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, ja dergleichen hatte er sich noch nicht einmal für möglich gedachtMonate lang krank im Bettneinein paar Tage lang vielleicht, wenn ihn einmal das kalte Fieber schüttelte, aber auf keinen Fall länger.

"'s hat keine Not," sagte er und griff dabei in den Nacken, um einen ihn dort lästig werdenden Holzbock fortzunehmen – "bin einmal daran gewöhntich kann das Schuhwerk nicht leiden."

"Ach, dazu bringen Sie ihn nicht," meinte die alte Mrs. Lively, kopfschüttelnd, "was habe ich da nicht Alles schon geredet und gebeten, er bleibt bei seinem Dickkopf, und lässt die Schuhe lieber verschimmeln, als dass er sie anzöge. Höchstens Sonntags bequemt er sich einmal dazu, wenn er mit mir zur Kirche reitet."

Dem Alten fing es an unbehaglich zu werden, und er wollte gehen, Adele aber trat ihm jetzt in den Weg und sagte, bittend dabei seine Hand ergreifend:

"Kommen Sie, Mr. Lively, zeigen Sie einmal, dass die Frau Unrecht hat und dass Sie auch nachgeben können. – Nicht wahr, Sie ziehen die Schuhe heute an? Sehen Sie, da drüben steigt ein Wetter herauf; wenn es regnet und Sie sind mit blossen Füssen weit im wald drin, da m ü s s e n Sie ja krank werden."

Lively blickte verzweiflungsvoll nach der Tür. Das junge schöne Mädchen war aber nicht so leicht abgefertigt wie seine Frau. – Mit den grossen sprechenden Augen blickte sie ihm so bittend und treuherzig in's Gesicht, dass er schon, fast wie unwillkürlich, anfing die rauhen Sohlen auf der Diele abzustreichen, als ob er direct in die heute wirklich unvermeidlichen Schuhe hineinfahren wollte. Das bemerkte seine Frau aber kaum, als sie auch schon rasch an den Schrank lief, um die von dem Gatten sonst so wenig gebrauchten und "Fussquetschen" genannten Schuhe herbei zu holen. Gleich darauf standen sie, mit gelösten Riemen und sauber abgestäubt, dicht vor ihm, und als er noch einmal von Mrs. Dayton wie von Adele recht freundlich gebeten war, nur dieses Mal ihrem Rate zu folgen, und dann vorsichtig erst in den rechten und dann in den linken Schuh hineingesehen hatte, als ob er etwa glaube, es habe sich in der langen Zeit, in der sie unbenutzt gestanden, irgend ein junges Schlangenpaar häuslich darin niedergelassen, schüttelte er lächelnd mit dem kopf, blickte noch einmal in's Freie und fuhr endlich, als er hier jeden Rückzug dreifach abgeschnitten sah, tief aufseufzend in die ihm lästige Fussbekleidung. Während er sich die Riemen zuband, hielt ihm seine Frau das Gewehr.

Als er endlich zum zweiten Mal Abschied genommen hatte und über den schmalen Hofraum schritt, begegnete ihm Cook, und er ging dicht hinter einem dortliegenden Trog weg, damit Jener nur nicht sehen sollte, er trage Schuhe. – Es kam ihm so fremdartig vor, dass er sich ihrer ordentlich schämte.

"Ich bin wirklich froh!" sagte Adele lächelnd, als der alte Mann endlich über die Fenz gestiegen war und hinter den dichten büsche der Waldung verschwand, "dass wir ihn so weit gebracht haben. In seinen Jahren ist es doch sicherlich gefährlich, dem Wetter auf solche Art zu trotzen."

"Mich wundert, dass er's tat," meinte Mrs. Lively, "das hab' ich aber nur Ihnen zu verdanken, meine gute Missso gern er mich hat, mir zu Liebe hätte er sie im Leben nicht angezogen. Jetzt will ich aber auch sehen, ob ich ihn nicht dabei behalten kann, und wenn er mir eine Weile die Schuhe getragen hat, ei, dann schwatz' ich ihm am Ende auch noch die wollenen Socken auf!"

Gute Mrs. Livelywie Du in Deiner Unschuld da so freundliche Pläne auf rindslederne Schuhe und wollene Socken bautest! – Hättest Du Deinen Alten in demselben Augenblick, wo Du Dich Deines Sieges freutest, gesehen, Deine kühnen Hoffnungen würden sich nicht zu solcher Höhe hinauf geschwungen haben.

Und was tat old man Lively?

Er schritt langsam und vorsichtig, als ob er auf Eiern ginge, in dem teils ungewohnten, teils verhassten Schuhwerk wirklich in den Wald, wie es seine Frau von ihm verlangt. Kaum aber hatte er das düstere Dämmerlicht der Holzung betreten, da warf er den blick zurück und schaute sich um, ob er die Heimat noch von da aus, wo er sich gerade befand, erkennen könne. Jaer sah durch die Büsche den hellen Schein der Häuser schimmern. – Weiter wanderte er, noch etwa hundert Schritt, bis er zu einem kleinen Dickicht von Dogwoodbäumen kam, das tief versteckt im stillen Haine lag.

Und was tat old man Lively hier?

Er lehnte vorsichtig seine Büchse an einen Hickory, band sich dann beide Schuhbänder wieder eins nach dem andern auf, zog die Schuhe aus, hing sie sorgsam oben hinein in den laubigen Wipfel eines niedern Dogwoodbusches, streckte dann das linke und dann das rechte Bein, als ob er irgend ein lähmendes oder beengendes Gefühl hinausdehnen wollte, schulterte auf's Neue, aber diesmal viel rascher und freudiger, seine Büchse und zog nun mit so schnellen und lebhaften Schritten in dem leise rauschenden wald hin, und lächelte dabei so stillvergnügt und selbstzufrieden in sich hinein, dass gewiss Jeder, der ihn so gesehen hätte, seine recht herzliche Freude an ihm gehabt haben müsste