nur eine Nacht unterwegs sein; aber – wie komme ich dazu? Die Flasche liegt im Boot, da werde' ich wohl wieder durch die Dornen zurück müssen."
"Ei Gott bewahre," sagte der Kentuckier, "wenn wir den Whisky so nahe haben, so soll auch schon Rat geschafft werden, ihn herzubekommen, ohne durch solche Wildniss zurückzukriechen. Ich fahre rasch in meinem Canoe hin und hole das Boot hierher. Alle Wetter, war mir's doch fast so, gerade ehe Ihr kamt, als ob ich Whisky röche – entweder habe ich eine verdammt gute Nase, oder es gibt Ahnungen."
Damit sprang er rasch die Uferbank hinunter, stieg in sein Canoe, verschwand damit um die kleine Landspitze, die der Fluss hier oben bildete, und kehrte schon nach wenigen Minuten mit Tom's Boot zurück, das er jetzt an seiner eigenen Landung befestigte, während Tom selber ihm dabei zu hülfe kam und die Whiskykruke mit hinaufnahm.
"Nun sagt mir aber in aller Welt, wo wollt Ihr so allein mit der Kruke hin?" fragte der Kentuckier endlich, als sie ihren Hunger einigermassen gestillt hatten und einen zweiten "steifen Grog" in dem einzigen Blechbecher bereiteten. "Ihr gedenkt doch nicht nach New-Orleans hinunter zu treiben? Das wäre ein verwünscht langweiliger Spass."
"Nein," sagte Tom, "ich will nur sehen, wie die Preise in Montgomerys Point sind. – Wir haben hier oben in Helena ein Flatboot, und da unser Steuermann so grosses Wesen von jenem Ort machte, so gedachte ich einmal vorauszufahren und mich ein bischen nach Allem zu erkundigen."
"Nun Gott sei Dank," lachte der Holzschläger, "das war der Mühe wert, auch noch nach dem Nest einen besonderen Boten vorauszuschicken. Wenn's noch Napoleon, an der Mündung des Arkansas, wäre; aber auch da sind keine besonderen Geschäfte zu machen, denn die Leute dort kaufen wenig mehr, als sie für ihren eigenen Bedarf nötig haben, und das ist s e h r wenig. Nein, da hättet Ihr in Memphis noch viel bessere Geschäfte machen können als hier, wenn Ihr überhaupt nicht bis Vicksburg oder Natchez hinunter wollt. Seid Ihr denn in Memphis gelandet?"
"Nein, unser Steuermann meinte, dort sei auch gar nichts mehr abzusetzen, da die Memphis-Kaufleute ihre bestimmten Waaren jetzt fast einzig und allein aus Kentucky bezögen."
"Unsinn – Ihr mögt einen besonders klugen S t e u e r m a n n haben, vom Handel versteht er aber, wenn er das sagt, nichts."
"Vielleicht nur zu viel," lachte Tom; "ich habe den Burschen in Verdacht, dass er irgend einen guten Freund in Montgomerys Point hat, dem er die Waaren zuzuschieben gedenkt. Da soll er aber unter dem falschen Baum gebellt haben, denn so lange ich ein Wort mit hineinreden darf, bekommt sie Keiner, den e r recommandirt."
"So so?" meinte der Kentuckier, "auch möglich – in Kentucky habe ich überhaupt viel über die Mississippi-Bootsleute munkeln hören, was keineswegs sehr zu deren Vorteil spräche. Hier kann man freilich nichts Näheres darüber erfahren, obgleich ich mich schon manchmal gewundert habe, wie oft hier in der Nacht Boote vorbeirudern, und zwar nicht allein stromab, denn das wäre nichts Besonderes, nein, auch stromauf, und zwar ziemlich regelmässig vor der Morgendämmerung. Weiss der Henker, wer da so grosse Eile hat, dass er nicht Tageslicht wie ein stromauf gehendes Dampfboot abwarten kann, und sich lieber abquält und plagt, gegen die starke Flut dieses Flusses anzuarbeiten. Wahrscheinlich muss in Helena, oder auch in Montgomerys Point, irgend eine heimliche Spielhölle sein, zu der das alberne Volk bei Nacht und Nebel hinschleicht, um sein gutes Geld förmlich in einen Abgrund zu werfen. Gestern Nacht rief ich einmal eins an, das gerade hier unten an der Spitze und noch dazu mit umwickelten Rudern vorüberfuhr, – es war ein Nachbar hier, der nach Victoria hinüber musste – sie wollten ihn aber nicht mitnehmen und meinten, sie wären schon überdies zu schwer geladen. Ich hatte wahrhaftig gleich nachher das Vergnügen, ihn selber hinunter zu fahren. Doch was kümmert's mich, lass sie ihr Geld todtschlagen, wie sie wollen, ich weiss besser wohin damit, und wenn jene in den Tag hinein lebenden wilden Gesellen einmal keinen Platz haben, wohin sie ihr Haupt legen können, dann sitz' ich behaglich auf meiner guten Farm und bin für mein übriges Leben versorgt."
"Behaltet Ihr denn aber das Geld, was Ihr verdient, bei Euch?" fragte jetzt Tom; "da würde' ich doch nicht recht trauen – in d e r Art hat der Mississippi keinen besonders guten Namen. Wenn Ihr nun einmal vom haus fortgeht?"
"Ei, das halt' ich gut versteckt," lachte der Holzhauer, "finden soll's schon so leicht Keiner. Es lässt sich dabei aber auch nichts Anderes tun, denn ehe ich's einer von den Arkansas- oder Mississippi-Banken anvertraute, könnt' ich's eben so gut verspielen; da hätt' ich doch wenigstens ein Vergnügen davon, wenn auch ein schlechtes."
"Nun, ich weiss nicht," meinte Tom, "mit Geld hier so ganz allein im wald zu sitzen, würde' ich jedenfalls