Tage ruhig gestanden. Was soll aber mit dem Mädchen da drin geschehen?"
"Die – werde ich der Sorgfalt des Negers anvertrauen," murmelte der kapitän – "ich will ihm morgen früh selbst die nötigen Verhaltungsregeln geben; doch für jetzt gute Nacht, legt Euch auch ein wenig schlafen und – habt gute Acht auf den Burschen da –"
"Auf Jones?"
"Ja – er darf ohne Schwur die Insel nicht verlassen."
"Der ist treu," sagte Blackfoot.
"Gut für i h n ," murmelte der kapitän – und verschwand gleich darauf wieder in der Tür.
Fussnoten
1 Der Weisse.
8.
Der Ritt der beiden Botschafter.
Die Sonne stand schon andertalb Stunden hoch, als zwei Männer, aus schönen kräftigen Pferden, durch jene fast unwegsame und grossenteils unter wasser stehende Niederung ritten, die den Mississippi an beiden Ufern viele Meilen breit einschliesst. An einen Pfad war dabei gar nicht zu denken, nicht einmal ein Zeichen liess sich an Busch oder Baum erkennen, dass hier die fleissige Hand der Menschen schon je tätig gewesen. Nur Rohr und Unterholz gedieh, so weit ihnen das der dichte Schatten der vollbelaubten Stämme erlaubte, nach besten Kräften, und der üppige Wuchs der Schlingpflanzen schien sich in dieser Umgebung besonders wohl und kräftig zu befinden. An wenigen Stellen waren die Strahlen der Sonne vermögend gewesen, durch das Gewirr von Laub und Aesten zu dringen, und wo ihnen das wirklich gelang, da spielte auch sicherlich ein dichter Schwarm schlankhüftiger Mosquitos in dem warmen, die feuchten Schwaden der Nachtluft vertreibenden Lichte. Heruntergebrochenes Holz starrte überall vom Boden auf, und an den wenigen Plätzen, die das Auge noch erkennen konnte, verstattete das dichte, hier nie von zen kaum, sich Bahn zum Lichte zu brechen.
Die Reiter schienen aber an ihre öde Umgebung gewöhnt. Keinen blick warfen sie weder rechts noch links auf die sie umschliessende Wildniss, nur vor sich nieder sahen sie, vor die Hufe ihrer Pferde, um diesen, durch ihre höhere Stellung begünstigt, das Terrain überblicken zu helfen und die beste, das heisst die am wenigsten schlechte Bahn auszusuchen.
So sehr aber auch der Aelteste und Stärkste von ihnen in seine ganze Umgebung passen mochte, so sehr stach der Zweite, Jüngere, dagegen ab. Ein mit den näheren Verhältnissen nicht Vertrauter hätte auch wahrlich staunen sollen, wenn er die zierliche, schlanke, fast stutzerhaft gekleidete Gestalt auf dem prächtigen und edlen Rosse an einem Ort gefunden, zu dem sich, wie jeder vernünftige Mensch glauben musste, eigentlich nur ein Bärenjäger verirren konnte.
Er war schlank, ja fast schmächtig gebaut und ganz nach dem modernsten Schnitt der damaligen Pariser Mode in einen leichten hellbraunen Frack, weissseidene Weste, braunseidenen Shlips und grosscarrirte Pantalons gekleidet. Den untern teil der letzteren hatte er aber, um sie vor dem Bespritzen zu wahren, nach Art der Hinterwäldler mit einem breiten Stück grellroten Flanells umwunden, der sie bis über das Knie hinauf beschützte und auch zugleich den Fuss vollkommen umhüllte. Den Kopf deckte ein feiner schwarzer Filz, und darunter vor quollen volle und üppige, seidenweiche blonde Locken. Mit den treublauen Augen hätte man ihn auch wirklich fast für ein schönes verkleidetes Mädchen halten können, wäre nicht der keimende Flaum der Oberlippe gewesen. Nie aber schlug noch in einer menschlichen Brust ein Herz, das eines Teufels würdiger gewesen, wie in dieser – nie im Leben trog Auge und blick mehr, als bei diesem Buben, der sich, einer Schlange gleich, von seinem glatten Aeusseren begünstigt, nicht in die Häuser, nein in die Herzen Derer stahl, die er vernichten wollte, und über deren Elend er dann frohlockte.
Auf der Insel hatte er sich als Eduard Sander eingeführt und der Bande durch seine Verstellungskunst und teuflische Bosheit schon unendlichen Nutzen gebracht. über sein früheres Leben wusste aber Niemand etwas Genaueres, und da der grösste teil der Gesellschaft, der er nun angehörte, eben so wenig Ursache hatte, mit vergangenen Vorfällen zu prahlen, fragte ihn Niemand danach. Er gab sich nur kurz für den Sohn eines georgischen Pflanzers aus und stellte damit seine Umgebung vollkommen zufrieden.
Sein stets verschlossenes Wesen liess ihn aber auch unter den Kameraden, wenn er ja einmal für kurze Zeit auf der Insel verweilte, ziemlich allein stehen. Er schloss sich an Keinen an, und stand nur mit dem kapitän und dessen Frau in freundschaftlicher Verbindung, was sich freilich auch schon leicht durch den Grad der Bildung erklären liess, den er selbst genoss, und durch den, auf dem die gefährten seiner Verbrechen standen.
Der einzige von allen diesen, mit dem er zu zeiten plauderte und zu dem er sich hielt, war Blackfoot, sein jetziger Begleiter, der das Rauben gewissermassen als Geschäft betrachtete und oft behauptete, es sei bei ihm so zur leidenschaft geworden, wie beim Jäger das Bärenhetzen. Seinem Führer und kapitän dabei ergeben, war Blackfoot treu und offen, wenigstens gegen die Kameraden. Sander hatte er aber besonders deshalb lieb gewonnen, weil dieser eine eben solche Aufrichtigkeit gegen ihn heuchelte. In der Tat aber war er weit davon entfernt, ihn mit Sachen bekannt zu machen, die er nicht notgedrungen wissen musste.
Blackfoot ging in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet. Er trug Büchse und Bowiemesser, und gab sich für einen Ansiedler aus, der sich erst kürzlich dicht am Ufer des Mississippi niedergelassen hätte und nun nicht übel Lust habe, einen teil seines Vermögens in irgend einer vorteilhaften Speculation anzulegen.