wer war jener Unglückliche?"
"Mein Kind – mein Sohn!" schluchzte der Greis und drückte seine eiskalten, leichenartigen Finger fest vor die heissen, trockenen Augenhöhlen.
"Allmächtiger Gott!" sagte Tom erschüttert, "das ist schrecklich – armer – armer – Vater!"
"Und Ihr begrubt ihn nicht!" fragte dieser endlich nach langer Pause, in der er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.
"Doch – er bekam ein Jägergrab," antwortete leise und mitleidig der junge Mann; "wir hatten nichts mit uns, als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da – aber ich martere Euch mit meinen Worten –"
"Erzählt nur weiter – bitte – lasst mich Alles wissen," bat flehend der Vater.
"Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Aeste herbei, dass kein wildes Tier, wie stark es auch gewesen, ihn erreichen konnte – denn Bären lassen die Leichen zufrieden –, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm."
Edgewort starrte still und leichenbleich vor sich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und traurig umher und flüsterte:
"Wir liegen hier also auf seinem grab – i n seinem grab – und mein armer, armer William musste auf s o l c h e Weise enden! Doch seine Gebeine dürfen nicht so umhergestreut länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben, Ihr helft sie mir begraben, nicht wahr, Tom?"
"Von Herzen gern, nur – wir haben kein Werkzeug."
"Auf dem Boote sind zwei Spaten und mehrere Hacken – die Leute müssen helfen. – Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die letzte Ehre erweisen; es ist ja Alles, was ich für ihn tun kann."
"Sollen wir lieber unser Lager hinüber auf die andere Seite des Feuers machen?" fragte Tom.
"Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?" sagte der Greis; "es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein gar schmerzliches. Ich glaubte an seinem Herzen noch einmal liegen zu können und finde jetzt – seine Gebeine umhergestreut in der Wildniss. – Aber gute Nacht, Tom – Ihr müsst müde sein von des Tages Anstrengungen – wir wollen ein wenig schlafen, und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit beschäftigt."
Sicherlich nur, um den jüngeren gefährten zu schonen, warf sich der alte Mann auf sein Lager zurück und schloss die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber auf seine tränenschweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte, stand er auf, fachte das jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei dessen Licht die um das Lager herumgestreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm schweigend in seiner Arbeit und näherte sich dabei dem platz, wo Wolf, etwa dreissig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die Beiden aber sonst sehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und drohend. –
"Wolf! Schämst Du Dich nicht, Alter?" sagte der junge Mann, auf ihn zugehend, "Du träumst wohl, Du faules Vieh – weist mir die Zähne?"
Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur stärker, wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze, gerade als ob er hätte sagen wollen: Ich kenne Dich recht gut und weiss, dass Du ein Freund bist, aber hierher darfst Du mir trotz alledem nicht.
Tom blieb stehen und sagte zu Edgewort, der auf ihn zukam:
"Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht näher lassen. Was es nur sein mag?"
Edgewort ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand zwischen den Pfoten des treuen Tieres – den Schädel seines Sohnes – wobei Wolf, als Jener die Ueberreste des teuren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinauf sprang und winselte und bellte.
"Das kluge Tier weiss, dass es Menschenknochen sind," sagte der Matrose.
"Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!" rief der Greis erschrocken. "Bill hat ihn aufgezogen und ging nie, von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, einen Schritt ohne ihn in den Wald."
"Das ist ja nicht möglich – die Gebeine können keinen Geruch behalten haben. – Wie alt ist denn der Hund?"
"Acht Jahre – aber so klug wie je ein Tier einer Fährte folgte," sagte der Greis; "Wolf – komm hierher," wandte er sich dann an den Winselnden, "komm her, mein Hund – kennst Du Bill noch, Deinen alten guten Herrn?"
Wolf setzte sich nieder, hob den spitzigen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den andern und stiess plötzlich ein nicht lautes, aber so wehmütig klagendes Geheul aus, dass sich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem Tiere nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heissen, lindernden Tränenstrom seinem gepressten Herzen Luft. Wolf