1847_Gerstcker_147_61.txt

wusste, dass ihn sein weisser Begleiter nicht o h n e Gewehr durch die Sclavenstaaten der Freiheit entgegenführen würde, Ueberdies war er nun doch einmal mitten zwischen den Feinden; die Zähne also fest auf einander gepresst, die Rechte am Griff des scharfen Stahls, fühlte er seinen Weg links an der Wand hin und hoffte dabei die ersehnte Kugeltasche auf irgend einer Stuhllehne, oder auf jeden Fall neben dem Kamin aufgehangen zu finden.

Jetzt war er an dem Wandschrank, der das einfache Haus- und Küchengerät der Familie trug, und untener streifte mit dem Bein daranstak der Schlüssel. Das musste jedenfalls der Aufbewahrungsort für Lebensmittel sein, und so stark quälte ihn in diesem Augenblick nagender Hunger, dass er alles Andere vergass, ja selbst die Gefahr nicht achtete, der er sich aussetzte, und so geräuschlos wie möglich die kleine Tür öffnete.

Mit welcher Gier fühlte er aber dort eine grosse Schüssel, die, wie er sich bald überzeugte, Milch entielt. Freudig hob er sie an die trockenen Lippen, um in langen, durstigen Zügen die süsse Labung einzusaugen. Kaum konnte er sich entschliessen, wieder abzusetzen, und tappte nun vor allen Dingen nach etwas Compacterem umher, was er auf seine Wanderschaft mitzunehmen gedachte. Er fand zwar nur wenige Stücken Maisbrod, schob diese jedoch schnell in sein Hemd vorn, das der Gürtel zusammenhielt, und hob nun noch einmal das Gefäss an den Mund.

"Lasst mir auch noch 'was drinnen!" sagte da plötzlich eine stimme dicht neben ihm, und fast wäre ihm vor lähmendem Schreck das schwere Gefäss aus der Hand gestürzt. – Seine Glieder bebtenregungslos stand er da und wagte kaum zu atmen.

"Mr. Cook!" sagte dieselbe stimme jetzt wieder – "Mr. Cook!"

"Was gibt's?" fragte dieser schlaftrunken aus seinem Bett – "treib' ihn hinauser ist über die Fenz gesprungen."

"Wer?" fragte Sander erstaunt.

"Der Rappe," murmelte Cook.

"Unsinnschwatzt der im Schlafe von Pferden und Fenzenich glaubte, Ihr wäret aufgestanden und tränkt einmal."

"Ja, jawas gibt's?" rief jetzt Cook, der sich, munter werdend, im Bette aufrichtete – "rieft Ihr mich?"

"Ich bin fürchterlich durstig," sagte Sander, "und glaubte, ich hörte Euch trinken. – Wo steht denn das wasser?"

"Draussen vor der Tür, auf dem kleinen Brettgleich links," erwiderte ihm der jetzt ganz munter gewordene Cook – "der Flaschenkürbis zum Ausschöpfen hängt dicht darüber am Nagel. Wollt Ihr aber nicht lieber Milch trinken? im Schranke steht eine ganze Schüssel vollsie wird doch bis morgen früh sauer."

Der Mulatte setzte schnell und leise die Schale nieder und zog das Messer aus der Scheideseine Entdeckung schien jetzt unvermeidlich, denn in der Dunkelheit durfte er, ohne sich zu verraten, keinen Schritt wagen. Wusste er doch gar nicht, wohin und auf wen er treten konnte.

"Nein, ich danke," sagte Sander – "wasser wäre mir lieber; das ist aber eine Finsterniss hier, man kann Hals und Beine brechen."

"Blast die Kohlen im Kamin ein wenig an," rief ihm Cook zu – "rechts in der Ecke liegen ein paar Kienspäne."

Der Mulatte fasste sein Messer mit festerem Griff und hoffte jetzt nur noch, sobald das Feuer emporflakkerte, auf die erste Ueberraschung der Männer, um das Freie glücklich zu erreichen. Vorher durfte er keinenfalls wagen, seinen Platz zu verlassen, da er im Dunkeln ja kaum die genaue Richtung kannte, die er zu nehmen hatte, und ihm überdies dort, wo er sich gerade befand, noch allein die Hoffnung blieb, nicht entdeckt zu werden. Sander blies jetzt mit aller Macht in die heisse Asche, vermochte aber keine Flamme zu erwecken, sondern blies sich nur die Asche ein paar Mal selber in die Augen. Endlich sprang er unwillig wieder auf und rief aus:

"Der Teufel mag das Feuer holen; – nicht die probe von einer Kohle ist mehr zu finden."

"Ihr könnt ja nicht fehlen und braucht gar nicht aus dem haus zu treten," bedeutete ihn Cook – "wenn Ihr auf die Schwelle tretet, habt Ihr den Wassereimer gleich linker Hand."

"Wie viel Uhr ist's?" fragte jetzt James, der ebenfalls wieder munter geworden war.

"Es kann noch nicht so spät sein!" erwiderte Sander – "aber, Donnerwetter, jetzt hab' ich mir die Knochen an einem Büchsenschloss geschundenundwas ist denn das? Die Tür steht ja hier aufda wird wahrscheinlich einer von den verwünschten Kötern hereingekommen sein. Wer lässt aber auch die Büchse hier unten stehen!"

"Nun, m e i n e Büchse kann es doch wahrhaftig nicht sein!" rief Cook, "die hab' ich gestern Abend selbst hinauf auf ihren Platz gelegt."

"Dann ist sie auch von selber wieder heruntergekommen," brummte Sander, "denn hier steht sie, und das Zeichen davon trag' ich am Schienbein."

"So hat sie der verwünschte Junge gehabthe, Bill!"

"Oh lasst den um Gottes willen schlafen; es wäre schade, das schöne Schnarchen zu stören. Der Herr sei uns gnädig,