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"Was uns abhält?" rief der Doctor unwillig, indem er stehen blieb und dem Ratgeber in's Antlitz sah – "was uns abhält? – Haben Sie gesehen, was der Mensch für Fäuste hat? Liesse sich mit G e w a l t dagegen etwas ausrichten?"

"Nein," sagte Sander lächelnd – "aber mit Listwenn man da überhaupt wirkliche L i s t anzuwenden hat, wo es nur gilt, einem solchen mit der Axt zugehauenen verstand zu begegnen."

"Aber wie?" fragte der Doctor und warf einen scheuen Seitenblick auf den Verwundeten.

"Er verweigert Ihnen, Hand, oder vielmehr Instrument an den L e b e n d e n zu legen," sagte Sander.

"Ja –"

"Gut, wenn der Mann nun stürbe."

"Aber er stirbt ja nicht," lamentirte der Doctor. – "Solche Mulatten haben Katzenleben, und an einer Hirnwunde ist, glaube' ich, noch nicht ein einziger draufgegangen. – Zähe Naturen sind's, denen das Leben nur im Magen sitzt."

"Gutwas hindert Sie dann, es auch dort anzugreifen?" fragte ihn Sander lauernd.

"Was mich hindert? Wie verstehen Sie das?"

"Ei nun, die Sache ist einfach genugwozu führen Sie diese Gifte bei sich?"

"Doch nicht um Menschen zu vergiften, Sir!" rief der kleine Doctor erschreckt aus.

Allerdings war es bei ihm zur leidenschaft geworden, menschliche Glieder zu seciren und sich in eine "Wissenschaft hineinzuarbeiten" – wie er's selber nanntevon der er kaum im stand gewesen, oberflächliche Kenntniss zu erwerben. In der Ausübung derselben hielt er denn auch Alles für vollkommen gerechtfertigt, was einem ihm einmal unter die hände gefallenen Opfer zustiess. Nie aber hätte er es so weit getrieben, wirklichen M o r d zu begehen, u m eben dieser leidenschaft zu fröhnen, ja der Gedanke war vielleicht noch nicht einmal in ihm aufgestiegen, denn er starrte den jungen Verbrecher mehrere Secunden lang ganz erstaunt und bestürzt an. Dieser aber, der einsah, dass er vielleicht, gleich beim ersten Anlauf, ein wenig zu weit gegangen sei, lenkte rasch wieder ein und sagte:

"Verstehen Sie mich nicht unrecht, Sirnicht t ö d t l i c h e s Gift würde ich dem Burschen geben, nur irgend einen unschädlichen, aber doch dahin wirkenden Trank, dass er in einer Art Starrkrampf liegen bliebe, wo Sie dann nicht allein im stand sein würden, ihn mit fortzunehmen, da die unwissenden Farmer das sicherlich für den Tod selbst hielten, sondern ihn auchein Sieg der wirklichen Kunstwieder herzustellen."

"Hm, soja soauf die Art meinten Sie das? – hm ja, das wäre vielleicht eher möglich. Da könnte man zum Beispiel –"

Seine Rede wurde hier durch Cook kurz abgeschnitten, der in diesem Augenblick mit einem grossen Blechbecher irgend eines kühlenden, von Mrs. Lively selbst bereiteten Getränks in der Tür erschien und ohne weitere Umstände zum Lager des Kranken schritt.

"Dan," sagte er – "Danwie geht Dir's?"

"Besser!" flüsterte der arme Teufel nach kleiner Pause, während er die Augen aufschlug und einen leisen Dank murmelte, als ihm Cook den Becher an die Lippen hielt – "Massa CookIhr seid gut," sagte er dann, während er mit einem tiefen Seufzer wieder zurücksank – "recht gutaberlasst die beiden Männer einmal hinausgehenwill Euchwill Euch wichtige Nachricht mitteilen."

"Die beiden Herren da, Dan? – ei die mögen dableiben," meinte Cook – "es ist doch kein geheimnis, was mich allein betrifft?"

"Nein," stöhnte Dan, und man sah es ihm an, wie schwer ihm das Reden wurde – "neinnicht alleingeht Alle an in Arkansasviel böse Buckraswill's Euch aber allein sagen."

Cook bat nun die beiden Männer, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen. Sander natürlich suchte alle möglichen Entschuldigungen vor, nur wenigstens in der Nähe zu bleiben; Cook aber, da der Mulatte unter keiner andern Bedingung reden wollte, bestand fest darauf, und er musste sich zuletzt fügen.

Cook und Dan hatten nun eine gar lange und heimliche Conferenz mit einander, bei der selbst der Pflock innen vor die Tür geschoben war, um auch die geringste Störung zu vermeiden.

Erst als Dan wieder, vom vielen Reden erschöpft, ohnmächtig wurde, oder doch in eine Art bewusstlosen Zustand verfiel, rief der junge Farmer die beiden Frauen herüber, die sich erboten hatten, die Wunden zu besorgen, und besprach sich nun, während es sich der Doctor nicht nehmen liess, wenigstens gleichfalls hülfreiche Hand anzulegen, mit dem vermeintlichen Mr. Hawes über das, was er eben von des Mulatten Lippen gehört.

Dieser nämlich, obgleich er recht gut das Bestehen der Insel kannte, da Atkins schon sehr viele Pferde dortin besorgt und ihn selbst einmal bis zum Stromufer mitgeschickt hatte, war doch nicht im stand, die Lage derselben genau anzugeben, ja wusste nicht einmal bestimmt, ob sie dicht über Helena, oder weiter abwärts liegewenn er sie auch in der Nähe dieser Stadt vermutete. So viel aber sagte er als gewiss aus, dass