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Einige Gegenstände, die sie wohl verlegt haben musste oder sonst nicht finden konnte, bestärkten sie noch mehr darin, und sie hatte jetzt wirklich nichts Eiligeres zu tun, als zu Squire Dayton's Haus zu laufen und die Gerechtigkeit allen Ernstes anzurufen, damit jenes Boot aufgehalten und ihr zu ihrem Rechte verholfen würde. Squire Dayton war aber eben so wenig zu Haus, als irgend eine der Damen, wenigstens gab ihr Nancy hierüber die Versicherung aus dem Fenster heraus, ohne sich dabei die Mühe zu nehmen, der sehr erhitzten Lady die Tür zu öffnen.

Ihre einzige Hoffnung blieb jetzt der Constabler. Um aber rasch zu dessen haus zu kommen, da er an dem andern und äussersten Ende der kleinen Stadt wohnte, musste sie etwa zweihundert Schritt, auf einem schmalen Fahrweg hin, durch ein Dickicht gehen, das hier aus einer früheren Rodung wieder aufgewachsen war. Rasch schlug sie auch diesen Weg ein, und hatte etwa die Hälfte desselben zurückgelegt. Eine Eiche war hier quer über die Strasse gestürzt, und als sie um diese herum ihre Bahn suchen wollte, trat ihr plötzlich, wie es schien zu beiderseitiger Ueberraschung, ein Mann entgegen, dessen ganzes Aussehen in diesem etwas abgelegenen und selten betretenen Teile allerdings ein Erschrecken der sonst gerade nicht sehr schreckhaften Dame rechtfertigte.

Die Kleider hingen ihm fast in Streifen vom leibdie Haare umstarrten ihm wild den blossen Kopf, und der Bart musste Wochen lang kein Rasirmesser gefühlt haben. Schweiss und Blut klebten ihm dabei auf Gesicht und Händen, und M o r d stand ihm mit fürchterlichen Zeichen auf der Stirn und sprach aus seinen stier, aber misstrauisch umherschweifenden Augen.

"Jesus Maria!" rief Mrs. Breidelford, als der Mann plötzlich vor ihr stand und den blickgleichfalls überrascht, fest und prüfend auf sie geheftet hielt. – "Was wollen Sie, Sir? Was sehen Sie mich so stier an, Sir? Ich bin auf dem Wege zum Constablerer wohnt keine zehn Schritt von hier, und der Friedensrichter kommt dicht hinter mir!" Und damit trat sie rasch etwas zur Seite und suchte an der unheimlichen Gestalt vorüber zu schreiten. Der Fremde rührte sich auch gar nicht, er folgte ihr nur mit den Augen. Als sie aber gerade an ihm vorüberschritt, und nur noch einmal misstrauisch den Kopf nach ihm hinwandte, flüsterte er leise:

"Mrs. Dawling!"

Wären die wenigen Silben der Bannfluch irgend eines morgenländischen Zauberers gewesen, nach denen Mrs. Breidelfort von nun an verdammt sein sollte, drei- bis viertausend Jahre unbeweglich und in der gerade angenommenen Stellung auf einem Platz stehen zu bleiben, so hätte die würdige Lady über den einfachen, eben genannten Namen nicht mehr erschrecken können. Ihre Augen fingen dabei an, sich aus ihren Höhlen zu drängen, so erstaunt und zugleich entsetzt hafteten sie auf dem Mann, der unzweifelhaft ein für sie fürchterliches geheimnis kennen musste. Dieser aber, ohne auch nur im Mindesten den hervorgebrachten Eindruck weiter zu beachtenausser dass vielleicht ein trotziges Lächeln für einen Moment um seine Lippen zucktetrat rasch einen Schritt gegen sie vor und flüsterte:

"Folgt Euch der Friedensrichter w i r k l i c h dicht auf dem Fuss?"

"Nein," stammelte Mrs. Breidelford und schien noch immer weder zu Atem noch zu völliger Besinnung gekommen zu sein – "neiner kommter kommt nicht."

"Desto besserIhr müsst mich verbergendie Verfolger sind mir auf den Fährten. Im wald konnte ich den verdammten Schurken nicht mehr entgehenwie die Indianer spürten sie meiner Fährte nach, und ich musste mich endlich, als ich die breite Strasse traf, auf dieser halten. Vielleicht aber sind sie dicht hinter mirjede Minute kann mich in ihre hände bringen, also macht schnellführt mich in Euer Haus."

"Heiland der Welt, Henry Cotton, so wahr ich wünsche gesund zu bleiben und selig zu werden. Cotton, nach dem ganz Arkansas fahnt. Zu m i r wollt Ihr, Mann? In mein Haus? Das geht nicht, das ist unmöglich – I h r müsst fort."

"Ich kann nicht weiter," knirschte der Flüchtling. – "Matt und abgehetzt, wie ich bin, würde ich den Verfolgern augenblicklich in die hände fallenich muss wenigstens einen Tag rasten. Gift und Pest! Über vierzehn Tage werde ich nun schon wie ein Panter gehetzt, und zehnmal den Rettungsweg vor Augen, den sichern Hafen fast erreicht, immer und immer wieder zurückgetrieben in Elend und Notimmer wieder gejagt und umstellt und auf Mord und Raub förmlich angewiesen. Verbergt mich deshalb in Eurem haus, bis ich im stand bin über den Fluss zu setzen, oder vielleicht auch in irgend einem Boot stromabjawenn es nicht anders sein kann, bis auf die Insel zu gehen. Ich habe dieses Leben satt und w i l l es nicht länger führen."

"In mein Haus könnt Ihr nicht, Sir," rief die witwe schnell – "ich bin eine alleinstehende Frau, und wenn –"

"Oh, lasst zum Donnerwetter den Unsinn!" rief Cotton ärgerlich – "die Pest über Euer Schwatzenbringt mich in Sicherheit."

"Es geht wahrhaftig nicht an," rief die würdige Dame in Verzweiflung, "denkt nur, wenn Ihr in d e m Aufzug durch die Stadt und in meine wohnung ginget