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sich, wie ein dünner Schleier, über die trübe Stromfläche, und selbst der letzte lichte Schein an den hohen Uferbäumen hatte einer blässeren mattgrauen Färbung Platz gemacht.

In einzelne der hohen Sykomoren und Pappeln stiegen ganze Schaaren weisser und blauer Reiher nieder, um hier ihren Nachtstand zu nehmen. Quer über den Strom zogen zwitschernde Flüge von Blackbirdsdie nordamerikanischen Staare. – Auch die Krähen suchten mit dumpfem Krächzen ihren gewöhnlichen Ruheplatz, während lange Ketten von Wildenten dicht über das wasser mit schnell schwirrenden Flügelschlägen dahinstrichen und hier und da einen scheuen Loon auftrieben, der dann, wenn sie vorüber waren, wieder, wie ärgerlich, mit den leise klagenden Lauten seinen früheren Platz auf einem alten treibenden Baumstamm einnahm, mit dem er vor Tag vielleicht mehrere zwanzig Meilen stromab zurücklegte.

Aus dem wald heraus wurden dabei die Frösche lauter und lauter, und zwischen das helle monotone Geschrei der kleineren Gattungen fiel manchmal, im harmonischen Bass und mit grimmig tönender stimme, irgend ein ernstafter Ochsenfrosch ein und gab dadurch dem rauschenden Tenor- und Sopranchor eine gediegenere Grundlage. Zahlreiche Nachtfalken kreuzten dicht am land hin, und über dem westlichen Ufer schwebte sogar, in diesen flachen Gegenden als seltener Gast, ein weissköpfiger Adler, das Symbol der Vereinigten Staaten, und suchte, den schönen Kopf mit den grossen klugen Augen gar scharfsichtig seitwärts gebogen, nach irgend einem unglücklichen Trutahn, den er gern aus den Zweigen herausgeholt und seinem eigenen Horst zugetragen hätte.

Tom Barnwell musste scharf rudern, um nicht von der Strömung auf den obern teil der Insel getrieben zu werden. Einmal aber die äusserste Spitze umschifft, nahm ihn auch die Flut selbst daran hin, und da er auch keine Snags und vorragenden Baumstämme zu fürchten brauchte, von denen sich sein leichtes Boot bald selbst wieder losgeschwungen hätte, so legte er die Ruder bei, lehnte sich behaglich zurück, und trieb nun, die Augen fest auf die hier und da hervorblitzenden Sterne geheftet, den Strom hinab. Lange hatte er in dieser Stellung verharrtder dunkelblaue Himmel blitzte und funkelte in seinem prachtvollen Schmuck und der Wald rauschte neben ihm, während unter den Planken des leichten schlanken Fahrzeugs die wilde Flut gurgelte und murmelte und ihre eigenen wunderlichen Betrachtungen zu haben schien. Es war eine wundervolle Nacht, und stiller, heiliger Friede lag auf dem breiten ruhigen Strom.

Ach, was für ein aus tiefster Brust heraus geholter Seufzer entfloh da den Lippen des jungen Matrosenhatte der wilde Bootsmann des Mississippi solch bitteres geheimes Weh zu tragen? – Waren das T h r ä n e n , die dem rauhen Mann die Wimpern netzten und ihm leise, leise an den Schlafen hinabträufelten? –

Er sprang auf und warf sich die langen braunen Locken halb unwillig aus der Stirn, ohne die Augen zu berührener wollte die Tränen nicht anerkennen.

"Zum Henker mit den Dämmerstunden," murmelte er vor sich hin, "ist's doch immer, als ob's einem ordentlichen Kerl da gleich breiweich um's Herz werden müsste; und wenn man erst einmal in das endlose Blau da hinaufstarrt, und hier und da so ein paar glänzenden Sternen begegnet, die wie Augen zusammenstehen, – da möchte man doch fast glauben, der ganze Nachttau liefe Einem in den Tränendrüsen zusammen und wollte nun auch augenblicklich wieder hinaus in's Freie. Bahhier im wald blitzen die Sterne ebenfalls, und diese tausend und tausend Glühkäfer, die in einander schwirren und glitzern und ein förmliches Feuernetz um die düsteren Baumschatten zu ziehen scheinen, glänzen auch wie Augen. – fliegen aber doch vernünftiger Weise umher, und starren Einem nicht immer so ernst und wehmütig entgegen."

Er nahm langsam das eine Ruder auf und legte es in's wasser. Er wollte seinen Kahn damit näher zu den rauschenden Baumwipfeln hinlenken, in deren Dunkelheit Miriaden von Glühwürmern das heimliche Reich der Bäume mit einem ganz eigentümlichen, fast zauberhaften Licht erhellten.

"Wetter noch einmal," murmelte er jetzt vor sich hin, und suchte sich augenscheinlich dabei auf andere Gedanken zu bringen – "was für ein Paradies müsste das hier in diesem herrlichen Klima, unter dieser wundervollen Pflanzenwelt sein, wenn es keine –" er schwieg einen Augenblick und sah trübe sinnend vor sich nieder, fuhr aber dann wieder rasch auf und rief halblaut und finster -"Mosquitos und Holzböcke gäbedie Pest über alle Insecten, mögen sie nun der unvernünftigen oder vernünftigen Tierwelt angehörendie Pest über die Canaillensie wären im stand, selbst das Paradies in eine Hölle zu verwandeln."

Er horchte plötzlich hoch auf, denn gar nicht weit von ihm entfernt, und dicht aus dem wildesten, das Ufer umdämmenden Baumsturz, tönte ihm helles, fröhliches lachen einer Mädchenstimme entgegen.

"Nun, bei Gott, das ist wunderlich," sagte der junge Mann erstaunt, "hat sich denn hier, in gerade solchem Dickicht, eine Einsiedlerin niedergelassen, wie da oben ein Einsiedler? – Die Beiden sockten doch wenigstens zusammenziehen." Und fast unwillkürlich lenkte sich die Spitze seines Bootes dem Orte zu, von welchem her das lachen klang.

"Hahaha, wie sie da drinnen durch die Büsche kriechen und den entflohenen Vogel wieder hinein haben wollen in den goldenen Käfig," – rief da die stimme. "Hol' über, Bootsmann, hol' überan's andere Ufer, Fährmannes wird dunkel, und die feuchte Nachtluft dringt mir kalt und schneidend durch die dünnen Kleider