Dann trennen wir uns oder versuchen, ob es uns tentirt zusammen zu sterben!" sagte er mit einem Gleichmut, vor dem ich schauderte. Wie konnte ein so junger Mann bereits alle Quellen des Lebens erschöpft haben! Bot denn das Leben so wenig oder war er einer der Titanen, die den schäumenden Becher schnell bis auf seine Hefe leeren, um ihn dann mit Degout von sich zu schlendern? Was für trostlose Erfahrungen, was für Deceptionen musste er erlitten haben, um nicht mehr an Liebe, an Freude zu glauben, um nur im tod einen neuen Reiz für seinen Geist zu finden! Ich dachte an mein eigenes unverstandenes Dasein, ich fragte mich, wie, wenn wir Beide berufen wären, die trostlose Leere zu füllen, die wir fühlen? Er fesselte doch wenigstens mein Interesse, er gab meinen Gedanken eine Richtung, er machte mir Furcht.
Ich setzte mich an seine Seite und sagte, indem ich zu lächeln versuchte: "Sie erwarten schwerlich, dass ich Ihren Reiseplanen beistimme, Mylord! Ich bin Graf Bonaventura's Frau –"
"Das eben reizt mich," meinte Ermanby. "Ich möchte wissen, wie er sich dabei betragen würde, wenn sein Freund ihm seine Frau entführte; die Deutschen sind so troublesome in diesen Angelegenheiten."
"Und wenn ich nun dennoch fest erklärte, nicht reisen zu wollen?"
"So würde ich nicht weiter darauf bestehen."
"Und Sie behaupten, dass Sie mich lieben?"
"Ja, Diogena! ich liebe Dich! – O!" rief er plötzlich und ein Feuer, wie ich es nie in ihm gesehen hatte, flammte über sein ganzes Wesen empor, "o, Diogena! lass den Funken unter der Asche schlummern, die sich über mein Herz gelegt hat."
Er stand auf, seine Bewegungen waren ganz Nerv und voller Energie. Er ging heftig im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor mir stehen und sagte: "Es war eine Zeit, in der ich an das Leben glaubte, in der ich die Liebe erstrebte und die Treue erwartete, weil ich selbst treu war. Damals hatte ich eine Braut, so rein, so hold, wie das erste Weib, das hervorging aus den Händen des Schöpfers. Sie war mir verlobt und entfloh mit meinem Bruder, den ich geliebt hatte mit allen Fibern meines Herzens. Ich gab den Beiden ein Rendez vous auf der Insel Chios, mein Bruder – – doch wozu dies?" rief er und ging wieder mit grossen Schritten auf und nieder. Eine dunkle Wolke hatte sich über seine Stirne gelagert, es war etwas Dämonisches in ihm, ich konnte meine Blicke nicht von ihm wenden.
Bebend vor angstvoller Erwartung fragte ich leise: "Und wo ist Ihr Bruder?"
"Er starb auf Chios" antwortete er kalt und tonlos.
"Und das Mädchen?"
"Ueberlebte ihn nicht lange!"
Eine dumpfe Pause trat ein, während welcher der Lord seine heftige Wanderung in meinem Zimmer fortsetzte. Ich wagte nicht zu sprechen, ich war dominirt von der miraculösen Empfindung, welche die Vögel zwingt, der Anakonda in den Rachen zu fliegen, die ihnen todbringend ist. Nach einer Weile setzte sich der Lord so ruhig neben mich nieder, als wäre nie eine Emotion durch seine Seele gegangen. Er nahm meine Hand und sagte mit seiner gewohnten, glacialen Kälte: "Diogena! höre mich recht an; es ist Ernst, was ich Dir sage. Du bist so schön, dass Deine Schönheit wie die Sonne alle Nebel, alle Gewitterwolken zerstreut, die sich über mein Leben gelagert haben. Mir ist, als liebte ich Dich, als wäre mir Deine Liebe wirklich noch ein Besitz, welcher der Mühe, ihn zu empfinden, wert wäre. So will ich Dich denn besitzen. – Verstehst Du mich nicht, Diogena? Willst Du mein sein im Leben? Oder wollen wir sterben zusammen, noch heute, noch in dieser Stunde?"
Mir war, als öffne sich eine neue Welt meinen Augen. Aber dies war ja ein Mann, wie ich ihn gesucht hatte; ein Mann, der Nichts verlangte vom Leben, als Liebe. Ich fragte mein Herz, was es für ihn empfände. Es schwieg wie immer. Meine Phantasie war occupirt durch ihn; ich fühlte, dass ich die Seine werden könne, mit jener horribeln Indifferenz, mit der ich des Grafen Frau geworden war; aber das war es nicht, was er verlangte, nicht, was ich erstrebte. Ich war ausser mir über die Kälte meines Herzens, ich wollte ja lieben, dies war eine natur, weit über die Grenzen des Gewöhnlichen erhaben, warum konnte ich ihn nicht lieben? Warum fühlte ich keinen Impuls für ihn zu leben, ihm den Glauben an Glück wiederzugeben, ohne Egard, ob ich selbst es fände oder nicht? Ich war innerlich deprimirt, ich verzweifelte an mir selbst, am Leben. Ich fühlte, es würde niemals anders werden und mir immer lästiger; und doch hatte ich die Apprehension vor dem tod, die allem Lebenden so tief inne wohnt. Ich war mir incomprehensible. Aber die innere Wahrheit meiner natur trug den Sieg auch diesmal gloriös davon. Ich gestand dem Lord, dass er mir Staunen, aber keine Liebe abgewinne.
Er sah mich mit einem furchtbaren Blicke an. "Und wozu das elende Spiel in dieser Stunde, Diogena?" fragte er