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Deine hässliche Gesellschaft los; so habe denn dieses eine Mal Deinen Willen. Wo sind ich das Pferd?"

"Ich zeig' Euch den Platz, wenn wir hinkommen."

"Und die Strasse?"

"Keine fünfhundert Schritt westlich von dort."

"Führt keine rechts oder links ab."

"Keine," sagte der Neger düster – "habt keine Angst, Ihr könnt d e n Weg nicht verfehlen."

Olyo schien beruhigt und regierte von da aus das Steuer regelmässiger. Bolivar aber überflog jetzt forschend mit den Blicken die weite Fläche des Stroms, die er von dort aus übersehen konnte. Nichts liess sich erkennen, als drei oder vier Flatboote, die langsam und träge mit der Flut stromab kamen. Das kleine Boot geriet jetzt in die stärkere Strömung, die dicht am Ufer hinschoss, und Bolivar ruderte aus Leibeskräften.

"Haltet ein klein wenig mehr stromauf," rief er dem Knaben zu – "noch mehrsodie Flut reisst uns sonst unter jenen Baumwollenholzbaum."

"Der Fluss steigt!" meinte der Mestize, während er auf die rasch vorbeitreibenden gelben Schaumblasen sah. – "Nun, Zeit ist's auchdie Missouri-wasser haben dieses Mal lange auf sich warten lassen. Aber halt, Bolivarhalt, sag' ichverwünschter Nigger, Du führst mich ja mitten in die nassen Büsche hier hinein," rief der Kleine plötzlich, als der Neger scharf in die schmale Mündung der Bayou hielt, die von tief in das wasser hängenden Reben und Ranken fast verschlossen war. – Bolivar schien den Rat aber nicht zu achten. – "Wirst noch nässer werden," murmelte er vor sich hin, und im nächsten Moment warf er mit schnellem Ruck die Ruder aus ihren Ruderlöchern in das Boot, während dieses, durch die letzte Anstrengung pfeilschnell vorwärts getrieben, rasch in das grüne Gewinde hineinglitt und dahinter verschwand.

Was bedeutete jetzt jener scharf abgebrochene, wilde, kreischende Angstschrei? Jenes kurze, aber verzweifelte Ringen? – Die Schlinggewächse erzitterten und aus der Bayou vor drängten sich kurze kleine Schlagwellen, als ob da drinnen irgend ein grosser fisch das wasser peitschte. – Kein laut aber wurde mehr gehörtdie Reben hörten endlich auf zu schwanken, das wasser beruhigte sich wieder, und mehrere Minuten lang herrschte ein lautloses, unheimliches Schweigen. – Endlich teilten sich die Büscheder Kahn glitt daraus hervor und hinten darin stand der Negerallein. Sein ganzes Aussehen war wild und verstört und sein Antlitz hatte eine graue Aschenfarbe angenommener strich sich die wirren Wollbüschel aus der Stirn und blieb, als das Boot langsam mit der Strömung hinabtriebmehrere Secunden lang tief Atem holend stehen. Endlich warf er einen scheuen trotzigen blick nach dem grünen Dikkicht zurück, das er eben verlassen hatte, griff dann wieder zu den Rudern und arbeitete sich langsam am arkansischen Ufer hinauf, um weiter oben, quer durch nach der Insel zurückhalten zu können.

Nur einmal hielt er unterwegs an, und zwar, vor der Strömung geschützt, dicht hinter einem dort in den Strom gestürzten Baum, an dessen Aesten er seinen Nachen auf kurze Zeit befestigte. Hier wusch er sich den Oberkörper, scheuerte einzelne Teile des Bootes aus und zog dann sein Hemd und seine Jacke an. Als er die Jacke aufnahm, fielen zwei darunter geschobene und schon vergessene Briefe ins Boot hinein. Bolivar konnte zwar nicht lesen, aber dennoch betrachtete er die Adresse des einen mit grosser Aufmerksamkeites war ein Blutfleck darauf. Mit dem breiten angefeuchteten Finger versuchte er ihn wegzuwischen, doch das ging nicht, der Flecken wurde nur noch grösser und hässlicher. Er hielt den Brief jetzt ein paar Sekunden in der Hand, und schien nicht übel Lust zu haben, ihn über Bord zu werfen. Er drehte ihn bald rechts, bald links, dann aber, als ob er sich eines Besseren besänne, trocknete er die feuchte Stelle mit dem Aermel seiner Jacke so gut es gehen wollte, und schob die beiden Schreiben in die weiten Taschen seiner Beinkleider.

Schon wollte er das Tau wieder lösen, das den scharfen Bug des Fahrzeugs noch schäumend gegen die unruhigen kleinen Wellen anzog, da fiel sein blick auf den Platz, wo der Knabe vorher gesessen, und auf dessen dort zurückgelassene Mütze. Er trat ein paar Schritte vor, nahm sie auf, und sah sich rings im Boote nach etwas umder Sack und die Bleiplatten waren verschwundenim Boote lag weiter nichts als die beiden Ruder und sein eigener Strohhut.

"Verdammt," murmelte er vor sich hin – "hab' ich denn gar nichts?" – Mit den Händen befühlte er sich am ganzen Körper. Da traf seine suchende Hand einen harten Gegenstandes war sein grosses, breites Messereine schwere massive Klinge mit gewöhnlichem braunen Holzgriff und einer kleinen Kreuzplatte daran, die Hand vor dem Hineinrutschen zu bewahren. Er betrachtete es einen Augenblick, dann murmelte er leise vor sich hin:

"Hol's der Henkervon dem Zeug gibt's drüben noch mehr und bessere Waaredas hier mag seine letzten Dienste verrichten."

Und damit spiesste er die kleine Mütze auf den spitzen Stahldrückte sie bis dicht unter das Heft, und hielt sie mit ausgestrecktem Arm hinaus über das wasser. Im nächsten Moment spritzten die Wellen empor und schlossen sich augenblicklich wieder über der tief hinabtauchenden Waffe.

Der Neger ruderte langsam zur Insel zurück