1847_Lewald_148_13.txt

Armen umschlang er meine Taille: "Diogena! Madonna!" rief er aus, "nicht diesen kalten, herzlosen blick, der in das Weite vaguirt; auf mich, Diogena! wende Deine Augen. Sieh mich zu Deinen Füssen, fühle meine arme, die Dich enlaciren, die Dich halten, um Dich Deinem kalten, berechnenden Gatten zu entreissen, Dich dem Norden zu entführen, wo Schnee und Eis sich um Dich lagern! – Diogena! mein Engel! folge mir in meine schöne Provence, denn Du musst folgen, Du musst mein sein; denn ich lasse Dich nicht, auf mein Wort, ich lasse Dich nicht! Aber Diogena, Du hast kein Herz!"

Er hatte mich an sich gepresst, mir schwindelte, meine Sinne drohten mich zu verlassen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, ich wusste nicht, ob ich träume oder wache, glücklich oder miserabel sei. Ich empfand eigentlich gar Nichts und willenlos duldete ich die stürmischen Küsse und Schwüre des Vicomte.

Als ich mich erholte, fiel mein erster blick auf den Fürsten Callenberg, der in einiger Entfernung stehen geblieben war. Mit der ihm eigenen Impassibilität und Discretion hielt er meinen Shawl und meinen grünen Fächer, und tat, als ob er sich mit diesem spielend gegen die Sonne schütze, nur um mir durch seine unvermeidliche Gegenwart nicht à charge zu sein.

In der Ferne erblickte ich meinen Mann und Aurora. So wenig liebte er mich, dass er mich ruhig den leidenschaftlichen Bewerbungen des Vicomte überliess, die ihm nicht entgangen sein konnten. Das ganze Gewicht des schmerzlichen Irrtums, der mich mit ihm verbunden hatte, die trostlose Leere meines Herzens an seiner Seite, das passionirte Verlangen nach Liebe und Liebesglück standen in frappirender Deutlichkeit vor meinem inneren Auge. Alles, was Bonaventura mir zu bieten hatte, kannte ich nun à fond, hatte ich ungenügend gefunden. Ich wusste, dass solche ekstatische Momente, wie er sie in den Stunden unsers ersten Begegnens gehabt, eben nur Momente waren, die seinen modernen Ideen von der Pflicht gegen die Zeit und die Menschheit immer weichen mussten. Ich musste mir gestehen, dass er in den Augen der Welt ein sehr achtbarer Charakter, das Muster eines jungen Edelmannes sei, aber er war nicht das Ideal eines Mannes, wie ich es mir geträumt hatte, wie ich es zu finden berechtigt war. Ich fühlte, es würde mir nicht Ruhe lassen, bis ich den Rechten gefunden hätte, und in diesem Augenblicke ward mir, wie durch mysteriöse Revelation, der Sinn meines Wappens klar und zum Lebensgesetze.

Servillier hielt, wie vernichtet durch mein Schweigen, noch immer meine hände in den seinen; eine tiefe Glut lag über seinem ganzen Wesen ausgebreitet. Eine dämonische stimme in mir rief: Versuche, vielleicht ist er es. – Ich blickte ihn fest an, ich wollte es mit meinem Auge in dem seinen lesen; meine fascinirende Kraft magnetisirte ihn. "Diogena!" rief er mit einer solchen Gewalt und Intensität der Liebe, dass der Ton tief in meinem inneren wiederklang; eine Ahnung möglichen Erfolges durchzuckte mich, und überwältigt von einer namenlosen sehnsucht nach Glück, lehnte ich mein Haupt an ihn und sagte ganz bewildert: "O, wenn Du lieben kannst, lehre mich lieben!"

"Und Du hast nie geliebt?" fragte er, beseligt von dem Gedanken, der erste Mann zu sein, der all die seligen Emotionen in mir hervorzurufen erwählt war, welche wir Liebe nennen. "Du hast nie geliebt? O! Aber das ist ja zu viel Wonne! zu viel! Madonna!"

"Nein! Anatole!" sagte ich, "nicht zu viel für das Gut, das ich von dir erwarte; nicht zu viel, wenn Du ein Mann bist, wie ich ein Weib; wenn Du die Kraft besitzest, das Perpetuum mobile meines Herzens zu sein, es unablässig in der immer gleichen Vibration ekstatischen Vollgefühls zu erhalten."

"Und was muss ich dazu tun? Madonna!"

"Wie kann ich's wissen, da ich's noch nicht fand?"

"O! rief er, nun sollst Du's kennen lernen! Komm! komm! mein Engel! lass uns hinauf zu den hellsten Höhen des berges! Lass uns hinauf ins Freie, und wenn die Erde in ihrer zauberischen Schönheit sich vor dir ausbreitet, wenn die Sonne Alles goldig beleuchtet, dann denke, dass ich der Beherrscher der Welt sein möchte, um Dir sie zu Füssen zu legen, und dass ich wollte, meine Liebe wäre wie die Sonne, um Dein ganzes Wesen zu beleben und zu durchleuchten, wie jene die Welt."

Mit einem Jubelrufe hob er mich in den Sattel und wir sprengten mit solcher Eile den Berg hinan, dass wir, trotz des Aufentaltes, oben in den Ruinen vor allen Andern angelangt waren. Zum ersten Male fehlte der Fürst an meiner Seite. Er war in einen wunderlichen Conflict mit sich selbst geraten. Als wir seinen Blicken entschwunden waren, fuhr er sich mit der Hand über die Stirne, wie Jemand, der einen wüsten Traum geträumt hat.

"Diable!" sagte er zu sich selbst! "wie ist mir denn? Mir ist so warm, als hätte ich eine Wette gehalten beim Pferderennen, und hätte die Partie verloren. Aber was kümmert mich denn die Comtesse mit ihrer Miene à la sainte N'y touche; mag sie doch