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Dort ging's aber heute gar wild und lustig zu; reiche Beute war am vorigen Tage eingekommen, noch reichere wurde in Kurzem erwartet, und die Führer hatten Beide die Insel verlassen, was Wunder dann, dass sich dieses wüste Volk zügelloser Völlerei überliess und jetzt nur noch mit Mühe von dem fast allein nüchternen Peter im Zaume gehalten werden konnte. Wieder und immer wieder musste sie dieser vor den Folgen warnen, wenn vorüberfahrende Boote den Lärm hören sollten. Die Schaar war fast nicht einmal mehr einzuschüchtern und behauptete, das sei schon oft vorgefallen, und kein Flatbootmann würde darin etwas Ausserordentliches finden, wenn er Lärmen und Geschrei auf irgend einem sonst unbewohnten oder ihm wenigstens unbekannten platz höre. Ueberdies könne ja doch keiner landen, dafür wäre gesorgt.
Peter, der sich nicht anders zu helfen wusste, hatte schon mehrere Male des Capitains Frau zu bereden gesucht, zwischen die Trunkenen zu treten und sie zur Ordnung anzuhalten, diese aber tröstete ihn fortwährend mit Kelly's baldigem erscheinen, und immer wieder umsonst verschwendete er Bitten und Drohungen an die zügellose Bande.
Da landete Bolivar, verbarg seine Jolle und betrat den inneren, von den Gebäuden eingeschlossenen Raum, wo er mit wildem Jauchzen von den Zechenden begrüsst wurde. Nun war der Neger sonst allerdings eher mürrischer, verschlossener natur, und hielt sich am liebsten fern von den Weissen, die ihn doch stets seiner Hautfarbe und Abstammung wegen verachteten. Heute aber, in seiner jetzigen Stimmung und Aufregung kam ihm ein solches Treiben gerade gelegen. Seine Augen glänzten in lebendigerem, wilderem Feuer, und mit einer Art Schlachtschrei – wer weiss denn, ob er nicht in dem Augenblick an die tollen Kämpfe in Kongo oder Guinea zurückdachte – ergriff er die dargereichte Flasche und schien sie im wahnsinnigen Rausche leeren zu wollen.
"Hallo!" rief aber da ein langer Bursche aus Illinois – "hallo, mein Turkei-Bussard, willst wohl den Brunnen auf einen Ansatz austrinken? Abgesetzt, Schneeherzchen, abgesetzt und Atem geholt, nachher kann man auch noch ein vernünftiges Wort mit zur Unterhaltung beitragen."
"Die Pest auf Eure Unterhaltung," brummte der Neger, "Euer Brandy ist mir lieber – aber gebt her die Flasche – er schmeckt. Wo habt Ihr d e n wieder aufgegabelt. Aus den nördlichen Staaten, wie?"
"Hahaha – die braune Chocoladentafel hat eine superfeine Nase," lachte der Illinoiser, "wittert den Braten auf Tischlänge – weiss, dass wir ganz kürzlich ein kostbares Nordboot gekapert haben, und ist nun so verdammt scharfsichtig, zu ergründen, dass dieser vortreffliche Pfirsichbrandy aus dem Norden kommt. Aber, Schätzchen, Du musst auch Kunststücke machen, wenn Du trinken willst, musst Dir Dein tägliches Brod verdienen, auf dass Dir's wohlgehe und Du lange lebest auf Erden."
"Oh geht mit Euren Narrheiten zum Teufel, Corny, gebt die Flasche, sag' ich, mich durstet – nein? – ei so behaltet Euer Gesöff und fahrt zur Hölle – 's wird wohl noch anderer aufzutreiben sein." Und damit wandte er sich ab und wollte zu seinem eigenen kleinen Wohnhause, das dicht an das seines Herrn angeschmiegt stand, gehen. Corny vertrat ihm aber den Weg, und während er ihm mit der linken Hand die bis dahin verweigerte Flasche vorhielt, erfasste er mit der rechten seinen Arm und rief:
"Halt da, meine Alabasterkrone, so kommst Du mir heute Abend nicht fort – ich habe den Burschen hier – Gelbschnäbel, Bolivar, die eben aus den Buckeiestaaten herauskommen, elende erbärmliche Hosiers nur – von Deinen Schädelfähigkeiten und Kopfarbeiten erzählt – nicht Hirnproducte, Bolivar, sondern reine Schädelmanufactur. – Weisst Du wohl, alter Bursche, wie Du uns neulich mit der Stirn den Käse durchgeschlagen hast? denke Dir, die Lumpe hier wollen mir das nicht glauben – Landratten die es sind – ich habe um zwanzig Dollar mit ihnen gewettet, Schneeball; willst Du sie mir verdienen helfen? Halbpart, mein Silberfasan!"
"Ich wär' gerade heute Abend zu solchen Albernheiten aufgelegt," knurrte der Neger, "– die Pest auf Eure zwanzig Dollar, ich habe heute mehr Dollar verdient, als Ihr in Euren Hut schütten könnt – zwanzig Dollar – bah!" – und er schlug dem Weissen ein Schnippchen und wollte sich von ihm losmachen. Der aber, nicht gesonnen, den einmal Gefassten so bald wieder loszulassen, hielt nur um so fester und rief, während er den Uebrigen einen von dem Neger unbemerkten schlauen blick zuwarf und Etwas an seinem Körper umherfühlte:
"Hier, Bolivar – hier, meine zuckersüsse Puderquaste, meine liebenswürdige Teerose – hier sieh einmal, was sagst Du zu dem Messerchen, ah? Verlohnte es sich denn der Mühe, eines solchen Prachtstücks wegen einmal einem Freund gefällig zu sein?"
Die Uebrigen drängten jetzt auch auf Bolivar ein, und während einige von ihnen ihn bestürmten, lachten andere und riefen: er wisse selber am besten, dass er es nicht könne, deshalb sei er auch so bereitwillig. Bolivar dagegen, ohne sich weiter um Hohn oder Bitten zu kümmern, griff nach dem Messer und heftete den funkelnden blick auf den herrlich verzierten Stahl. Es war ein türkischer Scimitar – Gott weiss wo erbeutet, auf jeden Fall aber leicht gewonnen – mit mattgrüner gewässerter Klinge und kostbarem, gold- und silbergeschmücktem Griff – eine Waffe, die ein Sultan hätte tragen können.
Wäre er nüchtern gewesen, so musste