz arm gewesen bin und mir also relativ sehr reich erscheine."
"Und wem verdanken Sie diese Wandlung Ihrer Verhältnisse?"
"Mir selbst, und ich möchte auch sonst Niemandem Etwas verdanken."
Friedrich's Selbstgefühl enchantirte mich, weil es mir in dieser Weise neu war. Ich hatte mich bis dahin in halbliegender Stellung, mit prächtiger aristokratischer Nachlässigkeit verhalten und mit der Kette meines Lorgnon gespielt. Jetzt fand ich, dass dieser Mann die Mühe verlohnte, sich für ihn aus den indolenten Alluren zu reissen. Ich richtete mich empor, kreuzte graziös meine Füsschen auf dem Tabouret und lehnte meine superbe, sammetweiche, fabelhaft kleine Hand auf das dunkle Sophakissen. Sie sah darauf aus wie eine rötliche, chinesische Primel, die im Frühjahr zum ersten Sonnenstrahl aus dem dunkeln Erdreich hervorguckt. Ich merkte, dass Friedrich, trotz seines Selbstgefühls, trotz seines forcirten Spottes, kein Auge von meinen Händchen verwenden konnte, und ich gönnte ihm generös die Freude des Anstaunens, indem ich sie in das rechte Licht brachte.
"Aber um Alles in der Welt, lieber Professor!"
sagte ich lachend zu dem Chemiker, der schweigend und ganz verwundert über diese originelle erste Entrevue dagesessen hatte, "was haben Sie mir da für einen wunderlichen Gast gebracht. Ich glaube, Sie wollen mich persuadiren, statt der chemischen Analysen einmal einen Charakter zu analysiren, wer weiss, ob ich dazu das Talent habe und ob die Elemente nicht so flüchtig sind, dass ich sie nicht zu fixiren verstehe."
"Sie würden noch mehr erstaunen, verehrteste Gräfin," sagte der Chemiker, "wenn Sie wüssten, was meinen Freund zu Ihnen geführt hat. Er ist ein begeisterter Anhänger der Jetztzeit, des Liberalismus, der entwicklung der Humanität, wie sie sich jetzt unter uns offenbart, und war begierig, Sie, gnädige Gräfin, kennen zu lernen, weil ich ihm erzählt hatte, dass all dieses für Sie gar nicht existire."
"In der Tat," fiel ihm Friedrich, abermals flüchtig errötend, in das Wort, "in der Tat, ich war begierig, eine Frau kennen zu lernen, die ganz Paris als das Wunder der Schöpfung anstaunt, deren Geist alle Welt anerkennt und die es dennoch möglich gemacht haben sollte, sich vor dem Einflusse der heiligsten und erhabensten Ideen zu bewahren, die die bewegende Kraft unsers Jahrhunderts sind."
"Also auf eine Proselytin war es abgesehen!" rief ich aus. "O, mein Herr Wahl! den Gedanken desavouiren Sie gewiss, wenn Sie mich kennen. Ich bin nun einmal von einer besonderen natur, ich bin wunderbar exclusiv, mein Geist hat seine eigentümlichen Alluren. Vielleicht, dass ich mich zu gross fühle, mich in Ihre heilige Allgemeinheit zu verlieren, vielleicht scheine ich mir eines besonderen Loses würdig, ein être à part zu sein. Denken Sie, was Sie wollen. geben Sie mir Seraphsschwingen, mich zum Aeter zu tragen, oder die Fledermausflügel eines Dämons, mich hinabzusenken in die nächtlichen Tiefen der Existenz – nur vor den Alluren Ihrer