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, ihn zu achten, ihn zu beklagen; plötzlich fiel mir ein Gedanke sternenhell in die Seele und schnell sagte ich: "Beantworten Sie mir eine Frage. Wenn Ihnen Alles indifferent ist, wenn Nichts Sie fesselt, welches Interesse haben Sie, mir zu folgen?

"Die Neugier, teuerste Gräfin!"

"Die Neugier?" wiederholte ich.

"Ja! die Neugier zu wissen, wie Sie ein gleiches Schicksal wie meines, dem Sie entgegengehen, ertragen werden. Es ist langweilig, blasirt zu sein und doch zu leben, es erfordert Kraft, Heroismus und ich möchte wissen, ob Sie die haben."

"Und was werden S i e tun, Mylord?" fragte ich.

"Leben!" antwortete er, und tranchirte ein Cotelett.

Mir schauderte und der Lord imponirte mir. Ich gestand ihm das freimütig.

"Das wundert mich nicht," entgegnete er, "das ist mir schon oft begegnet, aber es freut mich von Ihnen, dabei empfinden Sie doch Etwas und das gönne ich Ihnen."

"Und Sie empfinden Nichts? gar Nichts, Mylord? Sie haben keinen Wunsch?"

"O doch! Ich möchte mit Ihnen zusammen sterben. Ich dachte mir es gestern, als ich Sie Abends so schön dastehen sah, in der Lampenbeleuchtung, welche aus Ihrem Zimmer auf den Balcon fiel. Sie sind die schönste Frau, die ich seit lange erblickte. Ich möchte wissen, wie dieses schöne Antlitz in der Agonie des Todes aussieht; ich möchte wissen, was ich empfände, hätte ich das schönste Weib umgebracht, um deren Besitz andere Männer alle Torheiten der Welt begehen würdenund wüsste ich das, dann, glaube ich, möchte ich selbst sterben wollen, weil ich dann Nichts mehr finden möchte, was meine Neugier reizte."

"O! Du bist entsetzlich, Mann!" rief ich zitternd vor nie gefühlter Emotion, "aber Du bist ein Mann! Warum fanden wir uns nicht früher? Warum lernte ich Dich nicht kennen, als Dein Männerherz noch nicht alle seine Pulsschläge des Wollens, des Wünschens und Begehrens verlernt hatte, als noch die Liebe Dir das Leben zur Lust machen konnte? O, das Fatum ist unerbittlich in diesem entsetzlichen Zuspät! Eine Gigantenseele eristirte hienieden und ich fand sie zu spät! Aber warum kamst Du nicht früher, warum fanden wir uns nicht?"

Der Lord sah mich mit starrem, festem Blicke an, setzte die Teetasse nieder und sagte nach einer Pause innerlicher Meditation: "Man hat mir in Kairo von Saaten erzählt, die Jahrtausende hindurch in den Pyramiden gelegen hatten und zu blühen anfingen in Frühlingsfrische, als sie dem Lichte der Sonne wieder exponirt wurden. Bist Du die Sonne, Diogena, dass Du in meinem Herzen ein neues Blühen hervorrufst? Es wäre remarquabel wie jenes!"

Indolent wie immer, blieb er in seiner Couchette liegen, die er bis zu meinem Sopha heranrollte, dann ergriff er meine Händchen und zog mich empor, so dass ich vor ihm stand.

"Ich glaube, wir lieben uns!" sagte ich, ohne recht zu wissen, was ich sprach.

"So scheint es mir," entgegnete der Lord, indem er meine hände und arme mit seinen Küssen bedeckte.

In diesem Momente erscholl im Nebenzimmer ein heftiges Geklapper, ich fuhr erschrocken empor und der Lord sagte mismutig: "Aber, teure Gräfin! wie uncomfortable ist Ihr Arrangement, dass man durch Geräusch beleidigt wird in Stunden, in denen die Seele der Ruhe bedarf! Aendern Sie das für die Zukunft."

Es war der neue Kellner gewesen, der eine Tablette mit verschiedenen Gerätschaften zur Erde geworfen hatte. Als ich ihm Vorwürfe deshalb machte, trat er dicht an mich heran und sagte so leise, dass es nur für mich vernehmbar war: "Madonna! noch ein Wort mehr und Ermanby und ich sind Beide verloren!"

Ich bebte zusammen! Es war der Vicomte, der in dieser mysteriösen Verkleidung sich wieder in meine Nähe introducirt hatte.

Ich war wie vernichtet, ich wusste mir nicht zu helfen, keinen Ausweg zu finden. Eine innere stimme sagte mir, opfre den Mann, den Du nicht liebst, für den, den Du liebst! Aber das war eben die Verzweiflung, ich liebte sie Beide nicht, ich sah es mit erschreckender Deutlichkeit in diesem Momente. Und doch rührte mich die Devotion des Vicomte, doch interessirte mich Ermanby's Apatie, doch lag ein belebendes Element in der Gefahr meiner Position, das mich anregte wie der Schall der Kriegsdrommete den jungen Krieger, der sich tatendurstig nach Schlachten und Kämpfen sehnt.

"Liebe ist Gehorsam! Liebe ist Glaube!" sagte ich leise zu Servillier. "Verlassen Sie mich, Anatole, wenn ich an Ihre Liebe glauben soll."

Er tat, wie ich es verlangte. Ich atmete auf, soulagirt von der Angst dieses Momentes, und entzückt über die schöne Hingebung des Vicomte. Der Lord hatte nicht einmal den Kopf gewendet, er sah ruhig auf seine Fussspitzen nieder, plötzlich fragte er mich:

"Wann wollen wir reisen, Diogena?"

"Reisen?" wiederholte ich verwundert, "und wohin?"

"Gleichviel!"

"Aber wozu denn?"

"Um mit einander zu sein, so lange es uns Freude macht, so lange wir uns lieben."

"Und dann? Und wenn wir uns nicht mehr lieben?"

"