. "Wozu das Verbrechen, noch einmal Leben zu erwecken in einem Herzen, das aufgehört hat zu vibriren?" fragte er.
"O!" rief ich, "vergib, vergib! Ich wollte ja versuchen, ob ich Dich lieben könne?"
"Und Du glaubst, ein Mann sei der Spielball Deines törichten Willens? Du glaubst, ein Mann sei da, Deine müssigen eiteln Capricen zu befriedigen, weil Du schön bist? Denn schön bist Du!"
Ich schwieg. Er hielt mich am Handgelenk fest, das er mit einer Vehemenz presste, welche mir Tränen in die Augen trieb.
"Liebst Du mich?" fragte er.
Mein Stolz war auf das Empfindlichste verwundet; Ermanby imponirte mir, aber er sollte es nicht wissen, weil ich ihn nicht liebte, und mit vollkommner Ruhe sagte ich, während ich zu lächeln versuchte, ein deutliches "Nein!"
Da schleuderte der Lord meine Hand von sich und sagte mit einem eisigen Hohne: "So soll doch der Moment, in dem ich das lästige Leben von mir werfe, wenigstens dazu dienen, das kälteste, hochmütigste Weib zittern zu lehren, so soll doch das herzloseste Weib mich niemals vergessen."
"Um Gottes Willen, Ermanby! was willst Du tun?" rief ich schaudernd. "Mann, um der Liebe willen, die ich suche, suche, ohne sie zu finden, was ersinnst Du?"
Ich hatte noch nicht die letzten Worte vollendet, als ein kleines Terzerol in des Lords Hand aufblitzte, ein Knall – und Ermanby sank lautlos in die Couchette zurück. Mit einem Schrei des furchtbarsten Entsetzens brach ich zusammen.
Als ich erwachte, lag ich auf meinem Lager. Rosalinde sass an meiner Seite, durch die geöffnete tür entdeckte ich den Fürsten Callenberg, aufgestützt an einem mit Arzneigläsern besetzten Tische. Es war Nacht, eine Lampe erhellte das Zimmer, der Fürst schien zu schlummern. Ich hatte keine distincten Vorstellungen, nur die Ahnung eines terriblen Evenements schwebte mir vague vor der Seele. Ich mochte meinen Erinnerungen nicht durch meine Kammerfrau zu Hilfe kommen lassen, ich befahl ihr, den Fürsten zu rufen.
"Wo ist Ermanby?" fragte ich ihn, als er an meinem Lager stand.
"Beerdigt gestern Morgen."
Eine eisige Hand legte sich über meine Stirn und mir war, als wolle mein Bewusstsein aufs Neue schwinden, aber ich raffte die ganze Energie meines Wollens zusammen und fragte, wie man von einem Gestern sprechen könne, da Ermanby ja noch am Morgen bei mir dejeunirt hätte.
"Pardon! meine Gräfin!" sagte der Fürst, "Sie haben mehr als zwei Tage in tiefem Todesschlummer gelegen. Sonst würden Sie ja die Vorgänge von gestern und heute wissen!"
"Die Vorgänge? Und was ist denn vorgegangen?"
"Sie meinen nach der Ankunft Ihres Mannes?"
"Ist der Graf von seiner Excursion retournirt?"
"Mein Gott! auch das wissen Sie nicht einmal?" fragte der Fürst. "Sie wissen nicht, dass, als Sie aufschrieen im Moment von Ermanby's tod, Servillier hineinstürzte, und Sie in seinen Armen hielt, in dem Moment, in dem Ihr Mann heimkehrte?" Er hatte Servillier gleich am ersten Abende in seiner Verkleidung erkannt, die Excursion mit den Elslebens war nur fingirt, er wollte Sie überraschen, weil er sicher wusste, den Vicomte in Ihrer Nähe zu finden.
"Und dann?" fragte ich indignirt über diese Perfidie meines Mannes.
"Nun! Dann hat er den Vicomte gefordert, sie haben sich geschossen und noch am Abende ist Ihr Mann nach England gegangen," berichtete der Fürst phlegmatisch.
"Aber Servillier?"
"Ist vierzehn Stunden nachher gestorben; in meinen Armen gestorben. Ihr Name, meine Gräfin, war sein letztes Wort."
Ich schwieg. Eine Welt von Emotionen drang auf mich ein; Geister der Verstorbenen, blutige Leichen hielten ihren wahnsinnigen Reigen vor meinem inneren Auge. Mein Hirn schwindelte, meine Seele erbebte, mein Herz war kalt. Ich sehnte mich nicht nach meinem Gatten, ich dachte ohne Liebe an die beiden Männer, welche für mich und durch mich gestorben waren. Ja, selbst ein Gefühl des Hasses mischte sich in die Erinnerung an sie. Sie waren mir durch ihren Tod Gegenstände des Entsetzens, und weshalb? – Hatte ich Einem von ihnen ein Glück zu danken? Warum hatten sie sich in die verzehrende Glut meiner Nähe gewagt, diese erbärmlichen Eintagsfliegen? Warum hatten sie versucht, diese schwachen Naturen, in den Kreis einer Diogena zu treten, deren Kometenlauf sie fortreissen musste aus der bescheidenen Bahn, welche solch kleinen Seelen prädestinirt ist.
Ich richtete mich empor, gross und frei, wie Marius auf den Ruinen von Kartago. "Rosalinde!" sagte ich, "legen Sie mir ein elegantes Reisenegligee zurecht und lassen Sie packen. Sobald es Tag wird, gehen wir nach Paris."
"Darf ich Ihnen folgen?" fragte der Fürst.
"Fürchten Sie nicht das Schicksal der Andern?"
"O nein, meine Gräfin, wie sollte ich, da ich nicht die Prätensionen habe, wie Jene. Ich kann ja weder hier allein zurückbleiben, noch Sie allein reisen lassen, so folge ich Ihnen nach Paris."
Ich reichte dem Fürsten die Hand. "O!" rief ich, "Sie sind sublime in Ihrer Treue. Das ist die wahre instinctive Treue