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für gefährlich halten. – Es schwimmt eine ganz anständige Zahl von Leichen in diesem Vater der wasser wie Brocken in einer Suppe herumich möchte nicht gern einer von den Brocken sein."

"Ja, das ist wahr!" sagte der Kentuckier, "vor Victoria besonders treiben viele vorüber; denkt aber auch nur, wie manches Dampfboot zu grund geht. Da ist's ja dann kein Wunder, dass die erst versunkenen Leichen auch wieder zum Vorschein kommen. Aber wollt Ihr denn schon fort? Wenn Ihr bloss nach Montgomerys Point gedenkt, habt Ihr wahrlich nichts zu versäumen."

"Ei nun, ich bin einmal unterwegs," meinte Tom, während er aufstand und den letzten Rest aus dem Blechbecher leerte, "und da will ich doch auch hinunter; überdies soll ich ja dort meinen Alten wieder treffen, der hier am Ende an mir vorbeifährt. Aber hört einmalwo giess' ich denn den Whisky hinein? Ich möchte ihn Euch gerne dalassen, denn da Ihr hier so schlecht damit beschlagen seid –"

"Gar zu gütig!" lachte der Mann, "die Gabe nehme ich übrigens mit Dank an; an Gefässen fehlt's freilich, doch habe ich hier ein paar Rohrstöcke, die halten wohl eine Pint."

"Ach was, da geht ja gar nichts hinein," brummte Tom – "doch halt, gebt sie einmal her, wie weit ist's noch bis Montgomerys Point und wann kann ich unten sein?"

"Ei doch wohl noch vierundvierzig Meilen; wenn Ihr aber bis Abend rudert und die Nacht hindurch treibt, so könnt Ihr es mit Tagesanbruch erreichen."

"Gut, so behaltet Ihr die Kruke hierdas Rohr hält so viel, als ich brauche, bis ich hinunter komme, und unten gibt's mehr."

"Was? Die ganze Kruke?" rief der Kentuckier erstaunt – "ei, Mann, Ihr seid grossmütig."

"Ihr seht," sagte Tom lächelnd, "ich weiss wie's, tut, ohne Whisky zu sein, bin's auch schon manchmal gewesen und fühle deshalb mit jedem Menschen Mitleiden, der sich in gleich trauriger Lage befindet. Unser halbes Boot ist übrigens mit Whisky geladen, und da könnt Ihr wohl denken, dass es gerade nicht auf eine Gallone ankommt. Aber adees wird spät, und ich möchte doch noch gern morgen früh alle die Geschäfte abmachen, derentwegen ich eigentlich heruntergekommen bin; so guten Abend dennwie war Euer Name?"

"Robert Bredschawund der Eurige?"

"Tom Barnwell," lautete die Antwort, während das schmale Boot schon wieder in die Strömung hinausschoss, sich, bis Tom die Ruder ergreifen konnte, ein paar Mal umdrehte, und dann, dem starken Arm des jungen Mannes gehorsam, rasch über die gelben Fluten dahinschoss.

Tom hatte sich bei seinem neugewonnenen Freunde doch länger aufgehalten, als es anfangs seine Absicht gewesen, noch dazu, da er erst einen sehr kleinen teil seiner Fahrt zurückgelegtBredschaw's bescheidene wohnung lag nämlich nur sieben englische Meilen zu wasser von Helena entferntdoch hoffte er auf die starke Strömung, die ihn wohl auch ohne grosse Anstrengung seinem Ziele zuführen würde.

Die Sonne lag schon auf den Wipfeln der Bäume, als er aus der kleinen Bucht vorschoss, und da es in Nordamerika fast gar keine Dämmerung gibt, sondern die Nacht sich scharf von ihrem freundlicheren Bruder abscheidet, so legte er sich noch recht wacker in die Ruder, den letzten Tagesschein soviel als möglich zu benutzen. Links von ihm lag die sogenannte "runde Weideninsel", ein flaches unbewohnbares Stück Land, dessen äusserste Ränder schon jetzt, da der Mississippi erst zu steigen anfing, unter wasser standen, während es fast in jedem Jahr von der Flut vollständig bedeckt wurde. Inmitten dicht mit Weiden bewaldet, hatten rings um diese herum, ein Zeichen neu angeschwemmten Bodens, junge Baumwollenholzschösslinge Wurzel geschlagen, und bildeten nun, je nach der Mitte zu höher und höher emporsteigend, eine so regelmässige Anpflanzung, dass es fast gar nicht aussah, als ob sie nur der wildstreuenden natur ihre dortige Existenz zu danken hätte, sondern von Menschenhand in terrassenförmiger Ordnung gepflanzt und gehegt sei.

Diese liess er jetzt hinter sich, und mitten im Bett des ungeheuren Flusses zog sich die Strömung mehrere Meilen lang hin, bis dort, wo eine andere Insel "Nr. Einundsechzig", die Flut teilte und die grössere Hälfte der Wassermasse an das westliche Ufer hinüberwarf; dies wurde noch dadurch befördert, dass die Strömung durch eine ziemlich scharfe Biegung des linken Ufers, gerade oberhalb "Einundsechzig", schräg, fast über die ganze Flussbreite getrieben ward. Fast alle herabkommenden Boote liessen deshalb auch diese Insel links liegen und schnitten nur bei hohem wasser die zwei oder drei Meilen ab, die sie sonst zurücklegen mussten, um wieder zwischen dem östlichen Ufer von Nr. Zwei- und Dreiundsechzig und dem Mississippistaate durchzufahren.

Tom nun, der die Flussbahn des Mississippi nicht kannte und nur nach dem Ueberblick, den er von einer Uferspitze bis zur andern bekam, seine Fahrt regelte, sah, dass der Strom hier einen ziemlich starken Bogen zur Rechten mache, und hielt, um den abzuschneiden, scharf gegen das östliche Ufer hinüber, was auch für sein leichtes Boot der nächste und der beste Weg stromab sein musste. Immer schneller dunkelte es aber jetzt, ein leichter Nebel legte